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Netzwelt Mit Blendle baut man sich die eigene Zeitung
Nachrichten Medien Netzwelt Mit Blendle baut man sich die eigene Zeitung
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11:57 14.09.2015
Die Blendle-Gründer Marten Blankesteijn (l.) and Alexander Klopping (r.) bieten ein individuelles Leseerlebnis. Quelle: Robin Van Lonkhuijsen
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Hannover

Wie werden wir künftig lesen? Vermutlich wird es mit dem, was wir heute gewohnt sind, so wenig zu tun haben wie damit, wie einst die Elterngeneration gelesen hat. Nie wäre ihr in den Sinn gekommen, auf etwas anderem als Papier zu lesen. Das verhält sich heute anders, längst sind elektronische Medien fester Bestandteil der Lesekultur. Noch ist allerdings keiner auf die Idee gekommen, in einem Kiosk eine Reportage aus dem „Stern“, die Titelgeschichte aus dem „Spiegel“ und den Sportteil aus der Regionalzeitung zu reißen, um damit wie selbstverständlich zur Kasse zu gehen. Demnächst wird so etwas digital möglich sein, bei Nichtgefallen bekommt der Kunde sogar das Geld zurück.

Das Prinzip ist dasselbe wie in der Musik

Die niederländische Firma Blendle startet mit einem neuen Service: Rund 40 Zeitungstitel sind von Beginn an Teil des Angebots. Wer sich registriert, kann aus sämtlichen Titeln einzelne Texte auswählen und für kleines Geld kaufen – darunter auch die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. Die Preise bewegen sich pro Artikel zwischen ein paar Cent und einem Euro. Vom Erlös gehen 70 Prozent an die Verlage, den Rest behält Blendle. Den beteiligten Unternehmen geht es darum, jeden Weg zu nutzen, um Leser zu erreichen, auch neue und jüngere. Das Prinzip ist dasselbe wie in der Musik. Auch da kaufen viele nur noch einzelne Songs, verpassen dadurch allerdings, dass das Album eines Künstlers mehr ist als die bloße Aneinanderreihung einzelner Lieder, dass es vielmehr ein abgestimmter Mix ist aus Lautem und Leisem, Eingängigem und auch solchem, das bewusstes Zuhören erfordert. Ähnlich verhält es sich mit Zeitungen und Zeitschriften. Mancher Artikel erfährt erst durch das Umfeld, in dem er erscheint, die Aufmerksamkeit, die er verdient. Trotzdem kaufen immer weniger Menschen Alben. Wird das auch für Zeitungen und Zeitschriften gelten?

Früher war es in jedem Haushalt üblich, die jeweils regionale Tageszeitung abonniert zu haben. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Fernsehzeitschrift und – je nach Bildung, Alter, Geschlecht, Hobby oder Gesinnung – das eine oder andere zusätzliche Blatt. Auf dem Bau wurde „Bild“ gelesen, in der Bahn der „Spiegel“, unter Jungs kursierte der „Kicker“, und beim Friseur gab Frauenzeitschriften. Heutzutage verzichten manche ganz auf gedruckte Medien im Abo. Die Gründe sind unterschiedlich: Wer häufig unterwegs ist, bestellt lieber die elektronische Version seiner Zeitung oder Zeitschrift. Die E-Paper-Auflagen steigen. Und wer weiß, ob Tablets nicht schon bald durch knitterfreie Displays zum Zusammenrollen ersetzt werden? Andere bevorzugen Papier, wollen sich aber nicht festlegen und entscheiden sich am Kiosk mal für diese Zeitung, mal für jene Zeitschrift. Wieder andere gehen davon aus, im Internet gebe es sowieso alles, wenn auch nicht mehr alles kostenlos. Vor allem unter Jüngeren ist der Glaube verbreitet: Was mich interessiert, wird mich schon erreichen – durch Empfehlungen in sozialen Netzwerken.

Aber längst können sich viele kaum noch erinnern, woher die Information stammte, die sie im Netz gelesen haben. Auch dass sie ein Artikel nur erreicht hat, weil der Facebook-Algorithmus berechnet, was welchen Nutzer wohl interessiert, mag manchen nicht bewusst sein. Vielleicht wird sich die Leserschaft spalten: in jene, die auf die Quelle einer Information kaum noch achten, was anfällig macht für Propaganda und Abstruses. Und in die, denen die Seriosität des Absenders umso wichtiger ist. Den Überblick zu bewahren wird nicht einfacher, je mehr die sozialen Netzwerke dafür tun, die Nutzer von fremden Webseiten fernzuhalten. Facebook etwa bietet neuerdings sogenannte Instant Articles von „Bild“ und „Spiegel“ an. Sie haben den Vorteil, dass der Nutzer gar nicht erst über einen Link auf die Webseite der Medien umgeleitet wird, sondern bleibt, wo er ist – bei Facebook. Das ist bequem, denn es spart Ladezeiten. Umso größer wird die Versuchung, sich nicht mehr über das gesamte Angebot eines Mediums zu informieren. Bisher gehen die Verlage trotzdem davon aus, dass das Bedürfnis von Lesern bestehen bleibt, ein in sich geschlossenes Informationspaket von einem klar ersichtlichen Absender zu bekommen – also: eine Zeitung oder Zeitschrift, sei sie gedruckt oder digital. Daneben wird sich der Leser das eine oder andere dazukaufen, auf ganz unterschiedlichen Wegen und aus unterschiedlichen Gründen: wegen des Themas, wegen des Autors oder aufgrund einer Empfehlung.

Wie wird die Zukunft des Lesens aussehen?

Vielleicht aber wird ja alles ganz anders kommen, werden Facebook und Twitter von etwas gänzlich Neuem abgelöst, werden andere Formen von Medien und Artikeln entstehen, gar andere Lesegeräte entwickelt, von denen heute noch niemand träumen mag. Vor gar nicht langer Zeit hätte auch niemand damit gerechnet, dass der mit einem Kabel in der Wand verankerte Plastikkasten, bei dem man zum Wählen den Finger in eine Scheibe stecken musste, eines Tages in jede Hosentasche passt und sich außer zum Telefonieren auch zum Lesen, Fernsehen, Fotografieren, Videodrehen, Spielen und Schreiben eignet – alles zum Flatrate-Preis.
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Von Ulrike Simon

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