Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Lächelnd an die Spitze

Tom Buhrow Lächelnd an die Spitze

Der Mann mit dem Amerika-Lächeln: Am Sonntag moderiert Tom Buhrow seine letzten „Tagesthemen“. Zukünftig wird der langjährige Moderator an der Spitze des WDR stehen. Die ARD brütet derweil über seiner Nachfolge.

Voriger Artikel
Wer wird der Neue bei den Tagesthemen?
Nächster Artikel
Als die DDR-Bürger aufbegehrten

„Morgen ist ein neuer Tag“: Tom Buhrow wechselt nach sieben Jahren „Tagesthemen“ auf den Chefposten des WDR.

Quelle: dpa

Hamburg. Schwer zu sagen, woran das liegt, aber wenn sie aus Amerika zurückkommen, dann haben sie alle dieses Lächeln im Gesicht. Jürgen Klinsmann hatte es. David Beckham hatte es. Auch „Bild“-Chef Kai Diekmann hat es seit seinem Praktikum im Silicon Valley. Vielleicht liegt’s am pazifischen Vitamin D, vielleicht ist diese „Alles ist möglich“-Flipflop-Coolness an den US-Küsten auch einfach ansteckend. Und so konnte es auch in den „Tagesthemen“ um schlimme Waldbrände gehen, um Bürgerkriege, Amokläufe oder Erdbeben: Tom Buhrow, Ex-Washington-Korrespondent der ARD, Ex-Austauschschüler an einer Highschool im Mittleren Westen, Träger des deutsch-amerikanischen Medienpreises der Steuben-Schurz-Gesellschaft, lächelte sieben Jahre lang sein amerikanisches Breitwandlächeln, als werde allein dadurch die Welt ein Stückchen heiler.

„Möge er Ihnen bald ein guter Freund werden“, hatte Ulrich Wickert gesagt, als er 2006 nach 15 Jahren den Staffelstab an Buhrow weiterreichte. Doch da waren „Tagesthemen“-Moderatoren schon nicht mehr die moralischen Instanzen früherer Jahre, die offiziellen Einordnungsbeauftragten der Bundesrepublik Deutschland. Der Nachrichten-Anchor wandelte sich zum freundlichen, smarten, beflissenen Dienstleister im Fluss der Bilder. Wickert war der Letzte seiner Art, und er wusste es. Legendär ist die Geschichte vom älteren Professor, der Wickert einst einen anklagenden Brief schickte, um sich zu beschweren, dass Wickert ihm gestern Abend keine „geruhsame Nacht“ gewünscht habe, woraufhin er, der Professor, nicht habe schlafen können.

Buhrow hat sich redlich bemüht, seine eigene Abschiedsformel „Morgen ist ein neuer Tag“ zum rituellen Gute-Nacht-Gruß zu machen. Doch dass ein Professor sich seinetwegen mal im Bett wälzte, ist unwahrscheinlich. Buhrow, laut Selbstauskunft amerikanophiler Bob-Dylan-Fan mit rheinischem „Fröhlichkeitsgen“, hatte einfach nicht die soignierte Ausstrahlung des frankophilen Wickert oder gar des bibliophilen Hanns Joachim Friedrichs. Während Wickert zwischen buddhistischer Gelassenheit und Schusseligkeit changierte, schimmerte bei Buhrow immer ein als Verbindlichkeit getarnter Ehrgeiz durch. Jahrelang standen in seinem Büro lebensgroße Pappfiguren von Bill Clinton und George W. Bush herum.

„Liftboylächeln“, „Kinderschokoladengesicht“ – es war nicht alles nett, was er in den ersten Jahren zu hören bekam. Zu durchschnittlich, zu glatt, zu blass. Tja, Pech, sagte er dann, er wirke halt nicht besonders staatsmännisch. „Oder können Sie sich mich im Mantel vorstellen, den Reichsapfel in der einen, das Zepter in der anderen Hand?“ Im Übrigen könne man auch lächelnd böse Fragen stellen. Und doch trägt inzwischen nicht Buhrow, sondern eher der ZDF-Konkurrent Claus Kleber den gefühlten Ehrentitel „Elder Statesman des deutschen TV-Nachrichtenwesens“. Morgen Abend moderiert Tom (eigentlich: Thomas) Buhrow seine letzte „Tagesthemen“-Sendung. Voraussichtlich im Juli tritt er dann seinen neuen Job als WDR-Intendant an.

Er habe „genug Auslauf gehabt“, findet der 54-jährige, der 2009 wegen üppiger Nebenverdienste als Gastredner auf Firmenveranstaltungen viel Kritik aushalten musste. „Washington war das Paradies, Hamburg der Olymp“, sagt er. Von seinen zwei Jahren in Paris redet er nicht viel. Vom gut gekühlten „ARD aktuell“-Studio also wechselt er in die unruhige, hoch verschuldete Kölner Rundfunkanstalt mit 4000 Festangestellten und einem Jahresetat von 1,4 Milliarden Euro, die in einer kreativen Krise steckt und permanent um ihre Legitimation kämpft. Lächeln allein wird da nicht reichen.

„Ich will nicht zeigen, wie schlau ich bin, ich will, dass du am Ende unserer ,Tagesthemen‘ schlauer bist“, hat er mal in einer Talkshow zu Thomas Gottschalk gesagt –  und: „Ich mach’s für dich!“ Das klang gnädig, fast herablassend. In Hamburg rufen sie ihm dennoch die üblichen Freundlichkeiten hinterher. Buhrow habe es „mit seinem ihm eigenen Stil nicht immer leicht gehabt“, schreibt „ARD aktuell“-Vize-Chefredakteur Kai Hinrichs. Aber er habe „seinen Kurs beibehalten“ und „die Sendung nachhaltig geprägt“. Im Arbeitszeugnis möchte man solche Sätze nicht stehen haben.

Immerhin schreibt Hinrichs auch: „Die Zuschauer haben ihm immer die Treue gehalten. Das ist die Währung, die zählt in unserer Branche.“ Erfolglos jedenfalls waren Buhrow und seine Kollegin Caren Miosga (seit 2007 im Boot) nicht: 2012 hatten die „Tagesthemen“ laut ARD die höchsten Zuschauerzahlen seit 18 Jahren. Und ein Haarteil, schwor Buhrow am Freitag auch noch schnell, habe er nie getragen: „Das Geheimnis lautet: Mildes Licht“, sagte er. „Und jedes Härchen wurde so gekämmt, dass es auch zu sehen war.“

Und nun? Wer folgt auf Buhrow? Bisher sind alle Personalvorschläge Spekulation. Zuletzt hieß es, es drohe eine klassische ARD-Proporzlösung: NDR-Mann Ingo Zamperoni (39), bisher im „Nachtmagazin“ tätig und nebenbei schon „Tagesthemen“-Vertreter von Buhrow, könnte sich den Job an der Seite der unumstrittenen Caren Miosga mit ARD-New-York-Korrespondent Thomas Roth (61) teilen. Roth solle regelmäßig eingeflogen werden – ganz so wie „heute-journal“-Moderator Christian Sievers beim ZDF, der sonst als Korrespondent in Tel Aviv arbeitet.

Hintergrund der merkwürdigen Konstruktion: Traditionell haben WDR und NDR für je einen „Tagesthemen“-Moderator das Vorschlagsrecht. Miosga ist ein NDR-Gewächs, im Gegenzug käme der WDR-Mann Roth infrage, doch auch Zamperoni soll seine Chance erhalten. Es wäre eine der ersten Aufgaben des neuen WDR-Intendanten Buhrow, diese seltsame Lösung den Gebührenzahlern zu erklären.

Für seinen potenziellen Nachfolger hatte er vor Jahren schon einen Tipp parat. Der Zuschauer, sagte er, möge es gar nicht, „wenn plötzlich ein Neuer im Wohnzimmer sitzt, der sich auffällig benimmt“. Schon richtig. Ein bisschen auffälliger aber darf es gerne sein.
Die letzten „Tagesthemen“ mit Tom Buhrow, Sonntag, 22.45 Uhr, ARD.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Ersatz für Tom Buhrow
Foto: Tom Buhrow wird am Sonntag zum letzten Mal die Tagesthemen moderieren. Über seinen Nachfolger ist noch nicht entschieden.

Tom Buhrow steht vor seiner letzten "Tagesthemen"-Ausgabe. Wer ihm folgt, wollen die Intendanten der ARD noch entscheiden. Die Spekulationen nehmen zu: Möglich scheint auch eine Doppel-Lösung.

mehr
Mehr aus Fernsehen
Sie haben sich ganz gern: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Grünen-Politiker Jürgen Trittin beim Kongress der IG BCE in Hannover.
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.