Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Jimmy Fallon: "Amüsiert euch!"

"The Tonight Show" feiert 500. Ausgabe Jimmy Fallon: "Amüsiert euch!"

Er rappt mit Barack Obama und spielt "Wahrheit oder Pflicht" mit Jennifer Lawrence – US-Talker Jimmy Fallon ist mit seiner "Tonight Show" selbst zum Megastar geworden. Was den US-Talker so sympathisch macht, hat unser Medienexperte Grimm analysiert.

Voriger Artikel
Fall Drage: Ermittler hoffen auf "Aktenzeichen XY"
Nächster Artikel
28,32 Millionen sehen Italien-Krimi

Für jeden Spaß zu haben: US-Talker Jimmy Fallon.

Quelle: Paul Buck

New York. Fernsehmomente wie dieser sind das Gold des Entertainments: Da steht Barack Obama im Studio 6B im Rockefeller Center in New York vor der NBC-Kamera der "Tonight Show" und bilanziert mit Gastgeber Jimmy Fallon zu schwülstiger Stripteasemusik seine Präsidentschaft – cool wie seit 2008 nicht mehr. Oder dieser: Da singen Fallon und Paul McCartney vor einem ekstatischen Publikum ein Lied über Rührei. Denn McCartney merkte sich – Beatles-Fans wissen Bescheid – die Melodie seines Welthits „Yesterday“ einst mit der Textzeile "Scrambled eggs, oh my baby how I love your legs". Öffentlich gesungen hatte er das "Original" noch nie. Bis zu diesem Tag.

 

Es sind typische Jimmy-Fallon-Momente. Niemand ist gekränkt. Niemand klagt. Denn niemals, nicht in einer Million Jahren, würde der 41-jährige Charmebolzen aus einer irisch-katholischen Ostküstenfamilie Ziegenwitze über türkische Staatspräsidenten machen. Fallons Job ist es, smarte Wohlfühlmomente zu schaffen – als sechster Gastgeber der legendären "Tonight Show", 1954 gestartet, 30 Jahre lang geprägt von Amerikas Gute-Nacht-Onkel Johnny Carson. Seit Januar zeigt EinsFestival um 23 Uhr die jeweils aktuellste Folge im Original mit Untertiteln. Und erinnert schmerzhaft daran, wie sehr in Deutschland jemand von Format fehlt, der allabendlich als emotionales Druckventil das Weltgeschehen mit Comedy und Spielkunst entschärft. Am Donnerstag läuft die 500. Ausgabe mit Fallon. "Niemand aus seiner Generation ist näher an Carson als Jimmy", sagt Lorne Michaels, Produzentenlegende, Fallon-Ziehvater und Erfinder von "Saturday Night Live!" ("SNL").

Fallon spielt mit Jennifer Lawrence

Das hätten die NBC-Bosse dann doch nicht erwartet: dass einer, der so verkichert ist, so antiböse, glücksbesoffen und freundlich, derart einschlagen würde. Mehr noch: Fallon ist zum Helden des Post-Ironie-Zeitalters geworden, zur perfekten Galionsfigur für ein junges, unzynisches Publikum, das müde zu werden beginnt von der anstrengenden Meta-Dekonstruktion der Welt und genervt vom latenten Vorwurf der Elterngeneration, zu wenig rebellisch zu sein. Fallon – begnadeter Parodist, solider Gitarrist, multibegabter Komiker –  spielt "Wahrheit oder Pflicht" mit Jennifer Lawrence, erzählt Donald-Trump-Witze ("Englands Premier David Cameron tritt zurück. Frage aus Amerika: Könnten Sie im Januar hier anfangen?") und persifliert Bruce Springsteen und Neil Young (mit Springsteen und Young). 11,3 Millionen Youtube-Abonnenten und knapp zehn Millionen ­Facebook-Freunde hat die Show. Bei Twitter folgen Jimmy Fallon fast 42 Millionen Menschen ("Ich weiß noch, wie ich dachte: 'Wow, 1000 Follower!'"). Zu sagen, dass dieser Mann einen Nerv trifft, wäre, als würde man sagen, dass Paul McCartney ein ganz ordentlicher Musiker ist.

"Amüsiert euch!"

Bei Fallon geht’s nicht um Subversivität, um Harald Schmidtsche Abgründigkeit oder Raabsche Egotrips (auch wenn er mal allein am Grab von John Belushi, dem genialen Anarchisten, einen Sechserträger Pabst-Bier leerte). Hier geht’s um klassisches, altmodisches US-Entertainment. Manchmal wirkt er fast überenthusiastisch in seinem Bemühen, seine Gäste gut aussehen zu lassen. Fallons Humor ist so blütenweiß und rein wie die Schallplatten, aus denen sein Vater einst mit dem Autoschlüssel die Fluchwörter kratzte, bevor der Pubertant sie hören durfte. Möglich, dass die "Überbehütung" (Fallon) während der Kindheit im Ort Saugerties, 160 Kilometer nördlich von New York, ein Grund dafür ist, dass er als Erwachsener so verspielt wirkt. Wenn man erst mit zehn Jahren allein Straßen überqueren durfte, beim Schaukeln einen Helm trug und jahrelang im Hinterhof auf dem Fahrrad im Kreis fuhr, während die anderen Kinder durch die Straßen jagten, wird man entweder wunderlich oder möchte jedermanns Freund sein. Fallon hat irische, norwegische und deutsche Wurzeln, seine Großmutter stammt aus Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen. "Amüsiert euch!", sagt er. "Das Leben ist furchteinflößend genug. Jemand muss doch die Laune aufhellen." Es ist das Credo seiner Karriere.

Niemand traute ihm die Show zu

"Jimmy ist wie dein kleiner Bruder, der an Thanksgiving unbedingt eine Show machen will", sagt Tina Fey, "SNL"-Veteranin und Erfinderin der Sitcom "30 Rock". Fey war dabei, als Fallon 1998 vorsprach, mit 23 Jahren. "Es war, als sei er im Labor extra für 'SNL' gebaut worden." Bis 2004 war Fallon dann der "cute guy" der Show, die er mit religiöser Inbrunst verehrt hatte, seit er ein Kind war ("Immer wenn ich eine Münze in einen Brunnen warf, wünschte ich mir: 'SNL!' Bei jeder Sternschnuppe: 'SNL!'"). Sein Markenzeichen: kichernd aus der Rolle fallen.
Nach sechs Staffeln lockte Hollywood, er war 29, aber seine beiden Filme "Taxi" sowie das US-Remake der Nick-Hornby-Verfilmung "Fever Pitch" floppten (immerhin traf er beim Dreh seine heutige Frau Nancy, mit der er zwei Töchter hat: Winnie Rose und Frances Cole). Fallon war doch nicht der amerikanische Hugh Grant. Es folgte seine "verlorene Zeit", er trank zu viel, nahm fünf Kilo zu ("Das sind zehn Kilo im Fernsehen!"). Dann suchte NBC 2009 einen Nachfolger für Conan O‘Brien in der "Late Night Show". Und Producer Michaels rief Fallon an.

Niemand traute ihm das zu. Sein Sidekick Steve Higgins spielte ironisch mit den Zweifeln – und erfand den Slogan: "Ihr liebtet ihn in 'SNL'! Ihr hasstet ihn im Kino! Und jetzt wisst ihr nicht so genau!" Im "Late Night War" zwischen Conan O‘Brian und Jay Leno um Sendeplätze blieb Fallon neutral. Für ihn lief‘s rund. 2014 folgte der Wechsel zur "Tonight Show", als Nachfolger von Jay Leno. Seine Hip-Hop-Hausband The Roots nahm er mit. Die Sendung zog nach 42 Jahren von Los Angeles zurück ins Herz von New York. Fallon war zu Hause, in vielerlei Hinsicht.
Er ist jetzt ein Superstar bei NBC. Superstars haben eigene Toiletten im Büro. Auf Jimmy Fallons Privattoilette hängt – wie "Vanity Fair" recherchierte – ein gerahmtes Foto. Es zeigt Johnny Carson.

Von Imre Grimm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fernsehen
HAZ-Volontäre gewinnen Medienpreis der Architektenkammer

Mit ihrer multimedialen Berichterstattung über die Wasserstadt Limmer haben die Volontäre der HAZ beim Medienpreis der Bundesarchitektenkammer den ersten Platz belegt.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen