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NDR-Chef Lutz Marmor gibt ARD-Vorsitz ab

Wechsel in 2016 NDR-Chef Lutz Marmor gibt ARD-Vorsitz ab

Ein Jahr hatte er auf Bitten der Intendantenkollegen drangehängt: Am 31. Dezember endet jetzt Lutz Marmors drittes und letztes Amtsjahr als Vorsitzender bei der ARD – ein Blick in sein Fleißheft.

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2016 ist Schluss: Dann gibt Lutz Marmor seinen ARD-Vorsitz ab.

Quelle: dpa

Hannover. Seine letzte Pressekonferenz als Chef von Deutschlands bestfinanziertem Medienhaus war kein netter Pflichttermin. Da saß Lutz Marmor, NDR-Intendant und Noch-ARD-Vorsitzender, in Hamburg und gab sich so zerknirscht wie möglich. „Der NDR hat einen Fehler gemacht“, sagte er. Es ging um das Xavier-Naidoo-Desaster, das peinliche Hin und Her bei der Kandidatensuche für den Eurovision Song Contest. Am 31. Dezember endet Marmors drittes und letztes Amtsjahr als Chefdiplomat und Pflichtverteidiger dieses seltsamen Konstrukts mit seinen elf Fernsehsendern, 55 Hörfunkprogrammen, 16 Orchestern, acht Chören, knapp 23 000 Mitarbeitern und 6,9 Milliarden Euro Jahresbudget

Ein Jahr hat er auf Bitten der Intendantenkollegen drangehängt. Im Januar übernimmt MDR-Intendantin Karola Wille. Marmors Bilanz fällt solide aus, aber nicht alle Feuer hat er ausgetreten. Eine Baustellenbesichtigung:

1. Jugendkanal: Der etwas naive Traum vom Publikums-Jungbrunnen, der die Wahrnehmungslücke zwischen Kinderkanal und dem Ersten stopft, wird Wirklichkeit – aber nur im Netz. Einen neuen TV-Sender lehnten die Ministerpräsidenten ab. Eine Schlappe für die ARD. Start ist im Oktober 2016, die 16 Länderparlamente müssen noch zustimmen. Das Projekt mit dem schlimmen Arbeitstitel „Junges Angebot“ darf überaus üppige 45 Millionen Euro pro Jahr kosten, 30 kommen von der ARD, 15 vom ZDF. Die Webseite für 14- bis 29-Jährige soll alles bündeln, was die ARD als „jung“ empfindet. „Diese Chance dürfen wir nicht vergeigen“, sagt Marmor. Aber alles andere als ein Flop wäre eine Überraschung. Der Verjüngungsdruck bleibt enorm: Für 50 Prozent aller Zuschauer unter 40 Jahren spielen laut einer Emnid-Umfrage ARD und ZDF keine Rolle. Das heißt: Jeder zweite Jüngere verzichtet zu 100 Prozent auf öffentlich-rechtliches Fernsehen. Und was Hänschen nicht guckt, guckt Hans nimmermehr.

2. Transparenz: Die Öffnung der ARD nach außen hatte Marmor zur Maxime seiner Amtszeit erklärt. Darauf folgten: eine Flut von „Rechenschaftsberichten“ im Netz, offengelegte Gehälter (Marmor verdient 291 000 Euro im Jahr), ein neuer „Produzentenbericht“ und der „Tagesschau“-Blog, den „ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke freilich fast ausschließlich zur Vorwärtsverteidigung nutzt. Marmor und WDR-Intendant Tom Buhrow stellten sich in einem „ARDcheck“ den Fragen der Zuschauer – mediale Symbolpolitik. Wichtige Zahlen zu Sportrechten bleiben im Dunkeln. Ungeklärt ist auch, was das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den politischen Einfluss auf die Gremien des ZDF beschneidet, für die ARD bedeutet.

3. Unabhängigkeit: Heftige Kritik an der Unabhängigkeit der ARD etwa  in der Russland-Ukraine-Krise konterte Marmor mit dem Satz, es sei „nicht unser Vorsatz, Zuschauer zu täuschen“. Die „Lügenpresse“-Anwürfe machen nicht nur der ARD zu schaffen. Da befeuert jeder individuelle Fehler den Argwohn. Aber: „Ein Fehler ist keine Verschwörung.“ Im Übrigen seien die Kritiker immer lauter als die Zufriedenen: „Wer schreibt an die Deutsche Bahn: ,Der Zug war pünktlich, danke schön?‘“ Dennoch wächst der Legitimationsdruck.

4. Gebühren: In Marmors Amtszeit fällt die Umstellung des geräteabhängigen GEZ-Modells auf eine Haushaltspauschale. Die schlimmsten Transformationsschmerzen sind verflogen, es bleibt die Frage, was mit den (gar nicht so überraschenden) 1,2 Milliarden Euro Mehreinnahmen pro Jahr geschieht. Bisher werden sie auf einem Sperrkonto geparkt. Die eher kosmetische Senkung der jetzt als „Beitrag“ beschönigten Gebühren von 17,98 auf 17,50 Euro verbraucht nur 400 Millionen pro Jahr. Die ARD hat vorsichtshalber schon mal 400 Millionen Euro Mehreinnahmen ab 2017 gefordert. Am Eindruck der Unersättlichkeit hat sich auch unter Marmor nichts geändert.

5. Vorabend: Still und heimlich hat die ARD ihre Schmunzelkrimi-Dachmarke „Heiter bis tödlich“ beerdigt. Quizonkel Jörg Pilawa soll ein paar Lücken stopfen. Vorabendkoordinator Frank Beckmann wurde zwischenzeitlich durch die Staatsanwaltschaft Erfurt vom Kerngeschäft abgelenkt, die im Kika-Skandal wegen Untreue gegen ihn ermittelte. Marmor hielt zu ihm. Beckmann zahlte eine Auflage von 30 000 Euro, die Ermittlungen wurden eingestellt. Sein neuer Vertrag als NDR-Fernsehrdirektor läuft bis 2018.

6. Programm: 1,3 Millionen Euro kostet ein „Tatort“ im Schnitt. Das Format boomt weiter, droht aber durch schiere Masse zu verwässern. Gut umgesetzt ist die kleine ARD-Humoroffensive am Donnerstag, etwa mit „extra 3“. Die Degeto-Freitagsfilme sind sanft entschmalzt worden. Dass sich ARD und ZDF allerdings bei den TV-Rechten für vier Olympische Spiele zwischen 2018 und 2024 vom Eurosport-Konzern Discovery haben abkochen lassen, ist eine bittere Pleite.

...  und ein Halleluja! Die Talk-Lösung: Aus fünf mach vier, aus vier mach drei: Die Talkshowflut der ARD ist erfolgreich trockengelegt. Nach dem Aus von Günther Jauch – den auch die Angst vertrieb, durch Marmors Transparenzoffensive könnte sein Honorar publik werden – rückt Anne Will zurück auf den Sonntag. Reinhold Beckmann ist raus. Bleiben noch Frank Plasberg (Montag) und Sandra Maischberger (Dienstag). Problem gelöst.

Von Imre Grimm

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