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Netzwelt Aufschrei über sexuelle Belästigung im Netz
Nachrichten Medien Netzwelt Aufschrei über sexuelle Belästigung im Netz
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10:47 29.01.2013
Von Imre Grimm
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist keine Seltenheit. Quelle: dpa
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Hannover

Ein „Trigger“ ist in der Verhaltensforschung ein Schlüsselreiz. Ein Gegenstand, ein Erinnerungshauch, die Spur eines Gedankens, die eine emotionale Kaskade auslösen können: kleine Ursache, große Wirkung.

Es gibt auch gesellschaftliche Trigger. Da stellt der „stern“ in einem mäßig packenden Porträt FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle auf dünner Faktenbasis als Lustgreis dar, der sich die junge Journalistin Laura Himmelreich irgendwann mal an der Hotelbar mit dummen Bemerkungen ins Dirndl träumte. Altmännergesäftel. Peinlich und unprofessionell, andererseits ja leider kein Sonderfall.

Das Urteil über die Story im politisch-journalistischen Komplex der Republik fiel zumeist negativ aus: „Zu hoch gehängt“, „peinlich für den ,stern‘“, „durchsichtiges Manöver“.

Doch dann passierte etwas Unerwartetes: Die Debatte löste sich von ihrem marginalen Anlass, ließ die pfälzischen Schweinigeleien des 67-Jährigen weit hinter sich. Der „Fall Brüderle“, der zum politischen Skandal nicht taugt, erweist sich als Ventil für einen tiefsitzenden Zorn über Sexismus im deutschen Alltag, der sich nun Bahn bricht.

Tausende diskutieren die Grenzen zwischen Flirt und Frechheit, zwischen Kompliment und Übergriffigkeit. Zehntausende schildern bei Twitter unter dem Schlagwort #aufschrei persönliche Erfahrungen, Traumata, auch körperliche Übergriffe. Es geht „um den Sportlehrer, der beim Turnen ,Hilfestellung‘ gibt, so dass er einen guten Griff an Stellen hat, wo du es nicht willst“. Es geht um „den Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag“. Naserümpfenden Männern empfehlen auch Geschlechtsgenossen: „Bei #aufschrei sollte man als Junge einfach mal mitlesen und die Fresse halten.“

Bislang beherrschten zwei Beiträge die Sexismusdebatte: Die miesen Erfahrungen von „Spiegel“-Redakteurin Annett Meiritz bei ihren Recherchen in der Piratenpartei („Die hat den Tittenbonus“) sowie Himmelreichs Brüderle-Peinlichkeiten. Seit gestern sind es plötzlich Tausende. Selbst für Twitterverhältnisse, wo die Sinuskurve der Erregung traditionell heftig ausschlägt, ist die Wutwelle ungewöhnlich. #aufschrei gehörte zeitweise zu den zehn populärsten Hashtags der Welt. „Wir haben gemerkt, dass Redebedarf da ist“, sagt Anne Wizorek alias @marthadear bei Süddeutsche.de. Sie schlug #aufschrei in der Nacht zum Freitag als Sammelbegriff vor. Als sie gestern Morgen aufwachte, war die Sache „förmlich explodiert.“ Selbst Kanzlerin Angela Merkel (CDU) warb gestern in Berlin für einen „menschlich professionellen und respektvollen Umgang in der Politik wie auch zwischen Politikern und Medienvertretern“, wie Regierungssprecher Steffen Seibert sagte.

Natürlich ist das Phänomen kein reines Politikproblem. Und natürlich ist Sexismus kein reines Männerproblem. Aber: „Für die Altherrenrunden der politischen Macht ist das besonders schmerzlich“, sagt Andrea Ernst, Vorsitzende des Journalistinnenbundes. „Sie müssen professionelle Distanz lernen.“ Die Sphären der Macht sind ein fruchtbares Biotop für Selbstüberschätzung, vorzivilisatorisches Mackertum und den Glauben an die eigene Unangreifbarkeit.

Eines der größten Probleme bei sexueller Belästigung ist die Umkehrung des Täter-Opfer-Prinzips, das „Victim Blaming“, Wie? Die will das nicht? Dann ist sie humorlos/frigide/selber schuld. Es sei „sehr bezeichnend, dass jetzt die Journalistinnen für das Thematisieren angegriffen und zu Täterinnen gemacht werden sollen“, sagt Grünen-Chefin Claudia Roth.

Nun ist nicht jede Twitterblase Vorbote eines gesellschaftlichen Wandels. Ist #aufschrei also ein schnell abflauender Hype oder ein echter Wendepunkt? Niemand weiß das, aber die Debatte läuft, und das ist gut. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, die Balance zu halten zwischen einer offenen Kommunikationskultur, wo nicht jedes intergeschlechtliche Missverständnis Anklagen nach sich zieht, und amerikanischen Verhältnissen, wo ein Vierjähriger wegen sexueller Belästigung („inappropriate physical behavior“) seiner Betreuerin aus dem Kindergarten fliegt - er hatte sein Gesicht an ihre Brust gelegt.

Es stimmt, dass in der Diskussion kaum neue Argumente zu hören sind. Es stimmt auch, dass männliches Imponiergehabe und weibliche Gefallsucht zum menschlichen Verhalten gehören, zum uralten Spiel zwischen den Geschlechtern. Aber: #aufschrei erinnert klar daran, dass es nicht um Kavaliersdelikte geht, dass das Problem zu groß ist für drei Seiten im „stern“ und 140 Zeichen bei Twitter. Und dass die Schonzeit für den „Dirty old man“ vorbei ist, nicht nur in der Politik.

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