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Der neue Gottschalk wird seriös

RTL-Liveshow "Mensch Gottschalk" Der neue Gottschalk wird seriös

Thomas Gottschalk kehrt als Showmaster zurück – mit der dreistündigen RTL-Liveshow "Mensch Gottschalk" am Sonntagabend. Und mit ungewohnter Seriosität. Was bewegt ihn? Eine Begegnung mit einem nachdenklichen Entertainer.

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"Ich habe nicht mehr diese Ängstlichkeit, es mir mit jemandem zu verscherzen": In seiner neuen RTL-Show am Sonntag vermengt Thomas Gottschalk Ernstes mit Unernstem.

Quelle: FrankHoermann/SVEN SIMON/dpa

Thomas Gottschalk humpelt, das Knie ist kaputt. "Der Quadrizeps", sagt er. "Ich hab’ das völlig unterschätzt." Im Februar ist er in Jerusalem auf 3000 Jahre altem Straßenpflaster gestürzt. Er war in Israel, um im Benediktinerkloster am Berg Zion die Aschermittwochsmesse zu feiern. "Ich bin ja nicht der Erste, der auf heiligem Boden ins Straucheln geriet", sagt er. "Insofern nehme ich den Schmerz in Demut auf mich."

Oben im Hotelzimmer stehen seine Krücken. Aus seiner Jackentasche erklingt Deep Purples "Smoke on the Water". "Ich geh‘ kurz ans Handy, ich komm’ gleich."

Das Knie hält nicht, sagt man im Fußball, wenn ein Spieler noch nicht wieder voll belastbar ist. Es wackelt. Bei Gottschalk wackelt nicht bloß das Knie, sondern auch die Karriere. Es lief nicht so besonders für Deutschlands noch immer populärsten Entertainer, seit er vor fast fünf Jahren bei "Wetten, dass ...?" ausstieg, nach 151 Sendungen in 23 Jahren.

"Mensch Gottschalk" von Spiegel TV produziert

Die ARD-Vorabendshow "Gottschalk live" war ein Flop. Die vier Monate als Juror an der Seite von Dieter Bohlen beim RTL-"Supertalent" waren unter seiner Würde. "Gottschalks Klassentreffen" endete nach nur wenigen Ausgaben. Und die Spielshow "Die Zwei" mit Günther Jauch ist kaum mehr als eine Zirkusnummer zweier TV-Hengste, die sich zur Musik noch einmal drehen und wenden im Staub der Sägespäne.

Nun also: ein Comeback als Showmaster. Ein ziemlich großes. Dreieinhalb Stunden live am Sonntagabend bei RTL, produziert von Spiegel TV. "Mensch Gottschalk", heißt die Sendung. Untertitel: "Was Deutschland bewegt". Ein Studio in Berlin-Adlershof. 500 Zuschauer. Keine Wetten, kein Tom Cruise, dafür der Versuch, "E" und "U", das Ernste und das Unterhaltende, unter der Marke "Gottschalk" zu verschmelzen.

"Da ist am Ende fast ein öffentlich-rechtliches Ergebnis zu befürchten", scherzt Gottschalk im kaffeebraunen Luxus eines Berliner Fünf-Sterne-Hotels. Der RTL-Kollege lächelt dünn.

Es ist kein revolutionäres Format. Einspielfilme, Interviews, Musik. Und das auch noch gegen den "Tatort" in der ARD. "Das wird hart, das wissen wir selbst", sagt der 65-Jährige. Sein Bart ist ein bisschen grauer, die blonde Mähne silbrig, die Augen wach wie eh und je.

Der erste Gast ist 
ausgerechnet Samuel Koch

"Um 21.45 Uhr werde ich jeden ARD-Zuschauer einzeln bei RTL begrüßen." In der Premierenausgabe am Sonntag sitzt Gottschalk mit Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem selbststeuernden Auto. Die Pet Shop Boys sind da und Nena, aber es soll auch um "harte Themen" gehen, um Krebs zum Beispiel oder die Angst vor Terror bei der Fußball-EM in Frankreich. "Erst dachte ich: Krebs? Am Sonntagabend? Um Himmels willen! Aber es hat halt jeder Zweite in seinem Leben damit zu tun."

Das alles klingt, als würde es selbst für Götz George eine akzeptable Sendung. Der erste Gast aber ist Samuel Koch. Der Mann, mit dessen Sturz am 4.  Dezember 2010 um 20.39 Uhr auf dem Hallenboden in Düsseldorf die Unschuld dieser Fernsehshow starb, die 30 Jahre lang eine fast staatsstabilisierende Wirkung hatte. Im beschönigenden Weichzeichner der Erinnerung ist "Wetten, dass ...?" ja längst von Frank Elstners Bürokratentraum zum Inbegriff bundesrepublikanischer Idylle geworden: Mietglamour und klare Regeln – herrlich!

Um jeden Preis will Gottschalk den Eindruck vermeiden, das Rezept für ein neues "Wetten, dass  ...?" gefunden zu haben. Aber trotzdem Samuel Koch? "Die Gefahr besteht natürlich, dass jetzt alle denken: Aha, der will den letzten Honig aus diesem Unfall saugen", sagt Gottschalk.

"Aber die Absicht ist keine Schmonzette, sondern einfach die Begegnung zweier Männer in einer neuen Lebensphase." Kein "schlaffer letzter Versuch". (Gottschalk) soll die neue Sendung werden, sondern das Experiment eines "interessierten Suchenden" in "unsicheren Zeiten".

Last-minute-Ernsthaftigkeit am Ende einer langen Karriere?

Da schimmert der Wunsch nach einer Art Last-minute-Ernsthaftigkeit durch, die feste Absicht, etwas zu hinterlassen, das länger hält als Small Talk mit Sophia Loren, Filme wie "Big Mäc – Heiße Öfen in Afrika" und ein paar Bagger, die Kopfstand machen.

Dass seine Autobiografie "Herbstblond" 2015 ein allseits gelobter Bestseller wurde, macht ihn stolz. Das sieht man ja gelegentlich bei alternden Stars: dass der Drang wächst, noch einmal in die Tiefe des Raumes zu gehen, das eigene Portfolio um Wahrheitssuche und Welterklärung zu erweitern. Joachim "Blacky" Fuchsberger schrieb sehr Kluges übers Altern ("Je älter ich werde, desto intoleranter werde ich"). Dieter Hallervorden drehte einen Demenz-Kinofilm. Peter Sodann wollte Bundespräsident werden. Norbert Blüm übernachtete im Flüchtlingslager Idomeni.

Tatsächlich ist es ja Gottschalks große Gabe, im Namen des Publikums auch die eigene Überforderung zum Thema zu machen. Sich also stellvertretend Fragen zu stellen wie: Müssen wir uns jetzt echt für Snapchat interessieren? Was ist dieses komische TTIP? Kann ich mich auf die EM freuen oder werde ich im Hotel erstochen?

Kein Zweifel: Gottschalk will nicht als TV-Heilandsgestalt im Operettenkostüm in Erinnerung bleiben. Er hofft darauf, noch einmal ein Retro-Publikum zu finden, das wie er selbst genervt ist von der digitalen Überreiztheit ringsum – ohne dabei in eine Art grantiges Thilo-Sarrazin-Fernsehen abzurutschen. "Ich war immer ein meinungsfreier Moderator, ich musste nie Position beziehen."

Spiegel TV: "Das Ziel ist Relevanz"

Das solle jetzt anders werden. Was der "göttliche Bub" (Martin Walser) plant, ist der Versuch, aus seiner beredten Naivität heraus gleichzeitig unterhaltend und aufklärerisch zu wirken. "Das Ziel ist Relevanz", sagt Steffen Haug, Chefredakteur von Spiegel TV. "Es geht um die großen Themen unserer Zeit." – "Aber schon auch um Unterhaltung!", sagt Gottschalk schnell.

Im Erfolgsfall könnte "Mensch Gottschalk" zwei- bis viermal pro Jahr laufen. Regie führt Ladislaus Kiraly, das Bühnenbild ist von Florian Wieder, hinter den Kulissen sitzt ein 100-köpfiges Team.

"Ich war einfach durch mit diesen Formaten, bei denen man Punkte zählt und Buzzer drückt", sagt Gottschalk. "Ich habe keine Lust mehr auf dieses Erregungsfernsehen, diesen Zwang, immer 'the biggest show ever' machen zu müssen. Dieses dauernde Verkaufen, das will ich nicht mehr!" Da wirkt er plötzlich verschnupft. Aber für ein visuelles Medium ist die permanente Reizerhöhung nun mal so wichtig wie für unser Wirtschaftssystem das stete Wachstum.

Der gesunde Menschenverstand weiß in beiden Fällen, dass das auf Dauer nicht gesund sein kann. Aber die Beharrungskräfte der Systeme sind enorm. Gottschalk möchte der "Realität wieder einen Platz im Fernsehen verschaffen". Das ist ein frommer Wunsch. Dasselbe wünschen sich auch der Putin-Propagandasender "Russia Today Deutsch" oder die Verschwörungstheoretiker vom Kopp-Verlag. Kein fairer Vergleich, aber Realitäten sind eben extrem individuelle Konstrukte.

Die AfD will er vorläufig nicht einladen. "Nachdem ich damals an Franz Schönhuber gescheitert bin, werde ich mir jetzt nicht Frauke Petry antun." Die Fakten liefert Spiegel TV zu – als "substanzielle Unterfütterung", wie der Showmaster sagt. "Ich begebe mich gern in die Hände erfahrener Journalisten. Die Spiegel-Leute haben keinen falschen Respekt vor mir, die sind entspannt, anders als diese ganzen überdrehten Mittzwanziger."

Keine Zwangsverjüngung

Er sei schon einmal daran gescheitert, unbedingt hip sein zu wollen, sagte er mit Blick auf "Gottschalk live". "Ich war zuletzt immer Opfer von Produzenten mit flackernden Augen. Aber Hashtags bringen mir nichts. Ich will mich nicht mehr neu erfinden. Und ich werde im Leben niemanden mehr 'Ziegenficker' nennen. Dieses Junge, Freche ist bei Joko und Klaas in guten Händen."

Keine Zwangsverjüngung also mit hippen Social-Media-Kolleginnen. "Das wäre Unsinn, wieder so ein Mädchen, das Mails reinträgt." Er glaube, sagt Gottschalk, dass noch immer "genügend Menschen in meiner analogen Welt zu Hause sind, die ich mit meinen Mitteln unterhalten kann – ohne trending topics, Tweets und Hashtags".

Viermal spricht er an diesem Tag von Hashtags, dreimal von Typen mit "flackernden Augen". Diese Internetsache, diese komischen Jungspunde mit ihrer Onlinesucht und Quotenfixierung, das ist nicht seine Welt. "Ich werde noch immer respektiert als jemand, der reflektiert und das Ganze im Blick hatte", sagt er.

Und es stimmt ja: Während Dieter Bohlen die Unterschicht ­bespaßte, während Stefan Raab das Gold des Privatfernsehens schürfte – die jungen Zuschauer –, während Harald Schmidt damals mühsam Kontakt hielt zu den intellektuellen Sonst-eigentlich-gar-nicht-Fernsehguckern und Günther Jauch nur in der Mitte der Gesellschaft funktioniert, gelang Gottschalk bei der Erzeugung von Gemeinschaft lange der ganz große Spagat.

Gottschalk: "Ich beabsichtige, meinen Spaß zu haben."

Aber geht das heute noch? Dreieinhalb Stunden mit zwölf bis 15 Themen? So eine Art XXL-"Tagesthemen" mit Nena? Der Entertainmentkonsument 2016 ist doch längst an die passgenaue Instantbefriedigung seiner medialen Bedürfnisse gewöhnt. Der harrt nicht mehr aus, bis wieder etwas Interessantes kommt, sondern sucht es sich selbst. Sofort. Immer. Überall.

Als Konsensmaschine taugt Fernsehunterhaltung kaum noch. Gottschalk weiß das: "Es wird bis auf meine Frau keinen geben, der von 20.15 Uhr bis 23.30 Uhr jede Minute dranbleibt. "Aber er will halt nicht aufhören, warum auch? Er habe seit 2011 kein Format gesehen, von dem er gesagt hätte: "Das ist meins!", erzählt er. "Außer dem Abschied von Udo Jürgens, den hätte ich gern gemacht."

Vor Kurzem ist Gottschalk 66 geworden. Da fing bei Udo Jürgens das Leben an. Eine gewisse Altersanarchie macht sich bemerkbar, fast so, als kehre er zu der jugendlichen Chuzpe seiner Radiowurzeln zurück. "Ich habe nicht mehr diese Ängstlichkeit, es mir mit jemandem zu verscherzen", sagt er. "Ich beabsichtige, meinen Spaß zu haben."

Es ist die Gottschalk-Methode, mit den Zumutungen der Gegenwart zurechtzukommen. Ganz wichtig: Überziehen ist möglich. Nach hinten raus hat RTL Luft eingeplant. "Aber die Eurovisionshymne", sagt Gottschalk, "die muss ich in der Garderobe anhören."

Von Imre Grimm

Ein Comeback für „Wetten, dass…?“

Nach knapp 34 Jahren, nach 215 Ausgaben und ungezählten Baggerwetten war am 13. Dezember 2014 um 23.50 Uhr Schluss mit dem ZDF-Showklassiker "Wetten, dass ...?". Die letzten Worte von Moderator Markus Lanz: "Das Leben geht weiter – wetten, dass ...?" Die Band Unheilig sang "Zeit zu gehen", dann war Schluss. Weinende ZDF-Mitarbeiter trugen T-Shirts mit der Aufschrift "An uns hat’s nicht gelegen". Viele gaben dem Gottschalk-Nachfolger Lanz – der als Notlösung übernahm – eine Mitschuld am zähen Siechtum der Sendung. Dabei hatte sich der Anfang vom Ende schon abgezeichnet.

Seit Jahren hatten das Zuschauerinteresse und die einst gewaltige Strahlkraft nachgelassen. Der Unfall von Samuel Koch am 4. Dezember 2010 war dann der Anlass für Gottschalk, seinen Abschied zu verkünden. Mit ihm ging der Glaube an das Format.

Aber ist "Wetten, dass ...?" wirklich tot? Senderintern hat man sich vom Klassiker noch nicht vollständig verabschiedet. Showerfinder Frank Elstner sagte nach dem Aus: "Ich sehe die Entscheidung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es ist immer traurig, wenn etwas endet. Lachend sehen Sie mich, weil ich an eine Wiederbelebung von 'Wetten, dass ...?' glaube."

Auch Interimsmoderator Wolfgang Lippert hat noch Hoffnung – wenn auch nicht für sich persönlich: "Ich glaube, dass die Idee nicht tot ist, weil sie einfach gut ist", sagte er im März dieses Jahres. "Ich weiß nicht genau, ob man jemanden nehmen sollte aus der Riege, die das schon mal gemacht haben. Aber uns wird diese Idee bestimmt irgendwann wieder begegnen."

Die Marke ist weiterhin stark. Sie könnte nach einer Übergangszeit eine Renaissance erleben – wenn auch nicht sechsmal im Jahr. "Als Event einmal im Jahr könnte es funktionieren", sagt Gottschalk selbst. Dazu würde er als Moderator auch nicht kategorisch Nein sagen. Konkrete Pläne beim ZDF gibt es nicht. Aber die kollektive, von viel Nostalgie begleitete Trauer nach dem Ende des Klassikers hat gezeigt, wie emotional aufgeladen und damit wertvoll das Format noch immer ist.

Zum jetzigen Zeitpunkt etwa würde Gottschalk als Showmaster nicht auf den Sendeplatz am Sonnabend zurückkehren. "Am Samstagabend kann ich nur verlieren", sagt er – jedenfalls mit einer neuen Show. Mit dem Original dagegen, der Sendung, die mit seinem Namen symbiotisch verbunden ist, könnte es klappen – als nostalgischer Neuaufguss für die Käseigel-und-Bademantel-Generation.

igr

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