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Vergewaltigungsopfer brechen ihr Schweigen

Unter #WhyIsaidnothing Vergewaltigungsopfer brechen ihr Schweigen

Weshalb ich nichts sagte: Unter dem Twitter-Hashtag #WhyIsaidnothing erheben Opfer sexueller Gewalt nach langem Schweigen ihre Stimme – und werden dafür beschimpft.

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Schockierende Aussagen: Unter dem Hashtag #WhyIsaidnothing berichten Opfer von ihren Erlebnissen.

Quelle: Twitter/dpa/Symbolbild

Hannover. Sie haben geschwiegen. Aus Scham. Aus Angst. Ja sogar wegen Schuldgefühlen, weil sie sich selbst dafür verantwortlich fühlten, Vergewaltigungsopfer geworden zu sein. Zahllose Frauen und Männer suchen den Schutz der Verborgenheit, verzichten auf Anzeigen bei der Polizei.

Auslöser waren wüste Theorien

Ausgerechnet eine amerikanische Professorin und bekennende Antifeministin sorgt nun mit wüsten Theorien dafür, dass sich diese stillen Opfer ins digitale Licht vorwagen. Sie wehren sich unter dem Hashtag #WhyIsaidnothing ("Weshalb ich nichts sagte") gegen die Behauptungen von Camille Paglia, die die Fälle von sexuellen Übergriffen als Schreckensmärchen abtut. Ihre Rechnung: Keine Anzeige gleich kein Verbrechen.

Marlies Hübner hat den digitalen Widerstand bei Twitter initiiert. Sie selbst wurde Opfer von Übergriffen. Sie selbst hat lange geschwiegen. Die Worte, die die Professorin für Geistes- und Medienwissenschaften an der University of the Arts in Philadelphia wählte, klingen für sie wie blanker Hohn.

Tausende Opfer schöpfen Mut

Paglia beruft sich auf eine US-Studie, in der 40 Prozent der Befragten angaben, sexuelle Übergriffe erlebt zu haben, 16 Prozent von ihnen wurden sogar vergewaltigt. Zur Anzeige kam es jedoch bei kaum einem Fall. Zahlen, die Paglia zu folgender Aussage bewegten: "Vielleicht geht es in vielen Fällen gar nicht um Vergewaltigungen, sondern um Sex im Zustande des Vollrausches und nachträgliche Reue." Also alles nur Einbildung?

Tausende Opfer haben – dank Paglia – Mut geschöpft und bei Twitter unter dem Hashtag #WhyIsaidnothing die 140 Zeichen dazu genutzt, doch ihre Stimme zu erheben. Manche mit Klarnamen, manche anonym. Sie alle gewähren traurige Einblicke in ihre Ängste, Sorgen und Nöte.

Morddrohungen gegen Jungen

Madame Schön begründete ihr bisheriges Schweigen etwa folgendermaßen: "Er sagte, ich müsse immer damit rechnen, wenn ich in seinem Bett läge, auch wenn ich schlafe." Theresa schrieb als Grund für ihr Schweigen: "Weil jedes Mal das letzte Mal war." Her Majesty gesteht: "Weil ich dachte, wenn ich nie darüber rede oder nachdenke, verschwindet es einfach."

Doch auf Twitter geschah dann auch das, was die Opfer am meisten fürchten: Sie wurden beschimpft, beleidigt, nicht ernst genommen. "Hört mal auf zu heulen", war noch einer der harmlosesten Kommentare. Internettrolle verteilten sogar Morddrohungen gegen Jungen, die sich bekannten.

Unterm Strich bleiben diese Reaktionen ein fieser Beigeschmack, der Marlies Hübner bestärkt. "Im Zuge dieser Aktion meldeten sich Menschen, die das erste Mal überhaupt den Mut fanden, sich dazu zu äußern", sagt sie. "Nicht, um Mitleid zu erregen. Das ist das letzte, was man möchte. Es geht darum, das Bewusstsein zu schärfen."

Von Carsten Bergmann

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