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Ermittler ohne Eigenschaften

„Tatort: Schutzlos“ Ermittler ohne Eigenschaften

Es ist der letzte „Tatort“ vor der Sommerpause: Dieses Mal ist die Schweiz mit der Folge „Schutzlos“ an der Reihe. Doch ein Manko hat dieser „Tatort“: Die Schweizer Kommissare dürfen keine Persönlichkeit entwickeln. Eine TV-Kritik von Ernst Corinth.

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Spannendes Thema, dröge Ausführung: Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) und ihre Kollegen stürmen eine Drogenwerkstatt.

Quelle: SRF/ARD

Willkommen beim Schulfunk! Viele gut gemeinte Botschaften gibt es in dem letzten „Tatort“ vor der Sommerpause – nur leider werden sie nicht über die Handlung transportiert. In dem Schweizer Krimi „Schutzlos“ (Regie: Manuel Flurin Hendry), dem letzten vor der langen Sommerpause, wird lieber gern und ausführlich doziert.

So referiert eine Sozialarbeiterin über das menschenunwürdige Schicksal junger afrikanischer Asylsuchender, die bis zur Volljährigkeit zwar im Land bleiben dürfen, dann aber sofort abgeschoben werden oder schlimmstenfalls im Sarg die Schweiz wieder verlassen. Und der Kommissar von der Drogenfahndung erläutert seinen Kollegen ziemlich genau, wie clever der Rauschgifthandel am Tatort Luzern organisiert und wie machtlos dagegen die Polizei ist.
Besonders überraschend oder neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht. Und leider unterbrechen sie immer wieder den Handlungsfluss einer eigentlich spannenden Geschichte, in der die dunklen und schmutzigen Seiten der ansonsten gern als Postkarten-Idylle dargestellten Schweiz gezeigt werden.

Die Geschichte dreht sich um den 16-jährigen Nigerianer Ebi (Charles Mnene), der einst mit 14 Jahren allein in die Schweiz geflohen ist. Zwei Jahre im Heim ohne die notwendige Betreuung haben aus ihm einen Kleinkriminellen gemacht, der mit Landsleuten Drogen verkauft. Eines Tages wird Ebi erstochen aufgefunden. Und die ermittelnden Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) gehen von einem tödlichen Streit im Milieu aus.

Ein schnelles Ermittlungsergebnis, das dem erzkonservativen Polizeichef Eugen Mattmann (schlechtes Kabarett: Jean-Pierre Cornu) nur recht ist, da der junge Nigerianer in zwei Jahren ja sowieso abgeschoben worden wäre. Diese hanebüchen aufgesetzt wirkende Gleichgültigkeit ihres Vorgesetzten stachelt Flückiger und Ritschard an, weitere Untersuchungen anzustellen.

Ihre Recherchen führen sie zu einer ebenfalls nicht volljährigen Nigerianerin (Marie-Helene Boyd), die allem Anschein nach mehr weiß über den Mord, aber nicht bereit ist, mit der Polizei darüber zu sprechen. Die schlimmen Erlebnisse während ihrer Flucht haben sie hart und misstrauisch gemacht. Auch ein zwielichtiger Ladenbesitzer, mit dem das Opfer kurz vor seinem Tod einen Streit gehabt hat, verhält sich wenig kooperativ. Genauso zäh sind die Gespräche mit Ebis dealenden Landsleuten und mit benebelten Junkies, die ihn gekannt haben. Eine für die beiden Kommissare also erbarmungslos trostlose Ermittlungsarbeit, die im Sande zu verlaufen droht.

Weil das alles offenbar noch nicht trostlos genug ist, leidet Flückinger ständig unter schweren Migräneanfällen und Halluzinationen. Ziemlich schludrig gehen die Verantwortlichen mit ihren beiden Kommissaren um, denen sie einfach keine Entwicklung und damit eben auch keine Persönlichkeiten zu gönnen scheinen. Bei fast jedem ihrer inzwischen sieben Fälle werden sie gleichsam neu erfunden, haben andere Schwächen, Macken oder Leidenschaften. Das macht es den Zuschauern schwer, sich mit diesen Ermittlern ohne Eigenschaften zu identifizieren oder auch nur auseinanderzusetzen. Mehr Sorgfalt und vor allem mehr Kontinuität wären da mal vonnöten.

Ernst Corinth

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