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Til Schweiger überrascht im neuen "Tatort"
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ARD-Sonntagskrimi Til Schweiger überrascht im neuen "Tatort"

Til Schweiger hat sich am Sonntagabend durch seinen ersten „Tatort“ geballert – und sich als zeitgemäßer Bulle ohne Scheu vor Ironie erwiesen. Wie gut der neue ARD-Sonntagskrimi war, weiß HAZ-Redakteur Imre Grimm.

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„Wo Til Schweiger draufsteht, ist Til Schweiger drin“ – auch wenn es um Nick Tschiller geht.

Quelle: NDR/Marion von der Mehden

Hannover. Der? Ausgerechnet der? Der ist doch ein Weichei. Ein Milchgesicht, mehr Kuscheltyp als Killer. Diese Stimme. Diese limitierte Mimik. Und noch bevor die erste Klappe fiel, waren sich Publikum und Presse einig: Das wird nie was. Fehlbesetzung. Blamage. Doch dann war der Film fertig, und plötzlich zeigte sich: Das war doch keine so schlechte Idee, Daniel Craig zum neuen James Bond zu machen.

Nun ist Til Schweiger nicht Daniel Craig. Und der betuliche deutsche Sonntagskrimi ist kein smarter, globaler 200-Millionen-Dollar-Agententhriller. Und doch gibt es Parallelen zu Craigs Bond-Premiere vor sieben Jahren: Lange ist kein Schauspieler mehr unter schwierigeren Vorzeichen in einen neuen Job gestartet als Til Schweiger – „Keinohrhasen“-Erfinder, Erfolgsproduzent, Feuilletonistenschreck und liebender Vater – als neuer Hamburger „Tatort“-Ermittler Nick Tschiller.

Neustart für eine bundesdeutsche Institution. Ein Kinostar im TV-Krimi. Selten hat das Land mit so viel Verve eine ARD-Personalie verfolgt. Der Grund ist, dass hier ein Mann, der gern nationale Ikone wäre, auf ein Format trifft, das nach dem Willen des Publikums nationale Ikone bleiben soll. Der „Tatort“ am Sonntag – das ist nicht irgendeine TV-Klitsche, das ist wöchentliches Sittenbild, bundesdeutscher Befindlichkeitssensor, sinnstiftendes Ritual und Entertainmentmarke in einem. Modifikationen mögen bitte behutsam vollzogen werden. Behutsam?

Sie wussten bei der ARD, welch explosiven Stoff sie sich da eingekauft hatten. „Als ich gefragt wurde, ob ich das Projekt übernehmen möchte, hatte ich das Gefühl, jemand streckt mir eine entsicherte Handgranate hin und fragt: ,Kannst du mal halten?‘“, sagt Regisseur Christian Alvart. Und so beschäftigte sich das Publikum Monate mit Schweigers Verpflichtung. Im Vorfeld hat er so ungefähr alles unternommen, um sich mit den Traditionalisten zu überwerfen: Der alte Fadenkreuz-Vorspann sei „outdated“, das Budget viel zu klein. Und der Rollenname Nick Tschauder sei auch schauderhaft. Also: Nick Tschiller.

Der unterhaltsamste „Tatort“ seit Jahren

Nach all dem Theater: Wie ist er nun der Sonntagskrimi? Der Egotrip eines Charmeurs, dem man nach einer Schießerei lieber ein Pinocchio-Pflaster reicht als einen Whiskey? Ein weiterer biederer Täter/Opfer-Krimi, wie sie die populärste deutsche TV-Reihe seit Jahrzehnten prägen? Nichts davon. Es ist, was Hollywood ein „Buddy-Movie“ nennt: eine temporeiche, überzeichnete, knallharte und lustige Männersause voller Action – und der unterhaltsamste „Tatort“ seit Jahren. „In der Regel gibt es am Anfang eine Leiche, dann wird ermittelt“, sagt Schweiger. „Bei uns gibt es gleich zu Anfang drei Tote. Das ist eine Revolution.“

Eine cooler Kerl ist dieser Tschiller. Keine zwei Minuten, und die Nase blutet. Ein zorniger, zärtlicher, abgezockter Typ, der in Hamburg seine neuen Kollegen irritiert, weil er gleich mal drei Mitglieder einer Mädchenhändler-Gang erschießt. Notwehr, klar. „Was haben sie gefühlt?“, fragt die Polizeipsychologin. „Angst und Verwirrung“, lügt Tschiller mit Welpenblick. Dann muss er los, draußen laufen noch böse Jungs herum, und er will die junge Hure Tereza (Nicole Mercedes Müller) in der Wohnung seines neuen Partners Yalcin Gümer (großartige Quasselstrippe: Fahri Yardim) verstecken.

Das Drehbuch von Christoph Darnstädt macht keine Gefangenen. „Fuck“ ist Tschillers erstes Wort an diesem Sonntagabend, eine feine Reminiszenz an Horst Schimanski, der mit seinem berühmten „Scheiße“ 1981 die „Tatort“-Bühne betrat. Größenwahn? Ja, aber zulässig. Die Story: Der Hamburger „Kiezfrieden“ wackelt, auf dem „Fleischmarkt“ rumort es, der Staatsanwaltschaft brechen die Zeugen weg. Welche Rolle spielt Tschillers mysteriöser Ex-Kollege Max Brenner (Mark Waschke)? Und wie lange hält der Polizeichef (Tim Wilde) Tschillers Alleingänge noch aus? „Sie glauben, Sie kommen nach Hamburg und können hier alles auf den Kopf stellen?!“, donnert er – „Sie und diese Gewalt und dieses ganze Rumgeblute!“

Siehe da: Das Schweiger-Team hat keine Scheu vor Selbstironie. Im Büro der Staatsanwaltschaft buchstabiert Tschiller seinen Namen:

„Nick Tschiller.“

„Wie der Dichter?“

„Was für’n Dichter?“

„Die Glocke?!“

„Nee: Tschiller. Mit T. Ich nuschel ’n bisschen.“

Und dann treffen sich auf dem LKA-Klo auch noch Schweiger und Wotan Wilke Möhring, ab Ende April selbst als Hamburger „Tatort“-Mann im Einsatz. „Halt durch, Kollege“, sagt Möhring. „Da mach dir mal keine Sorgen“, sagt Schweiger. Das alles geschieht beiläufig, geschickt eingewoben. Da verzeiht man auch Papa Tschillers etwas stumpfe Vater-Tochter-Romantik, wenn er seiner 15-jährigen Tochter Lenny – Schweigers reale Tochter Luna – in „Zweiohrküken“-Manier unbedingt ein weiches Frühstücksei servieren will.

Die Neuausrichtung tut dem "Tatort" gut

43 Jahre alt wird der „Tatort“ in diesem Jahr. Es tut dem Format gut, nicht ewig als moralinsaurer Sozialappell daherzukommen, als beflissener Milieukitsch oder biederes Kammerspiel, sondern auch mal als handwerklich sauberes Entertainmentspektakel ohne Furcht vor Sarkasmus und poetischen Bildern. Hier geht’s nicht um Psychologie, hier geht’s um Menschenleben, Herrgott!

Wenn die Marke „Tatort“ tatsächlich ein Sittenspiegel der Bundesrepublik ist – mit den Helden und Antihelden, nach denen die jeweilige Zeit verlangt –, dann ist Schweigers Tschiller ein würdiger Repräsentant der Gegenwart: ein elastischer, siegessicherer Protagonist, der sich selbst auf die Schippe nimmt. „Die hat dir auf den Arsch geguckt“, sagt Tereza im Film zu Tschiller. Und Schweiger guckt, als sei das ja wohl das Mindeste.

So viel Selbstbewusstsein irritiert die Kulturelite, die den gebrochenen Denkertyp bevorzugt und Schweiger auf die Rolle eines Mario Barth des Kinogeschäfts reduziert: gut für Millionen Mallorca-Touristen, aber ohne Langzeitwirkung auf die Zeitläufte. Doch es gibt eine Botschaft, und sie steht dem oft schwerblütigen Sonntagskrimi genauso gut zu Gesicht wie diesem Land insgesamt, das über Katzenkastration, Windräder und Pferdefleisch diskutiert. Sie lautet: Ey, macht euch mal locker.

Der NDR ließ seinem prominenten Neuzugang viel Narrenfreiheit: Schweiger wünschte sich Yardim als Kompagnon – er bekam ihn. Er wünschte sich Alvart als Regisseur – er bekam ihn. Und die Story? „Ganz ehrlich, ich hatte keine Lust, in irgendeinem Revier am Computer Nummernschilder abzugleichen“, sagte er in einem Interview. Muss er also nicht.

Weniger als 1,5 Millionen Euro hat der Film gekostet. Populäre Ermittler bekommen um die 100.000 Euro Gage, Schweigers Salär dürfte darüber liegen, aber Geld ist sein Antrieb nicht. Er, dessen Hollywoodbemühungen doch eher im Sande verliefen, baut vor: Der „Tatort“ ist ein sicherer Brotjob, weniger der Gage als der öffentlichen Wahrnehmung wegen. Für zunächst vier Filme hat er unterschrieben, einen pro Jahr.

Neuerfindung des Genres? Nein. Aber eine starke, neue Farbe im Krimi-Einerlei. „Du hast den Kiezfrieden gestört – geil“, sagt Wotan Wilke Möhring auf dem Männerklo. Recht hat der Mann.

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