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Ego-Shooter für Waldorfschüler

„Angry Birds“ Ego-Shooter für Waldorfschüler

Wie die Schweinegrippe einem finnischen App-Entwickler zu einem globalen Millionenerfolg verhalf – dem erfolgreichsten iPhone-Spiel der Welt: „Angry Birds“. Ein Blick in eine boomende Branche.

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Zwille spannen, zielen, schießen: Die wütenden Vögel (links) auf Schweinchenjagd.

Quelle: Screenshot

Seine Frau war ausgegangen an diesem Abend vor zwei Jahren in Espoo, Finnlands zweitgrößter Stadt, und Software-Entwickler Jaakko Iisalo hatte Zeit. Er war 30 Jahre alt, Angestellter einer 2003 gegründeten, chronisch klammen Videospielklitsche namens Rovio Mobile. Die hatte schon 52 erfolglose Spiele entwickelt und vor ein paar Wochen einen Deal mit einem Investor geschlossen: Wenn es gelang, ein erfolgreiches Videospiel für dieses neue iPhone zu entwickeln, das Apple da vor zwei Jahren auf den Markt gebracht hatte, dann gab es frisches Geld.

Es war Rovios letzte Chance.

Iisalo und seine Kollegen hatten eine Menge Spielideen ausgebrütet – doch die Chefs hatten alles abgelehnt: zu kompliziert, zu simpel, zu langweilig. Iisalo setzte sich vor seinen Rechner und startete Photoshop. Er kramte eine alte Idee aus seinem Schädel und begann zu zeichnen. Er zeichnete eine Bande von dicken, roten Vögeln mit schwarzen Augenbrauen, gelben Schnäbeln, wütendem Blick und kleinen Bürzelschwänzchen. „Ich hielt das damals für nichts Besonderes“, sagte er dem britischen „Telegraph“. „Ich hab’s nicht mal meiner Frau erzählt, als sie nach Hause kam.“

Schnitt. Knapp zwei Jahre später ist „Angry Birds“ das „Tetris“ des 21. Jahrhunderts, das meistverkaufte Handyspiel und die erfolgreichste iPhone-App der Welt. Die wütenden Vögel haben Rovio (und Apple) viele Millionen eingebracht. 300 Millionen Mal wurden alle Versionen des 79-Cent-Spiels für iPhone, Android-Handys, Sonys Playstation und andere Plattformen bisher heruntergeladen. Jeden Tag spielen Menschen in aller Welt 200 Millionen Minuten lang „Angry Birds“ – das sind 1,2 Milliarden Stunden pro Jahr.

Die wütenden Vögel gibt’s als Plüschtiere, auf Flip-Flops, als T-Shirt, als Kochbuch und als Brettspiel (analog folgt auf digital: ein Sonderfall der Spielegeschichte). Erste Ideen für einen Hollywoodfilm in Stop-Motion-Technik (ähnlich wie in den „Wallace & Gromit“-Filmen) kursieren. Eine Cartoon-Reihe ist in Vorbereitung. Die „Brand Extension“, wie das im Marketing heißt, läuft auf vollen Touren. „Sie sind überall“, sagt Spielekenner James Binns. „Das Ganze erinnert mich an Rubiks Zauberwürfel: Alle spielen es, alle reden darüber.“

Fast schüchtern hatte Iisalo seine Photoshop-Skizzen vorgelegt. Seine Chefs liebten die Viecher sofort. Aber: Es gab noch keine Spielidee, nur die Hauptfiguren. 2009 war die weltweite Schweinegrippe auf dem Höhepunkt, die Medien drehten durch, und so erfanden die Rovio-Jungs die Gegenspieler der wütenden Vögel: dicke, grüne Schweine. Der Rest kam dann schnell: Mit dem Finger spannt der Spieler auf dem Touchscreen eine Zwille, mit der er bunte Vögel in Klötzchengebilde schießt, in denen sich die bösen Schweinchen verschanzt haben. Das Spiel hatte im Dezember 2009 Premiere – und schoss bald an die Spitze der Appstore-Charts in 60 Ländern. Ein Volltreffer. „Seit der Erfindung von Rührei und Schinken hat kein Zusammentreffen von Geflügel und Schwein so gut geschmeckt“, schrieb das „Wall Street Journal“.

Kinderkram? Nicht doch. Der Durchschnittsspieler ist männlich und 45 Jahre alt. Der Trick: Die Sache ist gleichzeitig simpel und komplex. Der Suchtfaktor ist hoch, die Stress lindernde Wirkung ebenso. Das Belohnungszentrum des Gehirns wird sofort aktiviert, kein Spiel gleicht dem anderen, denn die Klötzchen fallen jedes Mal anders – das perfekte Spiel für ein paar Minuten an der Bushaltestelle (Experten sprechen von „Entertainment Snacks“). Und: Kaputt machen macht einfach Spaß. Selbst in den friedfertigsten Menschen schlummert eine spielerische Zerstörungslust. Hier hat sie ein Ventil. „Angry Bids“ ist ein Ego-Shooter für Waldorfschüler.

Das Ganze erinnert an den Moorhuhn-Alarm der neunziger Jahre. Mit einem Unterschied: Es geht um Millionen. Ein paar wütende Vögel und die Schweinegrippe haben Rovio zu Weltruhm verholfen – mit trickreicher Markenpflege und massig „viralem Marketing“ (früher sagte man „Mund-zu-Mund-Propaganda“). Die Entwicklungskosten von 100.000 Euro waren schnell refinanziert. Kleinvieh macht auch Mist. Rovios Umsatz soll in diesem Jahr rund 100 Millionen Dollar erreichen. Gerade sucht die Firma, die zuletzt 50 Angestellte hatte – fast alles Männer, fast alle Mitte bis Ende zwanzig –, 40 neue Mitarbeiter.

Bei Apps gilt: Wenn es läuft, dann läuft es richtig. Nur zwei Prozent der rund 500.000 verfügbaren Apps in Apples ­Appstore machen 90 Prozent der Umsätze unter sich aus. Rovio legt regelmäßig nach: mit neuen Levelpaketen und Sonderausgaben zu Halloween oder Weihnachten („Angry Birds Season“) und einer Extraausgabe zum Animations-Kinofilm „Rio“ („Angry Birds Rio“).

Die Popkultur hat sich die wütenden Vögel sofort einverleibt. In der israelischen TV-Comedyshow „Eretz Nehederet“ („Ein wundervolles Land“) veranstaltete man eine bizarre Friedenskonferenz zwischen den Vögeln und den Schweinchen – eine Anspielung auf den israelisch-arabischen Konflikt. Eine populärphilosophische Abhandlung beschreibt „Angry Birds Yoga – Wie Sie die grünen Schweine aus Ihrem Leben vertreiben“. Die Comedyserie „30 Rock“, die US-Late-Night-Shows – sie alle haben die Vögel gewürdigt.

Rovio-Manager Peter Vesterbacka prahlte kürzlich: „,Angry Birds‘ ist jetzt größer als Micky Maus.“ Es klang ein bisschen größenwahnsinnig – wie John Lennon, als er damals sagte, die Beatles seien jetzt größer als Jesus –, aber was die Zahl der Google-Anfragen angeht, hat Vesterbacke recht. Nächste Phase: „Angry Birds“ im Klassenzimmer. Rovio Entertainment – wie man sich inzwischen nennt – will in einer Schulbuchreihe geometrische Grundprinzipien anhand der komplexen „Angry Birds“-Geometrie erklären: Statik, Masse, Flugbahnen, Aufprallgeschwindigkeit.

Universale, geschichtslose Marken haben heute enormes Potenzial. „Hello Kitty“ etwa steht für nichts außer einem pinkfarbenen Logo, das sich auf jeden Gegenstand der Welt drucken lässt und kleine Mädchen in Schnappatmung versetzt. Und die Kinoreihe „Fluch der Karibik“ basiert lose auf nichts als einer Themenpark-Attraktion in „Disneyland“. Kürzlich heuerten die Angry-Birds-Finnen David Maisel an, Gründer der legendären Marvel Studios („Spider-Man“, „Hulk“, „Captain America“). Er soll die „Angry Birds“ zur weltweiten Franchise-Marke erweitern.

„Angry Birds“ ist eine prototypische Erfolgsgeschichte, wie sie nur die Netzwelt zustande bringt. Den 79-Cent-Software-Markt hat Apple erfunden – seinen bisher größten Hit jedoch ein junger Finne in Espoo. „Es gibt zu viele Typen, die bei großen Telekommunikationsfirmen arbeiten“, sagt Rovio-Mann Vesterbacka. Denen rate er nur eines: „Geht raus und macht euer eigenes Ding.“

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