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Wie blutig darf Fernsehen sein?

Medien Wie blutig darf Fernsehen sein?

Drastische Szenen zur Hauptsendezeit. Folter im Sonntagskrimi. Tod und Terror in den Nachrichten. Bilder, die vor Jahren noch tabu gewesen wären, sind Teil des medialen Mainstreams geworden. Woher kommt der Trend zum Blutrausch?

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Bluträusche des Vergnügens: "Game of Thrones" (o.l., im Uhrzeigersinn), "Breaking Bad", "Bitch, Better Have My Money" von Rihanna und "The Walking Dead".

Quelle: Collage: jos

Hannover. Soll man das zeigen? Schreiende, schwer verletzte Menschen in Todesangst? Existenzielle Not wenige Sekunden nach dem Zugunglück von Bad Aibling, mit dem Handy gefilmt von einem Augenzeugen? Sie haben lange überlegt bei der „Tagesschau“ in Hamburg. „Mein erster Impuls war: Geht gar nicht’“, schreibt Chefredakteur Kai Gniffke im „Tagesschau-Blog“ – „das sollten wir den Leuten nicht zumuten.“ Am Ende aber war dann doch eine kurze Sequenz in der 20-Uhr-Ausgabe zu sehen. Ohne Ton, ohne Menschen – „aus Respekt vor den Opfern“. Eine Entscheidung, die niemandem nützte. Nicht dem Zuschauer, zu dessen Verständnis der Tragödie der Film nichts beitrug. Nicht den Opfern, deren Leid ohnehin niemand nachvollziehen kann. Und nicht der ARD, die sich vorwerfen lassen muss, diejenigen zu bestätigen, die ohne Skrupel minutenlang draufhalten.

Warum zeigte die „Tagesschau“ das Video? Antwort: weil die Bilder „einen authentischen Blick auf das Unglücksgeschehen“ lieferten. Die Begründung enthält ein verräterisches Wort: authentisch.

Authentizität ist ein Fetisch unserer Zeit. Alle Welt will authentisch sein: Popstars, Politiker, Moderatoren, Waschmittelmarken, Modeschöpfer, Castingkandidaten. Je falscher die Zeiten, desto aggressiver die Echtheitsbehauptungen. Die zunehmende Unfassbarkeit der Welt durch die allumfassende Digitalisierung steigert die Nachfrage nach dem „Echten“. Authentizität ist die Übereinstimmung von unmittelbarem Schein und Sein – also quasi ein eingelöstes Versprechen. Das kann in Zeiten, in denen die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit von Massenmedien diskutiert werden („Lügenpresse!“) ja nur eine Tugend sein. Unzensierte Bilder! Ist das im Sinne der Aufklärung nicht etws Gutes?

Die Frage ist, ob das gesellschaftliche Streben nach Echtheit die Grenzen dessen, was medial zumutbar erscheint, schleichend verschoben hat. Könnte es sein, dass sich auch die „Tagesschau“ hat anstecken lassen vom Trend zu heftigeren, vermeintlich „realistischeren“ Bildern in Film, Serie und Nachrichten? Dass sie sich in Hamburg quasi unbewusst gedrängt fühlten, zur Erzeugung von Aufmerksamkeit Schritt zu halten mit den Erwartungen eines Publikums, das sich an grellere, blutigere, verstörendere Eindrücke gewöhnt hat und diese von bewegten Bildern grundsätzlich einfordert – ob fiktional oder nicht?

Im zeitgenössischen Erzählfernsehen hat sich – jenseits von Horror- und von FSK-18-Nischen – ein virtuos inszenierter Gewaltrealismus etabliert, der sich an Vorbildern wie Quentin Tarantino orientiert, freilich ohne dessen ironische Brechung und cartoonhafte Überzeichnung, die detailreiche Bluträusche erst erträglich machen. Nicht wenige der Erfolgsserien des „Golden Age of Television“ – zumeist für das Bezahlfernsehen produziert, also ohne die ästhetisch-moralischen Fesseln des öffentlichen Fernsehens – sind blutiger, gewalttätiger und expliziter, als es vor Jahren gesellschaftlich sanktioniert gewesen wäre. Geradezu niedlich wirkt Film, der in den Achtzigerjahren wegen unzumutbarer Brutalität erst ab 18 freigegeben war. „Es gibt einen eindeutigen Trend zu mehr Drastik in der Darstellung“, sagt auch der Medienforscher Jo Groebel.

Fröhliches Foltern allerorten: In „Game of Thrones“ werden minutenlang Köpfe zerquetscht. In „Breaking Bad“ brechen die Reste einer sich auflösenden Leiche durch den Fußboden. In „The Walking Dead“ bohren sich Schwerter in offene Mundhöhlen. Selbst in Jugendserien wie „Star Wars: The Clone Wars“ wird sadistisch gefoltert. Vieles davon unterliegt – theoretisch – einer Altersfreigabe. Doch selbstverständlich verändert der massenhafte Konsum von imaginierten Gewaltexzessen die Toleranzschwelle des Publikums insgesamt. Es wird immer schwieriger für Medienproduzenten, den wohligen Schauer des Unerlaubten zu erzeugen. Die Folge: ein Überbietungswettbewerb.

Ästhetisierte Gewalt dient in der Popkultur als narratives Instrument wie Sex. In Rihannas Musikvideo „Bitch, Better Have My Money“ foltert und tötet die Sängerin als Gangsterbraut ein nacktes Glamourgirl. In „Animals“ von Maroon 5 kopuliert der Sänger in Schweinebut. Blut ist der Saft, aus dem die Träume der postmodernen Jugend sind. „Gute“ und „böse“ Gewalt sind dabei nicht mehr so sauber zu trennen. Das spiegelt die wachsende Komplexität einer Welt wider, die selten so uneins über den sinnvollen Einsatz von Gewalt war wie zurzeit.

„Mein ganzes Wissen über Menschen und Gewalt und wie man Menschen Gewalt richtig antut, ziehe ich aus Serien“, heißt es in Charlotte Roches Buch „Mädchen für alles“. Das lyrische Ich versteht Brutalität also als Handlungsanweisung für den Alltag. Nach jedem Schüleramoklauf – in Littleton (1999), Erfurt (2002), Emsdetten (2006), Winnenden (2009) – diskutieren Politik und Medien kurzatmig über das Triebpotenzial von „Ballerspielen“ – über fiktive Gewalt als Trainingscamp für reale also. Dabei hat der mediale Mainstream selbst eine ästhetische Radikalisierung erlebt, die viel grundsätzlicher, viel subtiler wirkt als das Geballer mit dem Egoshooter.

Selbst der gute, alte „Tatort“ zeigt ausführlich die blutigen Eingeweide einer toten Drogenkurierin in der Badewanne. Im KZ-Film „Nackt unter Wölfen“ ziehen NS-Folterknechte ihre Opfer am Strick hoch und prügeln sie mit Eisenstangen. Um 20.15 Uhr im Ersten. Altersfreigabe: zwölf Jahre. Erst am Donnerstagabend krabbelten im ARD-Krimi zur Hauptsendezeit Maden über den toten Körper eines Jungen. Nur drei Beispiele für sich häufende Drastik, deren Erbarmungslosigkeit selbstverständlich der „Authentizität“ dienen soll. Und die dabei unser Verständnis von visueller Grausamkeit fundamental verändert. „In den Siebzigerjahren galt ,Schweinchen Dick’ noch als Krawallfilm“, sagt Medienforscher Groebel. „In Zeiten massiver Konkurrenz durch frei verfügbares Material im Netz verändern sich eben die Referenzpunkte dessen, was akzeptabel ist“, so Groebel. Die Gesellschaft habe sich an strukturelle Gewalt gewöhnt. Die Empathie nimmt ab, die Gewöhnung setzt ein. Das zeige auch die Tatsache, dass kaum noch Debatten über mediale Gewalt geführt würden.

Die diebische Lust am Schmerz wohnt dem Menschen inne. Eine frische Studie zeigt: 35 Prozent der jungen Zuschauer finden die Darstellung von Gewalt im Fernsehen unterhaltsam, Tendenz steigend – bei der Altersgruppe 55 plus sind es nur 9 Prozent. Denkbar ist freilich, dass sich die Jüngeren bloß freimütiger bekennen als die Älteren. Das Lied vom Tod hat immer Konjunktur. Gerade Pubertanten sehen sich gespiegelt in bluttriefenden Vampiren, brutalen Zombies und zähnefletschenden Werwölfen, deren Körper sich – wie ihre eigenen – ständig verwandeln.

Und jenseits der Fiktion? Brauchen auch drastische Nachrichtenereignisse drastische Bilder? Webseiten zeigen und Zeitungen drucken Fotos, die vor Jahren noch tabu gewesen wären. Dahinter steckt Verunsicherung über die Frage, wo genau die Grenze zwischen Informationsbedürfnis und Voyeurismus verläuft. Ironischerweise ist ja niemand so feinfühlig bei der Gewaltrezeption wie das Publikum selbst. Es spürt genau, wenn Medienmacher plump versuchen, durch Gefahrenreize archaische Rettungsreflexe zu wecken, um überhaupt eine emotionale Reaktion herzustellen. Wenn es also missbraucht wird. Und dann kann es sehr übelnehmen. „Nicht alles, was man kann, muss man auch tun“, schreibt ein Zuschauer im „Tagesschau“-Blog.

„Die Gewalt lebt davon, dass sie von anständigen Leuten nicht für möglich gehalten wird“, hat Jean-Paul Sartre geschrieben. Gegen das Nichtwissenwollen hilft nur: darstellen, wozu Menschen fähig sind. Also doch IS-Hinrichtungen zeigen?

Die Frage können Redaktionen nur von Fall zu Fall entscheiden. Es ist eine Gratwanderung, bei der weder der Kampf um Aufmerksamkeit noch der Wille zur Authentizität das Verantwortungsgefühl überlagern dürfen.

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