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Vom Tennisprofi zum Möchtegern-Medienstar

Boris Becker Vom Tennisprofi zum Möchtegern-Medienstar

Seine jüngste Show floppte, sein Exmanager stichelt im „Playboy“: Als Medienstar macht Ex-Tennisprofi Boris Becker keine gute Figur. Dabei ist sein einziger Job die Vermarktung seiner selbst, seines Lebens, seiner Familie, seiner Kinder.

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Als Medienstar macht Ex-Tennisprofi Boris Becker keine gute Figur.

Quelle: dpa

Da sitzen sie auf einem weißen Sofa, Boris Becker (43) und seine Lilly (34), und tun so, als ob sie locker plauderten. „Ich muss sagen, Berlin macht sich“, sagt Becker. „Yeah“, sagt Lilly. Sie sieht ein wenig gelangweilt aus. „Das war ein cooles Kleid, das du anhattest“, lobt Becker. „Und heute fahren wir wohin? Nach Stuttgart! 125 Jahre Daimler. Und sogar die Kanzlerin kommt, Ändschela Merkel“ – „Ja“, sagt Lilly. Er sagt tatsächlich „Ändschela“. „Zeig mal deine Stiefel“, sagt Becker in einem anderen Video. Lilly zeigt ihre Stiefel. „Das ist ja wirklich sagenhaft!“

Stiefel, Kanzlerin, Werbepartner. Das hier ist „Boris-Becker-TV“. Er hat diese Internetseite 2009 eröffnet. Er wolle zeigen, sagte er damals, „wer ich wirklich bin, wie wichtig mir meine Familie ist, dass ich Geschäftsmann bin“. Er wollte „die Wahrheit“ erzählen. Und daran erinnern, dass es ihn noch gibt.

Als ob daran Zweifel bestünden. Keine Gala ohne Boris. Keine Werbepause ohne Becker. In diesem Frühjahr mäht er für die kriselnde Baumarktkette Praktiker in TV-Spots den Rasen. Boris Becker besitzt drei Autohäuser in Stralsund, Greifswald und Ribnitz-Damgarten. Er ist Gesellschafter der Völkl Tennis GmbH. Er sitzt im Wirtschaftsbeirat des FC Bayern München. Die Firma Boris Becker GmbH vermarktet ihn als Werbefigur („Erfahren Sie, wie Sie mit dem gewinnbringenden Imagetransfer von Boris Becker Marketingerfolge erzielen“). Boris Beckers Job ist die Vermarktung seiner selbst, seines Lebens, seiner Familie, seiner Kinder. Das zeigen schon die Buttons seiner Homepage – „Home“, „Sport“, „Lifestyle“, „Lilly“.

In dieser Woche war Noah, sein inzwischen 17-jähriger Sohn, auf der Fashionweek in Berlin. Noah hat jetzt eine eigene Modelinie. Gestern durfte er der „Bild“-Zeitung – die den Beckers in Treue ergeben ist – „die Wahrheit über meinen Papa Boris“ verkünden („Hey, wir sind die Beckers!“). Noah sah ein paar Bikini-Schönheiten zu in Berlin, er knutschte mit seiner Freundin, und dazu trug er ein T-Shirt, auf dem sein Vater in Jubelpose mit Pokal abgebildet war. „Seht her“, sagte das T-Shirt, „ich bin der Sohn eines Siegers.“

Natürlich, Boris Becker ist eine Legende. Man hat eine Meeresschnecke nach ihm benannt (Bufonaria borisbeckeri). Jeder kennt diese Zahlen: Siebenmal im Wimbledon-Finale, dreimal gewonnen, 1985, bei seinem ersten Triumph, war er gerade 17 Jahre alt. Die Frage ist nur, ob man Legende von Beruf sein kann. Jeder kennt auch diese Geschichten: die irrlichternden Zeiten nach seinem Karriereende 1999, der Steuerprozess 2002, die Besenkammeraffäre mit Angela Ermakova, die rotblonde kleine Anna, die bittere Scheidung von Barbara Becker live im US-TV, die putzige On-Off-Verlobung mit Sandy Meyer-Wölden, die Bekanntgabe seiner Verlobung mit Lilly Kerssenberg live bei „Wetten, dass ...?“ – Boris Becker versucht, seinen Platz zu finden, aber all seine Aktivitäten und Skandälchen als deutscher Medienstar umwehen etwas Tragisches.

Er tut, was man eben so tut im Jahr 2011. Er twittert eifrig („Dentist today“). Er ist bei Facebook, klar doch, aber da hat „Boris-Becker.tv“ gerade einmal 821 „Freunde“ (Lothar Matthäus hat 9024). Er versuchte sich als Kommentator für Premiere (jetzt Sky) und das DSF (jetzt Sport1). Er wagte sich mit einer Talkshow an den Start („Becker 1:1“), er daddelte in „Sofaduell – Das Playstation Sport-Quiz“ gegen WG-Jungs, er talkte in „Boris Becker meets ...“ auf PRO7. Nichts fruchtete. Und auch seine Hochzeit, die er exklusiv an RTL verkaufte, holte schlechte Quoten – trotz „Liebes-Interview“ in der „BamS“.

Sein jüngster Flop ist die Kabel 1-Show „Boris macht Schule“. Zwölf Tage lang versuchte „der rothaarige Jetset-Liebling“ (Kabel 1), aus der heruntergekommenen Georg-Weerth-Oberschule in Berlin-Friedrichshain mit Lehrern, Eltern und Schülern einen Hort der Lebensfreude zu zaubern. „Helptainment“ nennen das die Medienjungs in den hellblauen Hemden. Aber dann stand er doch nur hölzern auf dem Schulhof herum und rief „Wollt ihr die Schule verändern?“ in ein Megafon. Jubel, Pathos, Geigen. Eine kolossale Pleite. Nur 350 000 junge Zuschauer wollten zusehen. Marktanteil: drei Prozent.

„Ich glaube nicht, dass Boris heute weiß, wer oder was er ist“, sagt einer, der ihn einst in den achtziger Jahren zum Weltstar aufbaute: sein ehemaliger Manager Ion Tiriac, für viele Beckers Joe Jackson. „Er sucht sich noch immer“, sagt Tiriac in der aktuellen Ausgabe des „Playboy“. „Boris Becker ist sehr stur. Diese Sturheit hat ihn groß gemacht, aber nicht groß genug.“ Fälschlicherweise habe Becker geglaubt, „dass er als Nummer eins im Sport auch im Business die Nummer eins sein kann. Und am besten gleich morgen früh.“

„Ich habe mich geändert“, behauptete Becker im britischen „Guardian“. Sein neues Tennis heißt Poker. Er kann versinken am Spieltisch („Es erinnert mich daran, noch mal 20 zu sein“). Das Blatt beschreibt eine Szene von 2009, in der Lilly ihn fragt: „Rate mal, was wir heute machen. Das, von dem du sagst, du liebst es nur etwas weniger als mich.“

Becker denkt nach.

„Poker?“, fragt er.

Falsche Antwort.

„Nein“, sagt Lilly. „Wir holen die Hochzeitsringe ab.“

Es ist selten leicht, wenn lebende Sportlegenden das, was sie am besten tun, plötzlich nicht mehr tun. Wenn sie nichts mehr zu bieten haben als sich selbst. Oliver Kahn steht im ZDF herum wie ein Kaugummiautomat. Axel Schulz muss in PRO7-Klatschmagazinen locker-flockig Promischeidungen kommentieren. Und Lothar Matthäus – nun ja. Ein Sonderfall. Wenn Becker der König der Selbstdemontage ist, dann ist „Lodda“ der Kaiser.

Das Seltsame an Beckers zweiter Karriere: In England funktioniert sie. Er sitzt als Teamkapitän in der BBC-Show „The think it’s all over“, er ist Kolumnist für die „Times“, er kommentiert Wimbledon fürs Fernsehen. Sie lieben ihn dort, sein Ruhm lebt fort (die britische Presse feierte die deutsche Tennishoffnung Sabine Lisicki gerade als „Doris Becker“). Die Deutschen aber tun sich schwer mit unsicheren Helden im Ruhestand. Sie nehmen übel, wenn jemand offensiv das Scheinwerferlicht sucht. Ruhm ist ihnen suspekt, vielleicht, weil sie ahnen, dass es nicht gesund sein kann, wenn jemand Öffentlichkeit als Lebenselixier benötigt. „Den Deutschen“, sagte Becker mal, „bin ich nicht deutsch genug. Humor ist mir wichtig, und das ist so undeutsch.“

Ob er sich nicht vorstellen könne, wie seine Kollegin Steffi Graf zu leben, fragte ihn kürzlich ein deutscher Journalist – zurückgezogen in Las Vegas, ohne Aufsehen und Schlagzeilen? „Sie ist glücklich damit“, antwortete Becker. „Sie findet darin ihre Erfüllung. Ich bin nun mal ein ganz anderer Mensch.“ Auf dem Tennisplatz seiner 15-Millionen-Euro-Finca auf Mallorca (2900 Quadratmeter Wohnfläche, 30-Meter-Pool, Gästehaus, Pferdestall, Amphitheater), die gerade wegen Zoffs um ein paar Gärtnerrechnungen angeblich kurz vor der Pfändung stand (Becker dementierte), hat er Pfosten vom legendären Court 2 in Wimbledon verbauen lassen. Und in London hat er sich eine Wohnung gemietet. In Fußweite zu Wimbledon. Es ist, als komme er nicht los davon.

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