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21:22 31.10.2011
Von Imre Grimm
Sie gibt sich gern als Liebesbotin – in Wahrheit geht’s aber doch bloß darum, arglose Fernsehlaien vorzuführen: Inka Bause im Landlook in der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“. Quelle: RTL
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„Bild“ gab sich empört, und wenn „Bild“ sich empört gibt, dann sind die Buchstaben groß: „Zwangsküsse! Falsche Gefühle! Frauen kriegen für jeden Tag Geld! Die Wahrheit über ,Bauer sucht Frau‘“, dröhnte es auf der Titelseite. Das war im Dezember 2007.

Ein bisschen später war „Bild“ wieder entrüstet, und wieder hieß es auf dem Titel: „Was das TV verschwieg – RTL-Bauer lässt schwangere Freundin sitzen.“ Die sind aber auch echt gemein, die Typen vom Fernsehen: „Die Macher von ,Bauer sucht Frau‘ hatten für die dralle Brünette Moni auch eine Duschszene vorgesehen. Moni lehnte ab.“ Na, Gott sei Dank.

Das war im Dezember 2010.

Wieder ein paar Monate später: Große Bestürzung auf der „Bild“-Titelseite: „Falsche Tränen! Falsche Küsse! Kandidaten packen aus – Bei ,Bauer sucht Frau‘ stinkt’s zum Himmel.“ „Bild“ enthüllt exklusiv das „falsche Spiel mit der Fernseh-Liebe“. Kandidatin Melanie (32, Kosmetikerin) musste „auf Befehl küssen“, der Kandidatin Charlyn (29) habe man gar Flüssigkeit ins Auge gespritzt, damit die Tränen ordentlich kullern. Und der Bauer von Ramona (36) ist gar kein Bauer, sondern Busfahrer. Sauerei, das.

Das war am vergangenen Sonnabend. Überraschung: Bei „Bauer sucht Frau“ wird getrickst. Wer hätte das gedacht? Sechs Jahre liebestolle RTL-Landwirte, sechs Jahre formatbegleitende Empörung, sechs Jahre Bigotterie. Bis zu acht Millionen Menschen gucken die Sendung, es ist der Wahnsinn.

Die Fernsehzukunft gehöre „weichen, versöhnlichen Formaten“, die „Menschen zueinanderbringen“, hat RTL-Chefin Anke Schäferkordt vor ein paar Jahren mal in Hamburg gesagt. Sie hat gelächelt dabei, sie lächelt eigentlich immer, sogar wenn sie Trailer zu „Alarm für Cobra 11“ anmoderiert. Schäferkordt nannte US-Talkerin Oprah Winfrey als Beispiel, als Trendsetterin, die in den USA bis zum Ende ihrer Show als Chefversöhnerin der US-Gesellschaft kurz vor der Seligsprechung stand.

Sie haben dann bei RTL keine Oprah erfunden, sondern eine Reihe von „Helptainment“-Formaten entwickelt oder gekauft („Bauer sucht Frau“ basiert auf dem britischen Format „Farmer Wants a Wife“): „Einsatz in vier Wänden“ mit Tine Wittler etwa, „Schwiegertochter gesucht“ oder „Raus aus den Schulden“ mit Peter Zwegat aus Berlin. „Helptainment“ heißt das, oder auch „Coaching-TV“. Aber „Helptainment“ ist eben nicht nur „Help“, sondern vor allem „Entertainment“. Und so beschränkten sich RTL und seine Schwestersender RTL II und Vox bald nicht mehr darauf, schwer krank dahinsiechenden Familienvätern mit sechs hyperaktiven Kindern und gehbehinderter Schwiegermutter das Haus pastellfarben anzustreichen und Fünf-Euro-Sofakissen in Ikea-Wohnzimmern zu verteilen. Irgendwann kippte die Sache. Die Fälle wurden – dem TV-Gesetz der kontinuierlichen Reizsteigerung folgend – drastischer, die Kandidaten schräger. Und die Storys falscher.

Die „weichen, versöhnlichen Formate“ aus den unschuldigen Träumen der Excontrollerin Anke Schäferkordt gehören inzwischen zum Zynischsten, was das deutsche Privatfernsehen hergibt: ein ländlicher Liebesreigen als Hohefest der Schadenfreude. „Assis spielen Assis für Assis“, hat Dieter Nuhr mal gesagt. RTL hat immer dann Erfolg, wenn es jemanden findet, der noch ein bisschen mieser dran ist als der Durchschnittszuschauer. Doch die Nation ist allmählich durchgecastet, also wird „gescripted“; Doku nach Drehbuch – eigentlich ein Widerspruch in sich. „Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie“, hat Napoleon mal gesagt.

Und so lebt eine ganze Reihe von Produktionsfirmen wie Me, Myself & Eye/MME („Bauer sucht Frau“ bis zur sechsten Staffel, „Einsatz in vier Wänden“, „Familien im Brennpunkt“) oder Grundy Light Entertainment („Bauer sucht Frau“ seit der siebten Staffel) davon, sich absurde Liebesquerelen auszudenken, arglose Kandidaten zu finden und sie mit sanftem Druck und 150 Euro Tagesgage durch schlecht gelüftete Dreizimmerwohnungen zu schubsen, angeleitet von sogenannten „Realisatoren“ hinter der Kamera. Skrupellosigkeit trifft auf Ahnungslosigkeit. Ergebnis: Stundenlang schreien sich im RTL-Nachmittagsprogramm überforderte Mütter und heftig pubertierende Teenager an. Und am Ende liegt dann irgendeine arme Sau in einem fränkischen Wohnzimmer im Schlüpfer auf dem Couchtisch und hat Spaghetti Bolognese auf dem nackten Bauch, „weil mein Schatz das doch so gerne isst“.

Moderne Freakshows wie Dieter Bohlens Kinderbeschimpfungsparty „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Das Supertalent“ – die Fortsetzung des Kuriositätenkabinetts des 19. Jahrhunderts mit den Mitteln des Fernsehens – stehen sinnbildlich für dieses Menschenbild. Man kann sich darüber empören, aber Empörung bringt gar nichts, das ist ein dialektisches Problem. Kritik und Programmredaktionen sprechen zwei unterschiedliche Sprachen. Schäferkordt hat ihr Erfolgsmodell mal so beschrieben: „Wir interessieren uns für unsere Zuschauer und nehmen sie ernst. Sie glauben doch nicht, dass ein Format in Menschen Instinkte produzieren kann, die vorher noch nicht da waren!“ Produzieren nicht. Wachkitzeln schon.

Das System befeuert sich selbst: Sendung, Kritik, Empörung – sie sind allesamt Werkzeuge der Aufmerksamkeitserregung, eingepreiste Bestandteile einer kalkulierten Entertainment-Offensive. Erst vor ein paar Wochen „enthüllte“ „Bild“, wie Vera Int-Veen in der RTL-Sendung „Mietprellern auf der Spur“ mit unsympathischer Aggressivität einen behinderten Protagonisten verfolgte. Dafür feiert das Blatt jede neue „DSDS“-Staffel dann wieder wie einen zweiten deutschen Papst. Es ist ein Geben und Nehmen: „Exklusiv“ & Co. dürfen „Bild“-Themen flöhen, dafür hält RTL mal ein bisschen Pseudo-Kritik aus („Ich musste ihn auf Befehl küssen!“).

Dass sich „Bild“ freilich in Sachen „Bauer sucht Frau“ über Knebelverträge, unmoralische Medientricks und dralle brünette Monis beim Duschen erregt – das ist ungefähr so glaubwürdig, als würde Josef Ackermann über gierige Banker schimpfen. Denn niemand reißt so lustvoll und ausdauernd TV-Laien medial in Stücke wie „Bild“, niemand macht sie routinierter zu Hassobjekten. Man weiß also nicht, was abgezockter ist: Die verlogene Empörung über ein verlogenes TV-Format, oder das Format selbst.

Vor ein paar Monaten wurde Anke Schäferkordt mal gefragt, ob sie ins RTL-„Dschungelcamp“ gehen oder in einer Castingshow auftreten würde. „Auf keinen Fall“, hat sie gesagt.

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