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"Berlin Tag & Nacht" wird politisch

Gezielte Inszenierung "Berlin Tag & Nacht" wird politisch

"Berlin Tag & Nacht" und "Köln 50667" heißen die Quotenhits des Fernsehsender RTL 2. Der Erfolg rief die Bundeszentrale für politische Bildung auf den Plan, in diesen Soaps gezielt Dialoge und Handlungen zu platzieren. Sie sollen, wenngleich auf niedrigster Schwelle, zu politischer Reflexion anregen.

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"Berlin Tag & Nacht" und "Köln 50667" sollen bildungsferne Jugendliche zu politischer Reflexion anregen.

Quelle: RTL 2

Hannover. Es ist sehr einfach, sich über das Niveau von RTL 2 lustig zu machen. Schon am frühen Morgen zeigt der Sender einander ankeifende Menschen, am Nachmittag posieren Dumpfbacken vor aufgemotzten Karosserien, ständig stolpern Laiendarsteller durch nachgestellte Sozialdramen der übelsten Sorte, und am Abend gibt’s zuverlässig Katastrophen, Trash und Action. Harald Schmidt nannte so etwas früher „Unterschichtenfernsehen“. Genau das aber macht RTL 2 für die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zum perfekten Partner: Nirgendwo sonst gelänge ihr, mehr bildungsferne Jugendliche zu erreichen.

„Berlin Tag & Nacht“, „Köln 50667“: Das sind, zumindest aus Quotensicht, Leuchttürme des RTL-2-Programms. Die beiden Doku-Soaps zeigen „Scripted Reality“ – scheinbar reale Ereignisse fiktiver Ellis, Timos und Bastis, denen junge Zuschauer sogar auf Facebook folgen. Dort leben die Rollen weiter, die Handlung wird fortgeschrieben. Das Konzept geht auf. Beinahe jeder dritte 14- bis 29-Jährige, der um 18 Uhr vor dem Fernseher sitzt, schaut „Köln 50667“. Für einen Sender mit 6,3 Prozent Marktanteil ist das ein gigantischer Wert, das gilt auch für die 1,5 Millionen Facebook-Fans von „Köln 50667“ und die drei Millionen von „Berlin Tag & Nacht“.

Soaps sollen zu politischer Reflexion anregen

Der Erfolg rief die BpB auf den Plan, in diesen Soaps gezielt Dialoge und Handlungen zu platzieren. Sie sollen – wenngleich auf niedrigster Schwelle – zumindest ein wenig zu politischer Reflexion anregen. Freilich ließe sich einwenden, warum erst zur Verdummung beigetragen werden muss, um dem über Umwege Erhellendes entgegenzusetzen. Aber schon RTL-Gründer Helmut Thoma sagte: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“. Was dabei herauskommt, muss man nicht toll finden. Positiv betrachtet mag es aber besser sein, wenn jemand „RTL 2 News“ als gar keine Nachrichtensendung schaut. So bekommt er zumindest ein, zwei relevante Themen am Tag mit – zwischen all dem Seichten und dem Promi-Klatsch. So schwer es auch fällt, „RTL 2 News“ als Nachrichtensendung zu bezeichnen: Bei jungen Zuschauern ist sie jedenfalls beliebter als die zeitgleich laufende „Tagesschau“.

Wenn es folglich Aufgabe der BpB ist, ein Bewusstsein für Demokratie und politische Teilnahme zu fördern, ist es konsequent, sich in Anbetracht von so viel Nachholbedarf unter bildungsfernen Jugendlichen RTL 2 zunutze zu machen. Die Chance, sie mit einem gemeinten Faltblatt in Berührung zu bringen ist jedenfalls geringer, noch geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das dann auch gelesen wird.

Politik investiert in "Unterschichtenfernsehen"

Indem die BpB jedoch zum Beispiel den Wahlomat, mit dem man spielerisch herausfinden kann, mit welcher Partei sich die eigenen Einstellungen am meisten überschneiden, geschickt in die Handlung von „Berlin Tag & Nacht“ schreiben ließ, dürften 2013 ein paar mehr RTL-2-Zuschauer mitbekommen haben, dass Bundestagswahlen anstehen. Und nachdem sich ein ganzer Handlungsstrang vorigen November bei „Köln 50667“ mit Alltagsrassismus beschäftigt hat, hat vielleicht doch der eine oder andere sein Verhalten überdacht. Auch das hatte die Behörde angeregt und 140.000 Euro in die Produktion investiert. Weitere 307.000 Euro gab sie aus, um sich an den Produktionskosten für die Serie „Zeit für Helden“ zu beteiligen. Mit versteckter Kamera werden darin nachgestellte Szenen gefilmt, um zu beobachten, wie zufällig vorbeikommende Passanten reagieren, wenn jemand von einer Gruppe wegen seines Aussehens, seiner Behinderung oder seiner Religion diskriminiert wird.

Die Quoten für die acht Folgen waren nicht überragend und lagen nur knapp über Senderschnitt. Wahrscheinlich war es für den gemeinen RTL-2-Zuschauer schon zu intellektuell überfordernd oder auch zu offensichtlich pädagogisch, dass die Beteiligten am Ende jeder Folge reflektieren sollten, woher ihre Feigheit oder Zivilcourage rührten. Immerhin: Die gerade von der BpB abgeschlossene Evaluation der im Juli ausgelaufenen zweiten Staffel ergab: Im eigens eingerichteten Facebook-Profil wurden Debatten angestoßen, die womöglich in dieser Zielgruppe nie geführt worden wären. Der Bericht musste allerdings auch feststellen: Vor allem in punkto Antisemitismus, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Homophobie existierten „in der Zielgruppe teils starke Vorbehalte, denen entgegengewirkt werden muss“. Es gebe daher weiteren Aufklärungs- und Sensibilisierungsbedarf. „Über eine mögliche Fortsetzung von ,Zeit für Helden' sind wir derzeit in Gesprächen“, heißt es bei RTL 2.

Junge Zielgruppen über alternative Kanäle erreichen

Ist aber einer staatliche Behörde wie der BpB überhaupt erlaubt, Einfluss auf das Programm eines Senders zu nehmen? Im Rundfunk gilt das gesetzlich verbriefte Gebot der Staatsferne. Die sei gewährleistet, sagen RTL 2 und BpB. Ob und was ausgestrahlt wird, entscheide ausschließlich der Sender, die BpB berate nur. Zudem laufe die Kooperation über Produktionsfirmen. Im Fall von „Köln 50667“ ist das Filmpool, im Fall von „Zeit für Helden“ SEO Entertainment, die mit dem Format 2013 als Gewinner des von der BpB ausgeschriebenen Wettbewerbs zur „Rechtsextremismus-Prävention im TV“ hervorgegangen war. Auch die Finanzierung sei rechtlich in Ordnung, ließ sich die BpB in einem Gutachten bescheinigen. Es handle sich um „ideelles Themensponsoring“, eine gute Sache also, im Sinne des Gemeinwohls.

Die Strategie, junge Zielgruppen über alternative Kanäle zu erreichen, begann 2006, erzählt Clemens Stolzenberg, bei der BpB wissenschaftlicher Referent im Fachbereich „Zielgruppenspezifische Angebote“. Den Startschuss gab eine Konferenz, zu der die BpB seither alle zwei Jahre Pädagogen, Wissenschaftler und TV-Verantwortliche lädt. Das erste Experiment war 2009 „Sido geht wählen“, 2010 folgte „Ahnungslos mit Joko und Klaas“, ein Quizformat, bei dem Passanten mit den Grundlagen des politischen Systems vertraut gemacht werden sollten.

Inzwischen kooperiert die BpB auch mit Youtubern. 2014 förderte sie mit 38.000 Euro zehn Videos, in denen Stars wie Le Floid das Thema „25 Jahre Mauerfall“ aus ihrer Sicht spiegelten. Eine weitere Aktion war „Youtuber gegen Nazis“, bei der Nutzer den Hip-Hop-Song „Hey Mr. Nazi“ auf ihre Weise interpretieren und als Video hochladen konnten. Abgerufen wurde das weit über zehn Millionen Mal. So viel ist sicher: Kein Faltblatt der Welt hätte diese Resonanz hervorgerufen.

Von Ulrike Simon

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