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Diskussion um „Wetten, dass ...?“ Schwarz-Weiß-Malerei

„Schuhcreme oder Kohle, was auch immer!“: Harmloses Späßle? Oder Fauxpas? Die Jim-Knopf-Schminkwette bei „Wetten, dass ...?“ erregt die Gemüter – aus gutem Grund.

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„Das ZDF leistet rassistischen Vorurteilen Vorschub“: Schwarz geschminkte Augsburger bei „Wetten, dass...?“, darunter Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU, M.) und Lebensgefährtin Sigrid Einfalt (2. v. l.).

Quelle:  dpa

Mainz. Sie haben zur Zeit wirklich die Pest am Knie in der „Wetten, dass ...?“-Redaktion: Da kämpfst du seit Monaten gegen das Vergessen, da fällt deine Quote in den sauerstoffarmen Bereich, da verteidigst du mit der realitätsblinden Dickfelligkeit eines Franz Beckenbauer in Katar den überforderten Markus Lanz gegen alle Kritik. Und dann redet das ganze Land endlich mal wieder über deine Show – aber nicht über die tollen Wetten oder die Stars, sondern über die Frage, ob es Rassismus ist, sich als Weißer das Gesicht mit Schuhcreme anzumalen, um auszusehen wie ein Schwarzer.

„Wetten, dass Augsburg es nicht schafft, 25 Paare als Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, verkleidet hier auf die Bühne zu bringen“, ließ die ZDF-Redaktion die Marionetten der „Augsburger Puppenkiste“ am Sonnabend sagen. Und weiter: „Jim sollte natürlich schwarz geschminkt sein, Schuhcreme, Kohle, was auch immer!“ Es folgte: ein Aufschrei bei Twitter („gestrig und dumpf“) und ein noch heftigerer Gegenaufschrei („linksgrünes Gutmenschentum“). Am Ende standen allerhand angemalte Augsburger in der Messehalle herum und wussten nicht so richtig weiter.

Geteilte Meinungen

Harmloses Späßle? Oder Fauxpas? Das Land ist in zwei Lager geteilt: Einer Minderheit gefror das Blut in den Adern angesichts einer öffentlich-rechtlichen Redaktion, in der offenbar niemandem in den Sinn kam, dass derlei „Blackfacing“ – ob gewollt oder nicht – an die üblen Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts anknüpft, in denen weiße Varietékünstler als Stereotyp-Schwarze mit Schminke, knallroten Lippen und Zottelperücke alle damaligen Vorurteile von „faul“ bis „dumm“ bedienten.

Die Mehrheit dagegen verteidigt die Wettidee, darunter auch ein Karnevalsfan bei „stern.de“, der in einem unterirdisch-naiven Text ernsthaft die Frage stellte, wie man Jim Knopf denn bitte sonst hätte erkennen sollen?! Man habe sich damals im Kindergarten schließlich auch gern als Schwarzer, Mexikaner oder Chinese verkleidet. Und überhaupt! Erst das „Zigeunerschnitzel“, dann das St.-Martins-Fest – und jetzt darf man sich nicht mal mehr als Jim Knopf verkleiden?

Markus Lanz hat die Vorweihnachtsausgabe seiner ZDF-Show "Wetten, dass..?" über die Bühne gebracht. Als Gäste: Michael Bublé, Ina Müller und Boris Becker.

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Es regten sich doch „höchstens 0,1 Prozent der Zuschauer“ auf, heißt es im Netz. Also könne die Sache ja wohl nicht so schlimm sein. Das ist argumentativ ein putziger Trugschluss. Es würde bedeuten, dass große Gruppen automatisch immer im Recht sind. Klingt erst mal demokratisch, aber Mehrheit heißt nicht: Wahrheit. Es sind die vertrauten Beißreflexe nicht schwarzer Zaungäste, die vom vermeintlichen Siegeszug der politischen Korrektheit genervt sind, weil er ihr eigenes Tun und Lassen infrage stellt.

Treten wir einen Schritt zurück. Wenn wir Rassismus als vorsätzliche Herabsetzung eines Menschen aufgrund von äußeren Merkmalen definieren, dann war die Aktion von Augsburg sicher keiner. Niemand beim ZDF wird gedacht haben: „Los, lasst uns schwarze Menschen herabwürdigen.“ Jim Knopf hat als positiv besetzte Figur eines populären deutschen Kinderbuchs direkt nichts mit dem tief sitzenden US-Trauma der Minstrel-Shows zu tun. Indirekt aber birgt jedes Schwarzschminken weißer Erwachsener die Gefahr, Assoziationen zu wecken, die geeignet sind, Schwarze zu kränken, weil sie sich auf die spezifischen Merkmale ihrer Hautpigmentierung reduziert fühlen. Da genügt es nicht, zu sagen: Habt euch nicht so.

Gedankenlose Wette, gedankenlose Show

Zweitens schützt Unbedachtheit nicht vor Schuld. Nicht der Aufruf zur Jim-Knopf-Verkleidung selbst ist das Problem, sondern der unerträgliche Zusatz „Schuhcreme, Kohle – ganz egal!“. Das erinnert an die dumpfen Sprüche, die sich Schwarze im Deutschland des Jahres 2013 noch immer täglich anhören müssen („Na? In die Schuhcreme gefallen?“). Die gedankenlose Wette passt zur Gedankenlosigkeit der Show insgesamt, die stets dem ersten, billigsten und naheliegendsten Reflex folgt. Advent? Geschenke! Augsburg? Puppenkiste! Puppenkiste? Jim Knopf! Jim Knopf? Schwarz! Schwarz? Schuhcreme! Mit erschreckender Selbstverständlichkeit ging man auch beim ZDF offenbar davon aus, dass in Augsburg überhaupt keine schwarzen Menschen leben, die möglicherweise auch ohne Schuhcreme über Jim Knopfs Hautfarbe verfügen.

„Der Aufruf ist unserer Meinung nach keineswegs mit ,Blackfacing‘ in Verbindung zu bringen“, teilte eine ZDF-Sprecherin trocken mit. „Es gibt keinen echten und unechten Rassismus“, sagt dagegen Tahir Della, Vorstandsmitglied bei der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland aus München. „Entscheidend ist, was Schwarze selbst als diskriminierend empfinden.“ Und die Aktion des ZDF leiste eindeutig „rassistischen Vorurteilen Vorschub“. Sie sei damit für viele Betroffene „rassistisch“.

Dass die weiße Mehrheit schnell abwiegle und fordere, man möge sich nicht mit derlei Marginalien aufhalten, kenne er. „Wir hören andauernd, wir sollten uns nicht so anstellen und uns lieber um ,echten‘ Rassismus kümmern“, sagt Della. „Es ist extrem mühsam und ätzend, sich von Weißen erklären zu lassen, was wir zu empfinden haben, was rassistisch ist und was nicht. Dabei ist es ganz einfach: Wir wünschen uns die gleiche Rücksichtname, die die Gesellschaft anderen Gruppen entgegenbringt, den Frauen etwa.“ Schwarze würden in den Medien „grundsätzlich karikierend dargestellt“, kritisiert Della.

Das ZDF hätte gewarnt sein können. Aber sämtliche frühere Debatten um „Blackfacing“ sind am Mainzer Lerchenberg offenbar spurlos vorbeigegangen:

  •  Günter Wallraff erntete 2009 Kopfschütteln, als er für seinen Film „Schwarz auf Weiß“ als „angemalter Weißer“ (Autorin Noah Sow) den täglichen Rassismus nachzuempfinden versuchte. „Er äfft unterdrückte Minderheiten nach und erntet damit Geld und Aufmerksamkeit“, kritisierte Snow. Es ist gerade die Hybris, anzunehmen, dass ein schwarz geschminktes Gesicht genüge, um die Identität eines Menschen nachempfinden zu können, die viele Schwarze so stört.
  • Im Januar malte sich Denis Scheck in seiner ARD-Literatursendung „Druckfrisch“ das Gesicht schwarz, um damit gegen die Eliminierung von Wörtern wie „Negerkönig“ aus klassischen Kinderbüchern zu protestieren. Es folgten heftige Proteste.
  • 2012 ließ Komiker Dieter Hallervorden für die Rolle eines Schwarzen einen Weißen anmalen – mit der bizarren Begründung, ein schwarzer Schauspieler habe „nicht zur Verfügung“ gestanden. Und da basteln wir uns einfach einen?

„Blackfacing“ ist keine überdrehte Kopfgeburt wohlmeinender Weltverbesserer, sondern ein komplexes Sujet in der aktuellen Rassismusdebatte. Subtile Vorurteile, „spielerische“ Klischees – „In Deutschland gibt es keinerlei Bewusstsein für diese Art von Rassismus“, sagt Philippa Ebéné, Leiterin der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln und Tochter eines kamerunischen Arztes und einer deutschen Buchhändlerin. „In diesem Land werden nur bewusste Aggressionen als rassistisch wahrgenommen.“ Anderswo ist man weiter.

Der New Yorker Dramatiker Bruce Norris verbot im Oktober dem Deutschen Theater Berlin, sein rassismuskritisches Stück „Clybourne Park“ aufzuführen, weil dort eine geschminkte Weiße die Rolle der Schwarzen Francine spielen sollte. „Boykottieren Sie deutsche Theater, die mit dieser dämlichen Tradition weitermachen“, forderte der Pulitzer-Preisträger. Es ist dieser Kontext, in den die Jim-Knopf-Debatte gehört. Denn die subtilste Form der Unterdrückung ist immer noch der Satz: „Nur weil du dich unterdrückt fühlst, bedeutet das noch lange nicht, dass du auch unterdrückt wirst.“

Hält die Jim-Knopf-Schminkwette bei „Wetten, dass ...?“ für fatal: HAZ-Redakteur Imre Grimm. Dass nicht alle seiner Meinung sind, zeigt HAZ-Redakteur Simon Benne.

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Rassismus-Vorwürfe gegen „Wetten, dass ...?“
Foto: Die Jim-Knopf-Saalwette leiste „rassistischen Vorurteilen Vorschub“ und „reduziere schwarze Menschen auf ihre Hautfarbe“, monieren Kritiker.

Das ZDF kann nichts für Jim Knopf: Rassismus-Vorwürfe gegen „Wetten, dass  ...“ überziehen maßlos. Eine Replik von HAZ-Redakteur Simon Benne.

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