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Wenn das Herz für Apple schlägt

Biodaten rund um die Uhr Wenn das Herz für Apple schlägt

Mit der „Apple Watch“ geht das Internet unter die Haut. Die Konzerne sammeln künftig persönliche Biodaten rund um die Uhr – auch beim Sport und sogar im Schlaf.

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Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Quelle: dpa

Hannover. Es ist noch nicht lange her, höchstens zehn, 15 Jahre. Damals telefonierten Menschen noch zu Hause. Sie hatten kleine Büchlein mit nützlichen Rufnummern von Freunden und dem Giftnotdienst  in der Schublade des Telefonschränkchens. Sie hatten eine Videokamera und einen Fotoapparat im Schrank, ein tragbares Radio für den Garten und vielleicht ein Diktiergerät für die Arbeit. Ein Thermometer hing am Küchenfenster, gleich neben dem Kalender. Und für den Urlaub lagerten irgendwo ein Haufen Straßenkarten und Wörterbücher.

All das können rund 40 Millionen Deutsche heute getrost wegwerfen. Sie haben all das trotzdem in der Tasche. Denn rund 40 Millionen Menschen in der Bundesrepublik besitzen ein Smartphone. Das Telefon zum Mitnehmen ist das, was das Schweizer Messer immer sein wollte: ein Problemlöser für viele Lebenslagen. Man kann mit ihm  lesen, filmen, fernsehen, navigieren, spielen. Vor allem aber verbindet es die Augen des Nutzers mit dem Internet.

Nun soll ein neues Gerät aus dem Hause Apple den Rest des Körpers anschließen. In dieser Woche hat Konzernchef Tim Cook im lässigen Jeanshemd die „Apple Watch“ mit dem gewohnten Pathos im kalifornischen Cupertino vorgestellt. Der Minicomputer fürs Handgelenk soll einer neuen Gerätegattung zum Durchbruch verhelfen: den sogenannten Wearables, Computern, die man am Körper trägt. Analysten rechnen damit, dass der Markt für derartige Produkte in den nächsten Jahren zu einem Milliardengeschäft anwachsen wird. Das nächste große Ding.

Dabei sind es nicht so sehr die technischen Neuerungen, die Apples Kleincomputer am Handgelenk zum Erfolg verhelfen sollen.  Viele Funktionen gibt es schon so oder ähnlich von anderen Anbietern. Das Gerät kann die Uhrzeit anzeigen, es kann das Smartphone steuern, mit dem es immer verbunden ist. Man kann E-Mails lesen, den Musikplayer im Handy steuern, und es misst den Puls. Das Besondere der „Apple Watch“ liegt in der Marktmacht des 600-Milliarden-Dollar-Unternehmens Apple, das imstande ist, aus einem Produkt wie einer Computeruhr auch einen neuen Lebensstil zu formen.

Das Zeitalter des neuen Uhr-Menschen beginnt mit einer Doppeldeutigkeit. „Watch“ heißt im Englischen nicht nur „Uhr“, sondern auch „beobachten“. Tatsächlich liegt die Hauptfunktion der Armbanduhr nicht in der Zeitmessung, sondern in der Überwachung von Körperfunktionen. Das Gerät, das wie ein  Modeaccessoire wahlweise in coolem Schwarz oder in Popfarben daher kommt, soll Apples Verbindungsglied zum  menschlichem Körper werden. Die Sensoren messen die Bewegung des Handgelenks, sie überwachen den Puls. Sie können ermitteln, ob jemand aufgeregt oder geschafft ist, sie messen, ob der Träger schläft, läuft, sitzt oder liegt. Sogar Gefühle können daraus geschlussfolgert werden.

Warum, so hätte man damals, in der analogen Welt, gefragt, sollten gesunde, selbstbestimmte junge Menschen freiwillig 350 Euro bezahlen, um ihre Vitalfunktionen von einem US-Unternehmen mit zweifelhaftem Datenschutzruf scannen und automatisch auswerten zu lassen?

Sieben Jahre nach Einführung des iPhone allerdings ahnt man, dass diese Frage falsch gestellt ist. Denn das Silicon Valley, das Zentrum der digitalen Industrie, versteht es wie keine andere Branche, seinen Kunden die Preisgabe persönlicher Daten schmackhaft zu machen. Nur wer freigiebig Standortdaten und Kontakte hergibt, eifrig Statusmeldungen absetzt und seine Daten in der Cloud speichert, profitiert auch von den neuesten Funktionen.

So hat Apple-Chef Cook bei der Vorstellung der neuen Uhr versprochen, dass die „intelligenten“ Geräte ihre Träger bald so gut kennen werden, dass sie ihnen helfen, gesünder zu leben. Das kann hilfreich sein, man braucht allerdings eine Menge Vertrauen. „Smartwatches“ können errechnen, ob der Träger nach der Arbeit vielleicht noch eine halbe Stunde joggen gehen oder lieber früh ins Bett gehen sollte, weil er in der vorangegangenen Nacht noch zu spät wach war. Das Gerät kann Schritte zählen, es kann messen, ob man einen ruhigen, erholsamen Schlaf hatte, und es könnte auch Alarm schlagen, wenn die Vitalfunktionen aus dem Schritt geraten. Es ist ein sehr persönliches Gerät.

Lutz Labs betrachtet die sogenannten „Wearables“ als einen neuen Großtrend. Der Redakteur der Technik-Zeitschrift „c’t“ sieht vor allem in dem Bereich Sport und Gesundheit viele Erweiterungen für das Handy, die Verblüffen können. Mit Activity Trackers, die wie die „Apple Watch“ ums Handgelenk geschnallt Vitalfunktionen, Ort, Schrittfrequenz, Blutdruck, Puls oder Schlafstunden aufzeichnen, sind schon heute eindrucksvolle Sportvarianten möglich.

So können sich zwei Sportler, die die gleiche Strecke um den See laufen, über das Internet verbinden und ein Wettrennen machen – obwohl sie in der Realität an unterschiedlichen Tagen gelaufen sind. „Das kann sehr motivierend sein“, sagt Labs.

Die Computerindustrie im Silicon Valley exportiert so das kalifornische Fitnessideal rund um den Globus. Es geht um Selbstoptimierung, um die Kontrolle des Körpers mittels Technik. Aber nicht nur. Auch für die Medizin sind viele neue, hilfreiche Dienste denkbar. Sensoren wie die „Apple Watch“ könnten etwa chronisch Kranken den Arztbesuch ersparen, indem sie ihre Körperdaten einfach über das Internet übermitteln. Noch warnen Mediziner zwar vor ungenauen Ergebnissen. Das könnte sich aber mit der Zeit verbessern.

Das Handy verschwindet dadurch nicht. Es wird vielmehr zur Basisstation für allerhand neue, externe Sensoren, die drahtlos mit dem Handy in Verbindung stehen. Chips in der Kleidung, Video, Mikrofon und Bildschirm in der Brille wie bei Googles „Glasses“ oder eben die Sensoren am Handgelenk. „Alle diese kleinen Gadgets am Körper brauchen das Handy für die Internetverbindung“, erklärt Labs. So auch die „Apple Watch“.

Die Datenerhebungen haben aber einen Preis. Künftig existieren nicht nur E-Mails, Kontodaten, Standortdaten und Einkaufsbestelllisten der Internetnutzer in Datenpaketen, sondern auch das Innerste: der Puls, der Herzschlag. So könnte man messen, ob der Puls nach oben geht, wenn der Nutzer sich im Internet ein neues Produkt anschaut. Für Marketingexperten ist das ein Traum: Bei der digitalen Totalerfassung des Menschen geht es nicht mehr bloß darum zu erfahren, wofür sich einer interessiert. Die neuen Biodaten zeigen, wie er konkret auf etwas reagiert.

Die Kehrseite der neuen Technik liege darin, „dass massenhaft hochsensible persönliche Daten gesendet, gesammelt und ausgewertet werden“, sagt der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam, Christoph Meinel. Sie könnten weitergegeben, mit vorhandenen Daten verknüpft und kommerziell genutzt werden. So könnten die Aufzeichnungen erkennbar machen, dass jemand nicht besonders fit sei oder sich ungern bewege – und damit die Frage aufwerfen, ob er für einen bestimmten Job geeignet sei.

Arbeitgeber könnten künftig geneigt sein, sich die angebliche private Sportlichkeit eines Bewerbers durch dessen Tracking-Aufzeichnungen beweisen zu lassen. Auch Versicherungen und Krankenkassen zeigen bereits großes Interesse an der neuen Technik. Private Krankenversicherungen bieten schon heute die Fitnessarmbänder ihren Versicherten mit Diabetes-Erkrankung an, ebenso finanziert die gesetzliche AOK Nordost ihren Versicherten Fitnessarmbänder. Bislang steht nur eine ganz generelle ökonomische Logik dahinter: Je gesünder sich die Versicherten insgesamt verhalten, desto niedriger ist die Summe der Kosten.
Auf lange Sicht aber, warnen Kritiker,  könnten sich Technologien wie „Apple Watch“ auch gegen den Einzelnen wenden. Steigen bald die Krankenversicherungstarife für jene, die sich keine elektronische Handgelenkfessel anlegen wollen? Oder gibt es ein Bonussystem für die Überwachungswilligen und die Fitnessfreunde?

Amerikanische Firmen gehen bereits dazu über, Mitarbeitern, die ihre „Fitnessziele“ erreichen, eine Prämie zu zahlen. Bislang war die direkte physische Überwachung von Arbeitnehmern in deren Freizeit schwierig. Sobald jemand sein Diensthandy weglegte, war er nicht mehr zu orten. Diese Lücke wird Apple jetzt schließen.

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Mit viel Tamtam hat Apple seine Smartwatch vorgestellt. Während die einen schon ihr Konto plündern, spotten die anderen bei Facebook und Twitter über den Apfel am Handgelenk.

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