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Netzwelt Mit Nacktbildern erpresst – Kinder in der Chat-Falle
Nachrichten Medien Netzwelt Mit Nacktbildern erpresst – Kinder in der Chat-Falle
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06:31 07.06.2018
Eine aktuelle Studie der Universität Regensburg fand heraus: 16 Prozent der 14-Jährigen hatten Erfahrungen mit sexuellen Kontakten im Internet. Quelle: dpa-tmn
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Berlin

Ein Mädchen steht auf dem Schulhof. Sie hat Kopfhörer in den Ohren und schaut neidisch auf eine Gruppe herumalbernder Mitschülerinnen. Auf dem Smartphone in ihrer Hand chattet sie mit einem Fremden. Das Vertrauen ist schnell da. Sie kann alles loswerden, was sie nervt: Die Klassenkameraden, der Unterricht, die Eltern.

Das Gespräch geht am Abend weiter, als sie im Bett liegt. Bald verlangt der Gesprächspartner am anderen Ende Bilder. Pikante Bilder. Das Mädchen ist skeptisch, macht es aber trotzdem. Nach dem Absenden beginnt für sie die Tortur. Das Mädchen wird nach dem Abschicken des Bildes aufgefordert, mehr Fotos zu schicken. Fotos, auf denen ihr Körper noch unbedeckter zu sehen ist. Tut sie es nicht, droht er, das erste Bild an ihre Mitschüler zu schicken. Sie ist ein Opfer von Cybergrooming.

Der erste Kontakt bahnt sich in Chats von Spielen an

Darunter verstehen Experten das Anbaggern von Kindern und Jugendlichen mit dem Ziel, sie zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Eine aktuelle Studie der Universität Regensburg fand heraus: 16 Prozent der 14-Jährigen hatten Erfahrungen mit sexuellen Kontakten im Internet. Sehr häufig nutzen die Täter die Chatfunktion von Online-Spielen, um die Kinder anzusprechen. „Unsere Erfahrung ist, dass aber nur der erste Kontakt über diese Spielechats stattfindet“, berichtet Judith Dobbrow, Polizeibeamtin im Bereich Kinderpornografie im LKA Berlin. „Dann wechseln sie zu Skype oder in andere Messengerdienste , weil über diese Spielechats Bilder und Videos in dem Umfang gar nicht verschickt werden können.“

Oft vertrauen sich die Kinder und Jugendlichen den Eltern spät oder gar nicht an. Zu groß ist die Angst vor Bestrafung. Oder der Täter hat sie erpresst, niemanden von ihrer Interaktion zu erzählen. Offenbaren sich die Heranwachsenden aber doch ihren Eltern und erstatten die eine Anzeige, beginnt die Arbeit der Ermittler. „Zunächst vernehmen wir das Opfer“, sagt Judith Dubbrow. „Danach versuchen wir den Täter zu ermitteln.“ Das passiere in den meisten Fällen über die IP-Adresse. Die Chats seien den Ermittlern eine große Hilfe, so Dubbrow. Sie schildern detailliert den Tathergang.

Die Vorratsdaten-Speicherung würde Ermittlungen erleichtern

In ihren Ermittlungen stoßen Dubbrow und ihre Kollegen oft an Grenzen. So sei ihre Behörde unterbesetzt. „Durch das Internet ist die Masse an zu bearbeitenden Fällen massiv gestiegen.“ Außerdem wünscht sich Dubbrow die derzeit ausgesetzte Vorratsdaten-Speicherung zurück. „Die Ermittlungen sind natürlich auch ohne Vorratsdatenspeicherung möglich. Aber mit ihr war es leichter, an bestimmte Daten zu kommen. Und es war leichter, die Täter zu identifizieren.“

Grenzen, die die Ermittler stets überschreiten müssen, sind die emotionalen Grenzen. Tausende Bilder und Videos müssen sie sichten. Sie zeigen anzüglich posierende Kinder bis hin zu schweren Vergewaltigungen. „Ich habe mir einen Schutzpanzer angelegt - sonst ist das nicht auszuhalten“, sagt Achim Holzmann, Kriminaloberkommissar beim Polizeipräsidium Heilbronn, in der Rhein-Neckar-Zeitung. Seiner Familie will er nicht von seinen schockierenden Entdeckungen im Netz erzählen. „Sonst ängstigt man auch sein Umfeld“, sagt der Vater zweier Kinder im Alter von sieben Jahren und zehn Jahren.

Der Bundesbeauftragte fordert besseren Jugendschutz im digitalen Raum ein

Mit der Forderung steht sie nicht allein da. Auch der Unabhängige Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert, Internetdaten mit längeren Fristen auch in Deutschland wieder speichern zu können. Rörig hat sich das Thema „Cybergrooming“ als einen Schwerpunkt seiner Arbeit gesetzt. „Die Täter fühlen sich noch immer zu sicher im Netz“, sagt er. „Im Moment ist das Internet für die Täter ein Schutzraum. Das müssen wir unbedingt ändern. Wir wollen, dass sich die Kinder und Jugendlichen im Internet sicher bewegen können.“

Für Rörig muss sich deshalb etwas in der Politik ändern und in den Schulen. Die politischen Entscheidungsträger sollten so schnell wie möglich dafür sorgen, dass die Strafverfolgungsbehörden und die Gerichte mit mehr Personal ausgestattet werden. An den Gerichten fehlen nach aktuellen Berichten bundesweit knapp 2.000 Richter, um sämtliche Fälle zeitnah zum Abschluss zu bringen. Für die Schulen wünscht sich Rörig das obligatorische Unterrichtsfach „Medienkompetenz“.

„In diesem Unterricht soll es darum gehen, Kinder und Jugendliche alters-und entwicklungsgerecht an die Medien, ihre Chancen, aber auch Risiken, heranzuführen.“ Außerdem will der Bundesbeauftragte die IT-Branche verstärkt in die Pflicht nehmen. „Sie ist es, die den Kindern ungeschützt die Technik in die Hand drückt und dadurch den Tätern Möglichkeiten liefert, die Kinder sexuell zu kontaktieren“, sagt er. „Ich will, dass der Kinder- und Jugendschutz, den wir in der analogen Welt stets einfordern, auch für den digitalen Raum umgesetzt wird.“

Das Mädchen vom Anfang ist eine Protagonistin in einem Video von Europol. Die Europäische Polizeibehörde will mit dem Film auf die Gefahren aufmerksam machen, die für Kinder und Jugendliche im Internet lauern. Am Ende des Videos zeigt die Schülerin, wie es richtig geht: Keine pikanten Bilder an Fremde schicken und im besten Fall gar nicht erst einen Chat anfangen. In einer Nahaufnahme sieht man den Daumen des Mädchens kurz über den beiden Optionen „Kontakt annehmen“ und „Kontakt ablehnen“ verharren. Sie lehnt ab.

Von Annika Jensen/RND

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