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"Ich hab' direkten Kontakt zu Raqqa"

Jauch-Talk zum Terrorziel Deutschland "Ich hab' direkten Kontakt zu Raqqa"

In seinem vorletzten ARD-Talk fragte Günther Jauch am Sonntagabend, ob wir uns an die Angst vor Anschlägen in Deutschland und Europa gewöhnen müssen – dabei hätte es mindestens eine wichtigere Frage gegeben. Eine Kritik von Marina Kormbaki.

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Günther Jauch ließ am Sonntag über die Frage "Terrorziel Deutschland – wie groß ist die Gefahr?" diskutieren. Seine Gäste waren (von links): Jürgen Todenhöfer, Publizist und Journalist, Sonia Seymour Mikich, Chefredakteurin WDR, Stefan Aust, Autor und Herausgeber Welt N24, Joachim Herrmann (CSU), Innenminister von Bayern.

Quelle: dpa/ARD

Berlin. Je größer das Grauen, desto hilfloser die Vergleiche. Neben Günther Jauch hat am Sonntagabend Stefan Aust Platz genommen, einstiger "Spiegel"-Chefredakteur und Verfasser des "Baader-Meinhof-Komplexes" über die Geschichte des RAF.

Ihn fragt Jauch, ob die Rote Armee Fraktion und der sogenannte "Islamische Staat" vergleichbar seien. RAF-Experte Aust hätte mit dieser Frage rechnen müssen. Aber er wirkt überrascht, laviert umher und äußert die dürre Erkenntnis: "Eine so globale Bedrohung war das damals nicht."

Ohne Jauch geht es auch

Es war Jauchs vorletzte Sendung am Sonntagabend in der ARD. Es war die vorletzte Gelegenheit, um zu demonstrieren, was alles fehlen wird, wenn Jauch am Sonntagabend fehlt. Nach diesem Talk zum Terror muss man sagen: Die Fernsehrepublik wird nach dem "Tatort" schon klarkommen ohne Jauch.

Neben dem heutigen "Welt"-Herausgeber Aust saß die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich in der Runde sowie der Publizist Jürgen Todenhöfer. Einzig am bayerischen Innenminister Joachim Herrmann lag es, dass die Sendung kein "Presseclub"-Imitat war.

Ein stummer Beobachter

Der CSU-Politiker Herrmann forderte, was ein bayerischer Innenminister dieser Tage so zu fordern hat: "Entweder wird an den Schengen-Grenzen richtig kontrolliert – oder wir müssen das an den deutschen Außengrenzen selber tun."

Auch sprang er dem Bundesinnenminister Thomas de Maizère bei und verteidigte dessen kürzlich in Hannover geäußerten, jetzt schon legendären Satz von jenen Teilen der Antworten, die die Bevölkerung verunsichern würden: "Keine absolut richtige Formulierung, aber wir haben Wichtigeres zu tun." Ansonsten blieb Herrmann über weite Strecken stummer Beobachter des eitlen Hin und Hers zwischen Aust und Todenhöfer.

"Alle gehirngewaschen"

Todenhöfer sprach den IS permanent auf Englisch aus, was wohl die Weltgewandtheit des Publizisten und langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten unter Beweis stellen soll. Unter Aufsicht des "Islamischen Staates" erkundete Todenhöfer selbigen in einer zehntägigen Reise im vergangenen Jahr.

"Hunderte Interviews" habe er geführt, "stundenlang". Eines davon, ein sonderbar entrücktes Gespräch mit einem jungen deutschen Fusselbärtigen namens Christian E., wurde in der Sendung eingespielt. "Alle gehirngewaschen", sagt Todenhöfer.

Ein schmaler Grat

Seine Kernbotschaft war jedoch eine andere. Die Gewalt des IS, so Todenhöfer, sei eine Antwort auf die Gewalt des Westens. In einem historischen Husch-Husch-Abriss erinnerte er an die "blutige" und "grauenvolle" Vergangenheit Frankreichs, Englands und der USA im Nahen und Mittleren Osten.

In Todenhöfers Ausführungen zur Gewalt des IS war der Grat zwischen Verstehen und Verständnis mitunter recht schmal. Deutschland habe auf dem Schlachtfeld Mittelost allerdings kaum Spuren vorzuweisen. Daher glaube er, "dass Deutschland bei Weitem nicht so bedroht ist wie Frankreich".

Gefahr im Verzug

Mit bemerkenswerter Leichtigkeit lenkt Aust derweil das Terror- ins Flüchtlingsthema. Die Syrer und Iraker, die jetzt nach Deutschland kämen, hätten oftmals kriegerische Erfahrungen gemacht. "Da ist keine Pazifizierung, nur weil sie die deutsche Grenze überschreiten", sagt Aust. Gefahr im Verzug. Und nun?

Es wäre ein Leichtes gewesen, der Sendung mehr Substanz zu verleihen. Jauch hätte bloß die WDR-Journalistin Mikich öfter zu Wort kommen lassen sollen. Mikich wirbt für Abrüstung im Denken. "Armageddon, Gut gegen Böse – das ist mir alles ein bisschen zu groß", sagt sie. "Ich halte das nicht für den Endkampf."

Veranwortung von Presse und Politik

Mikich, die früher aus Kriegsgebieten wie Tschetschenien und Afghanistan berichtet hat, erinnert an die Verantwortung von Politikern und Journalisten, im "Wording" Maß zu halten, anstatt den "Dritten Weltkrieg" herbeizureden. Auch sonst gebe es ja genügend Themen.

Zum Beispiel hätte Mikich berechtigterweise wirklich gerne über Prävention gesprochen; darüber, wie man die Jungs in den Vorstädten und den Hochhäusern gegen den Fanatismus radikaler Prediger wappnet. Zweimal fordert sie die Runde dazu auf.

Aber auf dieses Thema haben die Herren keine Lust. Lieber brüstet sich Todenhöfer damit, dass er noch heute "direkten Kontakt" in die IS-Hochburg Raqqa halte. Aust fällt ihm ins Wort. Der Minister schaut schweigend zu. Und Jauch sieht aus, als sehnte er den nächsten Sonntag herbei.

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Von Redakteur Marina Kormbaki

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