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Warum die Uefa nicht alle EM-Bilder zeigt

ARD und ZDF sauer Warum die Uefa nicht alle EM-Bilder zeigt

Es ist die dritte Fußball-Europameisterschaft seit 2008, bei der die Uefa selbst die globalen Fernsehbilder produziert. Und schon nach wenigen EM-Tagen zeigt sich, welches Ziel die 1900 Mitarbeiter der Firma Uefa TV Productions verfolgen.

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Die Uefa, die TV-Bilder und die Zensur:
 ARD und ZDF kritisieren die EM-Regie –
 aber sie sitzen am kürzeren Hebel.

Quelle: Federico Gambarini

Hannover. Russland gegen England. Rauchschwaden, Explosionen, Jagdszenen auf den Rängen. Weinende Kinder, entsetzte Väter. Hooligans treten um sich. Die TV-Zuschauer sehen davon: nichts. Türkei gegen Kroatien. Ein kroatischer Fan wirft sich zwischen jubelnde Spieler. EM-Ordner führen ihn ab. Auch hier: keine Bilder.

Es ist die dritte Fußball-Europameisterschaft seit 2008, bei der die Uefa selbst die globalen Fernsehbilder produziert. In ihrem Auftrag drehen eine belgische, zwei französische, eine britische und eine schwedische Produktionsfirma im Wechsel mit je 46 Kameras pro Stadion die Szenen, die im sogenannten Live Stadium Feed (LSF) an 120 Sender mit 130 Millionen Zuschauern in aller Welt gehen – einheitlich für alle.

Die Uefa allein entscheidet

Die Uefa allein entscheidet, was relevant ist. Und schon nach wenigen EM-Tagen zeigt sich, welches Ziel die 1900 Mitarbeiter der Firma Uefa TV Productions verfolgen: Störungsfrei und klinisch rein soll das Turnier aussehen – gesäubert von allem, was Sponsoren verstören könnte.

In den Übertragungswagen sitzen fünf Uefa-Gastregisseure – einer davon ist der Deutsche Knut Fleischmann, der auch schon beim Champions-League-Finale Regie 2013 führte. „Ich bin das Auge des Zuschauers“, sagt er. „Was wir nicht zeigen, kann der Fan nicht sehen.“ Und so musste ZDF-Reporter Oliver Schmidt mündlich berichten, was um ihn herum vorging: „Ich schildere es so, wie ich es sehe und erlebe.“

Wie chinesische Zensoren bei Olympia 2008

Man wolle Chaoten, Störern, Flitzern „keine Bühne bieten“, heißt es dazu bei der Uefa. Exakt so klangen die chinesischen Zensoren bei Olympia 2008 in Peking. In Wahrheit geht es vor allem um die Keimfreiheit des Werbeumfelds – um die Wahrung des schönen Scheins. „Wir wollen Fußball auf dem Bildschirm zum Leben erwecken“, versprach Uefa-Fernsehchef Bernie Ross.

Das Gegenteil ist der Fall. Die EM in Frankreich sieht in Teilen aus, als finde sie auf der Playstation statt: steril, glatt, politisch korrekt, mit Stadiontotalen, Tribünenschwenks und Menschenmassen. Kaum fröhliche Bikinimädchen (um streng religiöse Länder nicht zu verschrecken), kaum selbst gemalte Banner (man weiß ja nie). In Zeiten vom Fußball als globalisiertem Milliardengeschäft sind Fans im Detail vor allem eines: ein optisches Sicherheitsrisiko.

Hooligans wollen keine mediale Präsenz

Bei Flitzern ohne jeden Nachrichtenwert mag Ausblenden das Mittel der Wahl sein. Bei Hooligans aber liegt der Fall anders. Ihr Ziel ist nicht mediale Präsenz. Ihr Ziel ist Gewalt. Sie auszublenden löst kein Problem. Im Gegenteil: Sie zu zeigen entreißt die Täter der sicheren Anonymität. Dafür müsste die Uefa freilich öffentlich eingestehen, dass ihr Sicherheitskonzept versagt hat. Das wird sie nicht tun.

„Wir wollen nicht, dass Szenen von Gewalt im Fernsehen zu sehen sind“, sagte ein Uefa-Sprecher nach heftiger Kritik auch aus den Reihen von ARD und ZDF. „Wir waren nicht zufrieden mit dem Bildangebot“, sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz nach den Krawallen von Marseille. Zu den „relevanten Bilder“ gehöre auch „alles, was abseits des Spielfelds passiert“. „Im Kern geht es um Glaubwürdigkeit“, stellt ARD-Teamchef Jörg Schönenborn fest.

Ein Spiel für 3,5 Millionen Euro

Rund 160 Millionen Euro haben ARD und ZDF für die EM-Rechte 2016 bezahlt. Damit kostet jedes der 45 Spiele, die sie zeigen, 3,5 Millionen Euro. In ihrem Vertrag mit der Uefa geht es um weit mehr: ARD und ZDF waren verpflichtet, vor der EM jeweils vier „Uefa-Magazine“ auszustrahlen. Sie bestanden überwiegend aus aseptischen, kritikfreien Werbeclips. Das ZDF sendete drei der Produktionen praktisch unverändert, wie Gruschwitz dem NDR-Magazin „Zapp“ sagte. Die redaktionelle Eigenleistung habe darin bestanden, dass das Material „geprüft“ worden sei.

Der Sportjournalismus hat sich über Jahre verändert. Immer mehr große Fußballvereine gründen eigene TV-Kanäle. Der Trend zur Selbstvermarktung zwingt die Sender zu Bittstellertum – oder williger Kooperation. Wie unabhängig sind ARD und ZDF? Das Erste führt als Nachweis seiner kritischen Distanz im Sport gern seinen Dopingexperten Hajo Seppelt ins Feld. In Wahrheit aber leben auch ARD und ZDF in einem symbiotischen Verbund mit Uefa und Fifa.

Die Sender haben die journalistische Deutungshoheit über das TV-Produkt Fußball schon vor Jahren aus der Hand gegeben. Eine Kennzeichnung nicht selbst hergestellter Bilder – wie etwa in der „Tagesschau“ üblich – sei im Sport nicht geplant, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky gestern dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Warum verwendet die ARD überhaupt Uefa-Fremdmaterial – weit über das Spiel hinaus? „Aus redaktionellen Gründen, wenn das Material Bilder oder Informationen enthält, die für den Zuschauer attraktiv sind“, sagte Balkausky. Im Übrigen sei die journalistische Unabhängigkeit gewährleistet, „so lange die ARD immer auch mit mindestens einer eigenen Kamera im Stadion ist“. Das Stichwort ist: Attraktivität.

"Bandenwerbung" bekommt eine neue Bedeutung

Die Uefa kassiert gleich dreifach: einmal für die TV-Rechte (eine Milliarde Euro), einmal für Ticket- und Hotelpakete (500 Millionen Euro) und einmal für Sponsoring (400 Millionen Euro). Neu im Boot der Sponsoren ist seit 2013 die staatliche aserbaidschanische Ölgesellschaft Socar. Da bekommt das Wort „Bandenwerbung“ eine ganz neue Bedeutung.

Die Vorschriften der Uefa für Rechteinhaber – sprich Sender – sind streng. Wortwahl, Design, Sendedauer, Laufwege – alles ist geregelt. Flash-Interviews nach dem Spiel dürfen höchstens 90 Sekunden dauern. Reporter haben sich an feste Standorte für „Ankunfts-“, „Halbzeit-“, und „Super-Flash“-Interviews zu halten. Die Ausrüstung darf Spieler und Schiedsrichter nicht „verwirren oder behindern“. Und: „Alle Medienvertreter müssen die Bedürfnisse von Berufskollegen respektieren.“

Pressechefs müssen "in vollem Umfang kooperieren"

Also keine Rangeleien unter Fotografen. Und in Texten sind ARD und ZDF verpflichtet, die EM an prominenter Stelle regelmäßig „Uefa Fußball-Europameisterschaft 2016“ oder „Uefa Euro 2016“ zu nennen. Nicht minder streng sind die Regeln für die teilnehmenden Fußballverbände – festgehalten in einem 100-seitigen Kompendium. Pressechefs müssen fließend Englisch sprechen und „in vollem Umfang kooperieren“.

Zur Pressekonferenz haben der Cheftrainer und der „Uefa Man of the Match“ zu erscheinen – und zwar höchstens 20 Minuten nach Abpfiff. Die meistdiskutierten EM-Bilder am Sonntag freilich waren nicht die zensierten, sondern der schwitzende Jogi Löw bei der unfeinen Überprüfung verschiedener Körperfunktionen. Auch nicht gerade lupenreines Hochglanzmaterial für Werbekunden. Da hat wohl jemand nicht aufgepasst.

Von Imre Grimm

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