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Anonymous, LulzSec und der Hackerkrieg im Netz

Jäger und Gejagte Anonymous, LulzSec und der Hackerkrieg im Netz

Sie sind namenlos und schlagen aus den Tiefen des Internets zu: Seit Wochen greifen Hackergruppen wie Anonymous und LulzSec internationale Konzerne, Regierungen und Organisationen an. Trotz Scharmützeln in den eigenen Reihen scheint ein Ende der Attacken nicht in Sicht.

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„Mistkerle, aber keine Terroristen“: Während der Jugendproteste Mitte Juni in Madrid legten Anonymous-Hacker die Internetseite der spanischen Polizei vorübergehend lahm – und wehrten sich anschließend gegen die Kriminalisierung ihrer Aktionen.

Quelle: rtr

Es herrscht Krieg im Internet – zumindest, wenn es nach der Hackergruppe LulzSec geht. Die hatte am Sonntag die „Operation Anti-Security“ verkündet, und dieser unverblümt gehaltene Aufruf zum Datendiebstahl liest sich wie eine digitale Kriegserklärung an Regierungen in aller Welt. Ziel der Aktion sei es, Banken, Behörden und Organisationen möglichst viele sensible Informationen zu stehlen und zu veröffentlichen. „Entweder ihr segelt mit oder gegen uns“, heißt es in dem Dokument der Gruppe.

Der Aufruf dürfte keine leere Drohung sein, denn die internationale Hackerszene ist aktiv wie lange nicht mehr. Kaum ein Tag vergeht ohne Angriffe aus dem Netz. Erst wurden Mitte April Millionen Nutzerkonten bei Sony geknackt, dann erwischte es die Spieleanbieter Nintendo und Sega. Selbst Webseiten von Geheimdiensten sind nicht mehr sicher. Und die Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

Fast immer, wenn in jüngster Vergangenheit eine Cyber-Attacke bekannt wurde, machte ein Name die Runde: Anonymous – ein hierarchiefreies Kollektiv namenloser Hacker und Computerfreaks, das seinen Ursprung in dem legendären Webforum 4Chan hat. Dort wird gepostet, was auf anderen Seiten längst gelöscht worden wäre. Und dort verabreden die Anons, wie sich die Aktivisten nennen, ihre Angriffsziele – stets unter dem Deckmantel der Anonymität. Die Ziele von Anonymous sind dabei so diffus wie das Kollektiv selbst. Anfangs einte die Hacker der Protest gegen die Scientology-Sekte, nachdem diese im Jahr 2008 ein peinliches Internetvideo ihres prominenten Mitglieds Tom Cruise hatte zensieren wollen. Schon damals vermischten sich Aktionen im Netz mit dem Protest auf der Straße. Ihre Gesichter verdeckten die Anons dabei stets mit Masken, die seitdem zum Markenzeichen geworden sind.

Weltweit bekannt wurde Anonymous Ende 2010, als mehrere Finanzdienstleister Überweisungen an die Enthüllungsplattform WikiLeaks stoppten. Die Hacker blockierten daraufhin die Internetseiten von Mastercard und Visa mit DDoS-Attacken. Dabei werden massenhaft Anfragen auf eine Seite gestartet, bis die Server schließlich zusammenbrechen. Nach der WikiLeaks-Aktion kochte in Internetforen allerdings die Frage hoch, ob DDoS-Attacken, die im strengen Sinne nichts mit dem Handwerk eines Hackers zu tun haben, der Sache überhaupt dienlich seien. Kritiker wie der Verfasser der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, John Perry Barlow, warfen Anonymous die Wahl der falschen Mittel vor: Man könne Rechte schlecht verteidigen, in dem man jemanden im Internet zum Abschuss freigebe.

Nicht nur an der Frage um die probaten Mittel wird deutlich, wie schwer sich ein klares Bild des Hackerkollektivs zeichnen lässt. Zwar gibt es einen vermeintlichen Grundkonsens, wonach Organisationen attackiert werden, „die ihre Kunden ungerecht behandeln, Meinungsfreiheit unterbinden, zensieren oder mit vertraulichen Daten schludrig umgehen“, wie deutsche Anons jüngst in einem Interview erklärten. Doch während ein Teil weiter gegen Scientology schießen will, wollen andere Strömungen lieber WikiLeaks oder die Jugendproteste in Spanien mit Cyber-Angriffen unterstützen. Nur eines scheint dabei wie festgeschrieben: Finanzielle Interessen sind kein Antrieb. Das zumindest bekundet Anonymous immer wieder, um sich so von kriminellen Hackern abgrenzen, die es zum Beispiel auf Kreditkartendaten abgesehen haben.

Dem Phänomen Anonymous haben diese Debatten keinen Abbruch getan – im Gegenteil: „Durch die Parteinahme für WikiLeaks hat Anonymous massenhaft Zulauf bekommen“, sagt Jan-Keno Janssen von der Computerzeitschrift c’t, der sich seit Langem mit der Hackergruppe beschäftigt. Schließlich bedarf es nur weniger Klicks und eines frei verfügbaren Programms, um sich einer verabredeten DDoS-Attacke anzuschließen und so Teil des Kollektivs zu werden. Wie groß dieses wirklich ist, darüber gibt es keine seriösen Schätzungen. Sicher ist nur, dass sich Anonymous durch den Zulauf gewandelt hat. Was früher eine „Jux-und-Tollerei-Truppe“ gewesen sei, sagt Janssen, habe sich in Teilen zu einer „politisierten Gruppe“ entwickelt, die für sich proklamiere, die Meinungsfreiheit und Datensicherheit im Internet zu verteidigen. Oder wie es der US-Programmierer Gregg Housh, einer der wenigen bekannten Anonymous-Köpfe beschreibt: „Sie sind eine Armee, die gegen Zensur im Internet kämpft – und sich mit jedem anlegt, der sich ihnen in den Weg stellt.“

Attacken gegen iranische Regierungsserver

Dieser Kampf macht auch vor den Mächtigen nicht halt. Vor wenigen Wochen knackte ein Anonymous-Hacker iranische Regierungsserver, eine mögliche Attacke auf Rechner des französischen Energiekonzerns EDF konnten deutsche Ermittler im Mai noch rechtzeitig verhindern. Zwar geht es bei den Aktionen eher um öffentlichkeitswirksame Symbolik denn um einen wirklichen Schaden, die Justiz ist trotzdem alarmiert. In mehreren europäischen Staaten wurden in den vergangenen Wochen mutmaßliche Hacker festgenommen, in Deutschland bewerteten Gerichte das Lahmlegen von Webseiten unlängst als Straftat.

Auch LulzSec reklamiert für sich vermeintlich hehre Ziele. Der spektakuläre Sony-Angriff, zu dem sich die Gruppe bekannte, habe lediglich Sicherheitslücken aufdecken sollen, mit der Operation Anti-Security soll zudem die weltweite Korruption angeprangert werden. Dessen ungeachtet hat sich Hackergruppe, die anders als Anonymous eine zentrale Internetseite pflegt und offizielle Pressemitteilungen veröffentlicht, binnen kürzester Zeit den Ruf einer Chaostruppe erarbeitet. Der Namensteil Lulz soll für Spaß stehen, abgeleitet von der englischen Abkürzung „laugh out loud“ – zumindest zahlreichen Betroffenen dürfte das Lachen aber längst vergangen sein. Vor zwei Wochen hackte LulzSec eine Pornoseite und stellte anschließend die Mailadressen von Zehntausenden Kunden samt Passwörtern ins Internet. Da viele User ein Kennwort für mehrere Dienste verwenden, kaperte die Netzguerilla kurzerhand zahlreiche Mail-Accounts und Facebookprofile. Über Twitter rief LulzSec sogar dazu auf, Vorschläge für neue Ziele zu unterbreiten – nachdem sich die Hacker bereits auf den Webseiten der CIA, des FBI und des US-Senats erfolgreich ausgetobt hatten.

Wettstreit um mediale Aufmerksamkeit

Mit dem plötzlichen Aufstieg ins mediale Rampenlicht haben sich die Chaoshacker aber nicht nur Freunde in der Szene gemacht. Zwar legten Anonymous und LulzSec ihren Kleinkrieg im Wettstreit um die mediale Aufmerksamkeit bei und riefen gemeinsam die „Operation Anti-Security“ aus. Dafür keilen jetzt andere Gruppen gegen die selbsternannten Freibeuter der Hackerszene. Am Wochenende lüftete eine Vereinigung namens Web Ninjas die Identitäten mehrere mutmaßlicher LulzSec-Mitglieder. Nachdem am Dienstag FBI und Scotland Yard dann ein angebliches LulzSec-Mitglied aus Großbritannien verhafteten, rächte sich LulzSec und enttarnte mit den Worten „Hallo FBI und andere Rechtsvollstreckungsclowns“ zwei konkurrierende Hacker. Am Mittwoch schaltete sich schließlich eine vierte Gruppierung in den virtuellen Kleinkrieg ein und drohte wiederum mit Attacken auf LulzSec.

Dass die Scharmützel im Web die Cyber-Angriffe zum Erliegen bringen, darf indes bezweifelt werden. Auch der Erfolg britischer Behörden am Dienstag dürfte nur ein vorübergehender sein. Bislang beantwortete die Hackergemeinschaft noch jede Festnahme mit einer weiteren spektakulären Aktion. Nicht ohne Grund lautet der letzte Satz des Anonymous-Slogans: „Rechnet mit uns.“

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Nach neuen Angriffen

Internet-Rebellen auf den Barrikaden: Zwei führende Hackergruppen haben sich zu einer gemeinsamen Aktion zusammengeschlossen. Erstes Ziel war eine Polizeibehörde in England. In dem Land wurde ein mutmaßlicher Aktivist der Hackerszene verhaftet.

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