Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
So schön kann Mord sein

„Tatort“ So schön kann Mord sein

So poetisch, so experimentierfreudig wie Florian Schwarz’ Film „Im Schmerz geboren“ war der „Tatort“ schon lange nicht mehr. Drehort war zwar Wiesbaden, doch eigentlich spielt diese Geschichte in einem Shakespeare-Reich voller Tragik, verlorener Liebe, Eifersucht und Rache. Unsere Kritik zum heutigen „Tatort“.

Voriger Artikel
„Breaking News“ soll TV-Mehrteiler werden
Nächster Artikel
Verwirrung um Leichenanzahl im „Tatort“

Jäger und Gejagter - Auge in Auge: Richard Harloff (Ulrich Matthes, l.) und Felix Murot (Ulrich Tukur) verkörpern Gut und Böse in einem explosiven Märchen.

Quelle: ARD

Der Tod kommt in Gestalt eines roten Punktes. Er tanzt auf der Handfläche von Ulrich Matthes, windet sich streichelnd um sein Handgelenk. Wird von ihm auf den Boden gesetzt und auf die Reise geschickt wie eine Flaschenpost, die dem Adressaten das Leben nehmen soll. Der Punkt schwebt über den rauen Betonboden eines Werkstattinnenhofes, kriecht sanft am Bein des Opfers empor, sucht das Herz und verwandelt sich in einen Strom roten Blutes. So schön kann Mord sein. So poetisch, so experimentierfreudig wie Florian Schwarz’ Film „Im Schmerz geboren“ war der „Tatort“ schon lange nicht mehr.

Der Krimi des Hessischen Rundfunks nach einem Buch von Michael Proehl beginnt damit, dass drei nach „Hamlet“-Figuren benannte Brüder an einem Bahnsteig auf einen Zug warten. Ein Mann steigt aus, fasst die Brüder ins Auge. Wenige Sekunden später wird das Trio von einem nicht sichtbaren Scharfschützen erschossen. Als der Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) das Überwachungsvideo studiert, packt ihn das Grauen: In dem Mann vom Bahnsteig hat er seinen Jugendfreund Richard Harloff erkannt, mit dem er wilde Zeiten und eine Frau teilte, ehe Harloff von der Polizeischule flog und in Kolumbien Drogenboss wurde.

Das sind die Ermittlerteams, die derzeit im „Tatort" auf Verbrecherjagd gehen.

Zur Bildergalerie

Drehort war zwar Wiesbaden, doch eigentlich spielt diese Geschichte in einem Shakespeare-Reich voller Tragik, verlorener Liebe, Eifersucht und Rache. Die Auf- und Abtritte der Figuren erinnern an die Bühnendramaturgie. Alexander Held, der einen Widersacher Harloffs spielt, gebärdet sich in Prolog, Zwischenspiel und Epilog wie ein Shakespeare-Narr und kommentiert das Geschehen in Verssprache: „Chaos dreht das Rad des Hades“. So viel Theater war selten im Tatort. Mit Harloffs Sohn kommt griechische Tragödie (Ödipus) hinzu. Vom Western leiht sich Schwarz das pathetische Sich-Gegenüberstehen (Wer zieht zuerst?), von Quentin Tarantino ästhetisierte Tötungsszenen.

Für die Qualität des „Tatorts“ spricht auch, dass es spannend bleibt, obwohl die Figur des Bösewichts schnell ausgemacht ist. Matthes spielt den diabolischen, weltgewandten Verführer mit Bravour. Diese tief liegenden Augen, aus denen der Wahnsinn spricht - da läuft es einem kalt über den Rücken. Wie er im Frankfurter Städel Museum steht und die Gemälde infolge seiner Wahnvorstellungen ein bedrohliches Eigenleben entwickeln, ist eine starke Szene. Ohnehin gelingt es Schwarz auf für das Genre ungewöhnliche Weise, das Innenleben seiner Figuren sichtbar zu machen. Zum Beispiel über die altmodisch anmutende Erzählerstimme, die wie in einem Roman die Gefühle der Protagonisten ausplaudert. Sie erzählt von der Verbundenheit von Murot und Harloff. Tukur spielt überzeugend den Zerrissenen zwischen der Pflicht und seiner Faszination und Zuneigung zu seinem alten Weggefährten. „Du möchtest doch gern probieren, ich sehe es dir an“, sagt Matthes und bietet Edelkaffee aus Kolumbien an. So versucht der Teufel sein williges Opfer.

Der Regisseur Florian Schwarz war 2010 mit „Weil sie böse sind“ schon einmal mit einem „Tatort“ für den Hessischen Rundfunk für den Grimme-Preis nominiert und gewann den Deutschen Fernsehpreis für den besten Fernsehfilm. „Im Schmerz geboren“ ist sogar noch eine Spur origineller. Am Ende versammelt sich auf der Friedhofstreppe ein Tableau der (zahlreichen) Toten, ein Gemälde der Geister. So hat der Regisseur nach Theater, Film und wunderbar satter, pathetischer Musik des HR-Sinfonieorchesters auch noch die bildende Kunst für sich eingenommen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fernsehen
HAZ-Volontäre gewinnen Medienpreis der Architektenkammer

Mit ihrer multimedialen Berichterstattung über die Wasserstadt Limmer haben die Volontäre der HAZ beim Medienpreis der Bundesarchitektenkammer den ersten Platz belegt.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen