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„Wir sind kein Wir-schaffen-das-Sender“

ZDF-Chefredakteur Peter Frey „Wir sind kein Wir-schaffen-das-Sender“

Peter Frey (58) ist seit 2010 Chefredakteur des ZDF – und wird das nach der Vertragsverlängerung bis 2020 wohl auch bleiben. Im Interview mit Ulrike Simon spricht er über Journalismus in Zeiten der „Lügenpresse“-Proteste.

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Vor die Kamera tritt der gebürtige Bingener Peter Frey immer noch regelmäßig bei „Was nun?“, einem Format, das ihn seit seiner Zeit als Referent seines Vorvorgängers Klaus Bresser Ende der Achtzigerjahre begleitet.

Quelle: Carmen Sauerbrei/ZDF

Herr Frey, macht Ihnen Ihr Beruf noch Spaß?
Mehr als früher. Der Abschied vom Korrespondentenleben in Berlin war hart, aber jetzt mag ich meine Rolle als Spielertrainer. Ich bin nah am Programm, erkenne meine Handschrift, wir haben die besten Spieler, und die Quoten stimmen auch.

Gibt es Momente, in denen Sie ins Grübeln kommen?
Wir werden sehr infrage gestellt. Glaubwürdiger Journalismus war nie wichtiger als heute. Die Gesellschaft mit Fakten versorgen, die sie braucht – dazu beizutragen ist verantwortungsvoll und befriedigend.

Und wenn es dann schallt: „Lügenpresse!“ „Ihr seid gelenkt!“?
Wir dürfen uns unser professionelles Selbstbewusstsein nicht nehmen und ins Bockshorn jagen lassen. Aber wir müssen dabei demütig und selbstkritisch bleiben.

Sicherlich verwenden auch Sie mehr Arbeitszeit denn je, um sich mit Beschwerden auseinanderzusetzen.
Ja, und es ist wichtig, diese Beschwerden zu prüfen. Manche sind berechtigt. Aber es muss einem klar sein, dass manche Kritiker bewusst mit dem Kalkül arbeiten, mit ihrem Dauerbeschuss Apparate lahmzulegen. Dazu darf es nicht kommen.

Welche Beschwerden waren berechtigt?
Wir haben uns vor lauter Griechenland-, Euro- und Flüchtlingskrise vielleicht nicht ausreichend mit der Lebenswirklichkeit mancher Zuschauer beschäftigt: Wohnungsnot, Zustand der Schulen, Arbeitsverträge in manchen Branchen. Deutschland hat sich mit sich selbst wohlgefühlt. Was unter der Oberfläche brodelte, haben wir womöglich nicht ausreichend transportiert, oder es wurde nicht wahrgenommen.

Wie könnten Sie die Wahrnehmbarkeit erhöhen?
Journalismus ist ein Angebot, nicht mehr und nicht weniger. Im Schnitt zwei Millionen Zuschauer erreichen wir zum Beispiel mit unserer investigativen Reportagereihe „ZDFzoom“, wo wir solche Themen seit Jahren behandeln. Wir haben schon im Wahlkampf 2013 an einem Dienstag um 20.15 Uhr bei „ZDFzeit“ über das Flüchtlingselend berichtet. Einschaltquote: 6,8 Prozent. Wir können etwas ins Schaufenster stellen. Wir können aber niemanden zwingen einzuschalten.

Was empfanden Sie bei Dunja Hayalis Auftritt bei der Goldenen Kamera?
Ich war ergriffen. Frau Hayali hat die richtigen Worte gefunden. Wir machen Fehler, aber wir sind keine Lügner. Ich habe mich gefreut über die Anerkennung, die sie dafür bekommen hat.

Wie gehen Sie damit um, dass Ihre Mitarbeiter beleidigt, bedroht und sogar tätlich angegriffen werden?
Das besorgt mich, denn ich bin für ihre Sicherheit verantwortlich. Wenn ein gefährlicher Einsatz bevorsteht, können Reporter Sicherheitspersonal anfordern. Aber das ist ein Dilemma. Wir sind ein Medium von und für alle. Was macht das für ein Bild, wenn wir uns mit Bodyguards und Polizei umgeben? Aber wir hatten die Attacke auf Britta Hilpert in Cottbus oder auf einen Kameramann, der mit Pfefferspray angegriffen wurde. Wir müssen diesen Panzer an Vorurteilen durchbrechen, die sich in manchen Gruppen der Bevölkerung eingenistet haben.

Und wenn die das gar nicht wollen?
Ein Teil dieser Leute ist argumentativ nicht mehr zu erreichen. Kämpfen müssen wir um die Verunsicherten, indem wir das, was sie umtreibt, in unserem Programm vorkommen lassen. Wir müssen nah an die Lebenswirklichkeit ran, auch ans Unbequeme, auch an die Tabus, etwa Kriminalität bestimmter Gruppen. Dass sich ein Teil der Menschen im politischen Spektrum nicht mehr vertreten fühlt, ist ein Problem für die Demokratie. Dieses Unbehagen muss artikuliert werden, wir müssen es bewusst zu Wort kommen lassen – auch, damit die AfD kein Monopol erhält. Das ist doch die Hoffnung im Journalismus: durch Kritik und das Ansprechen von Missständen die Gesellschaft voranbringen.

Und dann stellt sich Ihr früherer Kollege Wolfgang Herles hin und sagt, das ZDF befolge den Willen der Politik.
Der Versuch, Selbstverständlichkeiten zu skandalisieren, ist verpufft. Selbstverständlich sind auch Journalisten dem Grundgesetz verpflichtet, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist. Daraus leite ich die Aufforderung ab, mit den Flüchtlingen empathisch umzugehen. In unseren Programmrichtlinien steht auch der Bezug zu Europa. Ja, mich treibt um, wenn Europa zerbricht. Für solche Selbstverständlichkeiten müssen wir uns nicht genieren oder rechtfertigen. Das hat nichts mit direkten Anweisungen zu tun. Die gibt es nicht, schon gar nicht von der Regierung. Wir sind kein Wir-schaffen-das-Sender und zeigen immer wieder, wo die Versorgung der Flüchtlinge scheitert oder Integration nicht zustande kommt.

Und sollte ein Politiker es probieren, was vorkommt …
Zu meiner Überraschung kommen solche Versuche kaum vor. Das ZDF hat seine Unabhängigkeit hinlänglich unter Beweis gestellt. Jeder, der es probiert, muss damit rechnen, dass das unangenehm enden kann.

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