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20:44 28.11.2011
Das Fernsehen vermüllt. Quelle: dpa

Von wegen Neapel. Lieber sollte man mal vor der eigenen Haustür kehren, am besten auch dahinter. Denn Deutschland droht von Mülllawinen und Gerümpelgeröll begraben zu werden. Dieses Bild mühen sich jedenfalls RTL, SAT.1, RTL 2 und Kabel 1 allabendlich zu verbreiten.

Seit Jahren schon türmen sich zugemüllte Doku­soaps bei den Privaten. Man mag kaum glauben, dass es in diesem Land noch allzu viele Messie-Haushalte gibt, die die Kümmerer aus dem Fernsehen nicht schon bis in die letzte Elendsecke hinein kartografiert haben.

Die Skala des vorführbaren Scheiterns ist nach unten hin offenbar grenzenlos. Kein Leid ist so trostlos, dass es sich nicht mit ein paar schnellen Schnitten, schrillen Klängen und knalligen Effekten bildschirmkompatibel aufbereiten ließe. Tief in den Miesen? Mann weg? Zu dick? Zu dünn? Zu blöd? Macht nichts, gibt ja allerhand Help-Formate.

Kaum ein Format aber dringt so schamlos in das Privateste vor wie Messie-Shows. Sendungen, die Menschen vorführen, wie sie längst kapituliert haben vor deckenhohen Papierstapeln, schimmelbefallenen Geschirrbergen und all dem Unrat, den verwahrloste Hunde und Katzen hinterlassen. Je ekliger die Bilder, desto besser die Quote. Vor wenigen Monaten schwärmte das „Messie Team“ von RTL erfolgreich aus, SAT.1 schlägt „Messie-Alarm“, Kabel 1 warnt: „Achtung, Messies!“ und verordnet in einer weiteren Realityshow ab Dienstagabend: „Raus aus dem Messie-Chaos – rein ins Leben“.

Maßstäbe hat da der Entrümpelungseifer von Tine Wittler auf RTL gesetzt. Als ihre Sendung „Einsatz in vier Wänden“ nicht mehr so richtig zündete, verlegte man sich auf den Einsatz in Wänden, die als solche nicht mehr zu erkennen sind, weil ihre sichtlich überforderten Bewohner kaum noch Kontrolle über sich und ihr Leben haben. Mit dauergerümpfter Nase zog Wittler also durch „Die Höllenhütte des Bastel-Opas“ und „Die Gruselgruft der Messie-Mutter“, quartierte die verwitweten und von ihren Kindern ignorierten Hausbewohner aus und präsentierte ihnen Tage später „eine komfortable Küche im Landhausstil“, „Badeoasen in edlem Ambiente“ und „eine großzügige Küchenlandschaft für herrliche Gaumenfreuden“. Dabei ist niemand da, der sich freiwillig mit der „Messie-Mutter“ Renate und dem „Bastel-Opa“ Heinz-Jörg an einen Tisch setzen möchte.

„Potemkinsche Dörfer sind das“, sagt der Berliner Psychologieprofessor Peter Walschburger. „Es kann schon sein, dass der Wandel der Umgebung Anstoß für Verhaltensänderungen gibt, aber Persönlichkeitsmerkmale und Lebensbelastungen lassen sich nicht einfach so tilgen.“ Eine Therapie ersetzen solche Shows sicher nicht. Da können die Moderatorinnen die immer wieder in Tränen ausbrechenden Hausbewohner noch so doll drücken, herzen und in zynischem Betroffenheitsduktus nach dem Befinden fragen.

Das ist nun mal der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realityshow: Leid- und entbehrungsvolle Biografien wie die von Renate und Heinz-Jörg lassen sich nicht in die Dramaturgie einer 45-minütigen Abendshow pressen, an deren Ende immer ein Happy End stehen muss. Dennoch sind es Messie-Shows, die die öffentliche Wahrnehmung eines angeblichen Menschentyps geprägt haben.

Das Messie-Syndrom ist keine anerkannte psychotherapeutische Diagnose. Das Fernsehen hat den Begriff erfunden, allmählich nutzt ihn auch die Fachwelt. Er stammt aus dem Englischen, wo „Mess“ so viel wie „Unordnung“ bedeutet. Selbsthilfegruppen schätzen, dass mehr als 1,8 Millionen Menschen mit Messie-Syndrom in Deutschland leben, darunter mehr Frauen als Männer. Sie sammeln allerhand Nutzloses, häusliche und körperliche Hygiene werden vernachlässigt, die Betroffenen ziehen sich aus Scham zurück, bis in die totale Isolation. Experten gehen davon aus, dass dem Sammelzwang psychische Erkrankungen zugrunde liegen. Häufig leiden Messies an Schizophrenie oder affektiven Psychosen.

Um Krankheitsbilder geht es in den Shows natürlich nicht. Niemand setzt sich gern dem Vorwurf aus, er stelle Wehrlose zur Schau. Und niemand lässt sich gern vorhalten, er amüsiere sich auf Kosten von Menschen, die nicht so recht wissen, was ihnen nützt und was ihnen schadet.
Und doch werden am Abend wieder Hunderttausende einschalten, wenn Kabel 1 aus der „Müllhöhle der Katzenmama“ berichtet. „Solche Sendungen haben eine Entlastungsfunktion“, sagt Prof. Walschburger. „Der Zuschauer kann sich damit in gewisser Weise identifizieren.“ Mit den Messies? „Jeder kennt die Überwindung, die Aufräumen erfordert. Aber bei den meisten kostet sie nicht so viel Mühe wie bei den Messies im Fernsehen – da sagt man sich als Zuschauer: ,So schlimm ist es bei uns dann doch nicht.“‘ Oder?

Marina Kormbaki

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