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Fernsehen Tom Buhrow setzt eine alte ARD-Tradition fort
Nachrichten Medien Fernsehen Tom Buhrow setzt eine alte ARD-Tradition fort
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11:00 31.05.2013
Tom Buhrow: „Bitte keine Angstkultur, sondern Mut zu Experimenten!“ Quelle: dpa
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Köln

„Man muss in dem Job wirklich managen können“, warnte sie. „Wir brauchen keinen Chefredakteur, wir haben sehr gute.“ Sie meinte das freundlich, als ermunternden Appell, aber es klang ein bisschen wie: bloß kein Journalist.

Am Mittwoch wurde dann trotzdem Tom Buhrow zum neuen WDR-Intendanten gewählt, ein Journalist also – mit einem Ergebnis, das manches DDR-Staatsoberhaupt neidisch gemacht hätte: 41 von 47 möglichen Stimmen im Rundfunkrat bekam der immer lächelnde, leicht bübisch wirkende „Tagesthemen“-Mann gleich im ersten Wahlgang. An Jan Metzger, Intendant bei Radio Bremen, gingen gerade vier Stimmen. Und Stefan Kürten, Sportrechteexperte bei der Europäischen Rundfunkunion, wurde mit nur zwei Stimmen nach Genf zurückgeschickt.
Buhrow also.

Er setzt damit eine alte öffentlich-rechtliche Tradition fort: Seit Jahrzehnten befördert das System gern gestandene Journalisten auf den Chefposten. Aktuelle Beispiele sind Ulrich Wilhelm beim Bayerischen Rundfunk, Dagmar Reim beim RBB, Jan Metzger bei Radio Bremen, Helmut Reitze beim HR und Thomas Bellut beim ZDF. Beispiele aus der Vergangenheit sind die beiden WDR-Urgesteine Friedrich Nowottny (1985–1995) und Fritz Pleitgen (1995–2007) – die allerdings beide schon Führungserfahrung als Chefredakteure hatten – sowie Günther von Lojewski beim Sender Freies Berlin, Udo Reiter beim MDR und Peter Voß beim Südwestfunk.

Für die Deutsche Welle holte man sich jüngst gar einen Journalisten auf dem Privatfernsehen: den N24-Chefredakteur Peter Limbourg. Und auch im NDR-Intendantenbüro saßen schon Journalisten: Friedrich Wilhelm Räuker (1980–1987) etwa oder Peter Schiwy (1987–1991). Jobst Plog hingegen war Jurist – und Sohn des Journalisten und langjährigen HAZ-Chefredakteurs Wilhelm Plog.

Heilsbringer und Ende aller Sorgen?

„Ich habe diese Aufgabe nicht auf meiner Lebensplanungsliste gehabt“, sagte  ein gelöster, strahlender Buhrow nach der Wahl. „Diese Aufgabe hat mich gesucht.“ Das klang hybrid, fast religiös, als sehe er sich als demütiger Berufener, als ausführendes Organ des Schicksalsgottes. Dazu passte dann auch sein Satz: „Ich bring’ die Liebe mit …“ – eine Liedzeile der Neue-Deutsche-Welle-Gruppe DÖF, die wie folgt weitergeht: „… von meinem Himmelsritt.“ Buhrow – der Jesus von Köln, Heilsbringer und Ende aller Sorgen? Als seine Nachfolger bei den „Tagesthemen“ sind derzeit ARD-New-York-Korrespondent Thomas Roth, Ingo Zamperoni und Tina Hassel im Gespräch. WDR-Mann Roth (61) hat gute Chancen, weil der ARD-Proporz vorsieht, dass der WDR die eine und der NDR (mit Caren Miosga) die andere der beiden „Tagesthemen“-Stellen besetzt. Reinhold Beckmann ließ dagegen dementieren, dass er nach dem Aus seiner Talkshow 2014 einsteigen wolle.

Natürlich gab es die üblichen Vorschusslorbeeren. Buhrow sei ein „umsichtiger, gewinnender Kommunikator“, lobte NDR-Intendant Lutz Marmor. Er bringe „Kooperationsbereitschaft und Kommunikationsstärke“ mit, rühmte die Rundfunkratsvorsitzende Ruth Hieronymi. Er sei „ein Journalist mit klarem Profil“, freute sich die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Hausintern jedoch gibt es Zweifel. Es gibt Stimmen in Köln, die dem Rundfunkrat vorwerfen, sich von der Popularität und Strahlkraft des 54-Jährigen geblendet haben zu lassen. Es gibt Bedenken, ob ein bekanntes TV-Gesicht, Daueroptimismus und Lausbubencharme Qualifikation genug sind, um einer 4100-Mitarbeiter-Anstalt mit einem Jahresetat von 1,4 Milliarden Euro, die ihre frühere Innovationskraft eingebüßt hat, in schwierigen Zeiten neues Leben einzuhauchen.

„Ich bin ein Typ, der nicht von oben herab mit den Menschen kommuniziert“, sagt Buhrow. Er habe auch bei den „Tagesthemen“ immer versucht, „in die Hocke zu gehen“. Das klingt gnädig. Wer in die Hocke geht, lässt sich herab. Es stimme schon, sagt Buhrow, er habe nie ein großes Unternehmen geleitet – wie die beiden anderen Bewerber übrigens auch nicht. „Das sagt aber auch etwas darüber aus, wen der Rundfunkrat bei dieser Wahl gesucht hat“, sagte Buhrow.

Ein freundliches Maskottchen?

Ein verräterischer Satz. Buhrow war ein Vorschlag aus dem Rundfunkrat. Wen also suchte das Gremium? Jemanden mit bewährter Außenwirkung? Einen Prominenten? Ein freundliches Maskottchen? Es muss viel stimmen bei einem WDR-Intendanten: politische Grundrichtung (Buhrow gilt als gemäßigt links), Vernetzung, Auftreten, Vision. Aber kann ein Vollblutjournalist heute, wo publizistische Wucht nur noch ein Aspekt unter vielen beim Medienmachen ist, die offenen Baustellen bei der größten Anstalt der ARD beackern?

Der WDR hat – wie der Mutterverbund  ARD insgesamt – ernsthafte, tief sitzende Probleme. Der Sender, der vor langer Zeit innovative Formate wie „Schmidteinander“, „ZAK“, „Die Sendung mit der Maus“ oder „Zimmer frei!“ hervorbrachte, scheint an einer merkwürdigen Angststarre erkrankt. „Macht ruhig Fehler!“, sagte Buhrow (da hatte er selbst gerade die WDR-Krimireihe „Mord mit Aussicht“ versehentlich „Zimmer mit Aussicht“ genannt). „Bitte keine Angstkultur, sondern Mut zu Experimenten!“

Er klingt meist druckreif, was er sagt. Die Sache mit den Schlagworten hat er drauf. Doch ihn erwarten harte Auseinandersetzungen. Erstens muss der Sender sparen. Zweitens geht der Streit mit den deutschen Verlegern um Pflichten und Rechte im Netz weiter. Drittens schreitet die Alterung von Publikum und Programm voran. Viertens stehen im Haus wichtige personelle Weichenstellungen an. Fünftens kämpft die ARD um ihre Legitimation. Und sechstens lähmt die föderale Struktur schnelle Entscheidungen. Die Frage wird sein, ob „Buhrowkratie“ das richtige Mittel gegen Bürokratie ist. Ob ein freundlich lächelnder Mann, über den seine Frau sagt, er sei „überwiegend nett“, auch Härte zeigen kann. Sonst wird Tom Buhrow ganz schnell zum Philipp Rösler des WDR.

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