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Maria Furtwängler spielt sich vom „Tatort“ frei

Fernsehen Maria Furtwängler spielt sich vom „Tatort“ frei

In einem von Panzern umstellten Luxushotel im arabischen Krisengebiet ist die deutsche Entwicklungshelferin Dorothea dabei, Hilfsprojekte zu organisieren und die dafür nötigen Spenden einzuwerben. Maria Furtwängler glänzt in „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ (Montag, 0.35 Uhr, ARD) als Frau, die gegen den Zynismus ihrer Tätigkeit ankämpft. Und zeigt, dass sie mehr kann als den üblichen Sonntagskrimi.

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Contenance verloren: Dorothea (Maria Furtwängler) und Alec (Mehmet Sözer).

Quelle: Foto: WDR

Hannover. Die Stimmung an der Hotelbar ist ausgelassen. Auf der Bühne stehen vier sichtlich angetrunkene Damen und Herren und grölen „Which Side Are You On“ zum Karaoke-Soundtrack. „Wenn ich da jetzt hochgehe“, sagt Dorothea Nagel zu ihrer Kollegin, „dann ist mein Projekt durchfinanziert“.

Wankend erarbeitet sie sich den Weg zur Bühne. Schließlich wird hier für einen guten Zweck gefeiert. Partys wie diese gehören zum Beruf der Fundraising- Fachfrau, die im Auftrag des Flüchtlingshilfswerks UNHCR in der arabischen Krisenregion Geld für ihr neues Projekt akquiriert.

Die PR-Frau kann ihren mondänen lebensstil überall genießen

Dorothea (Maria Furtwängler) ist gut in dem, was sie tut. Wenn sie mit Botschaftern und Geschäftsleuten verhandelt, versteht es die Mittvierzigerin, ihren Charme einzusetzen. Im Prada- oder Gucci-Outfit muss sie sich bei den Charity-Veranstaltungen nicht vor den gut betuchten Gästen verstecken. Die PR-Fachfrau genießt ihren mondänen Lifestyle auch in dem von Panzern bewachten Luxushotel.

Im Nachbarland herrscht Krieg, und durch Stipendien soll jungen Flüchtlingsfrauen das Studium im Ausland ermöglicht werden. Was gut klingt, droht jedoch an der Wirklichkeit zu scheitern, denn die Flüchtlingslager an der Grenze sind leer: Der Weg dorthin ist zu gefährlich.

Immerhin eine Vorzeigekandidatin kann Dorothea auftreiben, aber als die Teenagerin beim Umsteigen auf dem Pariser Flughafen spurlos verschwindet, droht das Projekt zu kippen. Auch privat gerät Dorotheas Existenz ins Wanken.

Beengtes Setting eines abgeschotteten Nobelhotels

Die Affäre mit dem Deutsch-Araber Alec (Mehmet Sözer) läuft zunehmend aus dem Ruder. Der junge Mann zerschlägt bei Saufgelagen gern das teure Hotelmobiliar. Neben dem berufsbedingten Alkoholkonsum („Die größten Spenden akquiriere ich im Delirium“) kommen auch härtere Drogen ins Spiel. Manches erinnert an Johannes Nabers Satire „Zeit der Kannibalen“.

Auch Isabelle Stever arbeitet die Widersprüche der globalisierten Gesellschaft in dem beengten Setting eines abgeschotteten Nobelhotels heraus. Dabei versteht sich der Film nicht als moralisierende Kritik der Flüchtlings- und Entwicklungshilfe, sondern eher als Milieustudie einer Helfer-Elite, deren berufliche Existenz zwangsläufig an die Not anderer Menschen gekoppelt ist.

Vielschichtiges Porträt einer kraftvollen Frauenfigur

Dieses widersprüchliche Krisenmanagement lotet die Regisseurin mit dem vielschichtigen Porträt einer saft- und kraftvollen Frauenfigur aus. Diese Dorothea Nagel steht mit beiden High Heels im Leben, kennt sich mit den Machtmechanismen der Diplomatie aus, schreitet als Ritterin des Fundraisings im Designerkleid durch die Hotelhallen der Krisen- Hotspots. Und doch sieht man, wie ihre Rüstung Risse bekommt – auch wenn die Weltreisende nicht mit der Wimper zuckt, als Explosionen die Scheiben im Hotel zerspringen lassen.

Stever verrät die Figur weder an Karrierezicken-Klischees noch an vermeintlich weibliche Fragilitäts-Stereotypen. Furtwängler spielt sich beherzt von der „Tatort“-Kommissarin frei, sie ist furios. Wie ihre Figur im Suff die Contenance verliert und immer wieder zurückerobert, wie sie in nüchternen, einsamen Momenten vor dem Laptop hockt, während die Hotelangestellten hinter ihr die Spuren des letzten Gelages beseitigen – das ist ganz große Schauspielkunst, wie man sie hierzulande nur selten zu sehen bekommt.

Von Martin Schwickert / RND

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