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Erna und Willi erobern die Cebit

Youtuber auf Messebesuch Erna und Willi erobern die Cebit

Zwei pensionierte Gymnasiallehrer aus Hannover sind seit zwei Jahren “Deutschlands älteste Youtuber” - und mit dem Channel auf der Videoplattform richtig durchgestartet. Wer in dem Alter noch digital produktiv ist, für den gehört ein Besuch der Cebit natürlich zum Pflichtprogramm.

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Schauen sich auf der Messe um: Erna und Willi, Deutschlands älteste Youtuber.

Quelle: Zoellick

Hannover. Virtual Reality, Big Data, Cloud Solutions: die Liste der digitalen Innovationen auf der Cebit ist lang. Für Branchen-Experten und “Digital Natives”, also Menschen, die mit dieser Technik aufgewachsen sind, mag das kein Problem sein. Dass mit solchen Themen allerdings auch Senioren angesprochen werden, zeigen Erna (73) und Willi (71) Hartmann auf der IT-Messe. Sie wollen herausfinden, ob E-Taxi, Holo-Lense und andere Messe-Innovationen auch für ältere Generation geeignet sind und welchen Nutzen sie dabei mitbringen.

Markenzeichen: rotes Sofa vor Bücherwand

Erna und Willi sind keine gewöhnlichen Senioren. Die Rentner aus der List betreiben unter den Künstlernamen den YouTube-Kanal “Ü70 - Deutschlands älteste Youtuber”. Zwei Jahre nach dem Start auf der Videoplattform (die HAZ berichtete) haben die beiden über 18.000 Abonnenten, die ihre wöchentlichen Videos sehen. In den authentisch-lustigen Clips vor der Bücherwand im heimischen Wohnzimmer widmen sie sich mit viel Selbstironie Themen, die etwas mit den neuen Medien zu tun haben, oder auf die die Hauptakteure gerade Lust haben. Von witzigen Telefon-Challenges bis hin zu musikalischen Experimenten ist alles dabei.

Platz nehmen in der Zukunft

Nicht im bekannten Wohnzimmer, sondern auf der Cebit mischen sich die Rentner-Youtuber interessiert unter das hektische Messevolk. Der Cebit-Rundgang der beiden beginnt bei dem “City eTaxi”. Das strombetriebene Fahrzeug ist Teil eines Zukunfts-Mobilitätssystem für Städte, welches vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird. Das “eTaxi” ist dabei vielseitig einsetzbar, neben der klassischen Taxi-Funktion auch als Car-Sharing Fahrzeug oder für kleinere Logistik-Lieferungen zu nutzen. “Also ich hätte Lust, mich da reinzusetzen”, meint Willi bei dem Anblick des schwarz-gelben Gefährts. Gesagt, getan. Der Einstieg ist angenehm hoch, die hinteren Platzverhältnisse durch den Einzelsitz in der ersten Reihe überraschend komfortabel. Durch die aus Plexiglas bestehenden Türen - die optional auch entfernt werden können - “hat man einen super Ausblick”, sagt Erna. Das Fahrzeug ist mit der restlichen Flotte vernetzt, lässt sich per App buchen und im Car-Sharing-Modus auch damit öffnen. Kein Problem für die beiden Hannoveraner, sie besitzen sowohl Smartphone als auch Tablet-PC. Das “multipurpose”-System (engl. vielseitig anwendbar) des “eTaxi” sagt den Rentnern zu. Senioren können je nach Gemütszustand entscheiden, ob sie selbst fahren oder lieber ein Taxi nehmen. “Ich finde das ist motivierend”, sagt Willi zu dem Konzept. Die erste Station der beiden Lister verlief also erfolgreich, das “eTaxi” ist auch für ältere Generationen geeignet und eine effiziente Alternative in der Zukunft.

Unterwegs in virtuellen (Sicht)-Weiten

Weiter geht es mit der “HoloLense” von Microsoft. Das ist eine Augmented-Reality-Brille (englisch für erweiterte Realität), mit der interaktive 3D-Projektionen in der direkten Umgebung dargestellt werden können. Erna testet das Gerät und ist gespannt, wie sich die angekündigte virtuelle Assistentin zu erkennen gibt. Nach einigen Minuten zieht sie ein nüchternes Fazit. Die für viele Gleichaltrige problematische englische Sprache verkraftet Erna als ehemalige Gymnasiallehrerin zwar leicht, mit der Sicht hat sie allerdings mehr Probleme. Eine eigene Brille passt nicht unter das Gerät, schon alleine deshalb ist die “HoloLense” nicht wirklich alterskompatibel, lautet Ernas Resultat. So richtig assistieren wollte die virtuelle Dame wohl auch nicht, “sie blinzelte mich nur an”.

Die "ältesten Youtuber Deutschlands" Erna (73) und Willi (71) besuchen die IT-Messe Cebit in Hannover um einige Innovationen auf ihre Alterstauglichkeit zu testen.

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Von der erweiterten in die komplett virtuelle Realität tauchen die beiden ältesten YouTuber Deutschlands an der nächsten Station ein. Es geht um ein Formel-1-Rennspiel, für das Erna und Willi in speziellen Rennsitzen mit Lenkrad und Gaspedal Platz nehmen. “Ich habe doch extra meine Rennfahrer-Schlappen angezogen”, scherzt Willi. Nach Rennfahrerdynamik sieht das, was die beiden Rentner da auf den Asphalt zaubern, allerdings nicht aus. “Das Lenkrad ist deutlich sensibler, als bei meinem Privatwagen”, erklärt Willi nach dem Test. Für Ernas Augen ist die VR-Brille zu anstrengend. Die 73-Jährige meint: “Für ein Altenheim ist das nichts”. “Doch, dann kommen die Enkel dich besuchen”, wirft Willi lachend ein.

“Pepper” passt auf

In einer anderen Halle stehen die Senioren einem kleinen weißen Roboter namens “Pepper” gegenüber. Was “Pepper” alles kann, können sich aber weder Erna noch Willi so richtig vorstellen. Nach einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des amerikanischen IT-Riesen IBM wissen die beiden mehr. Zum Beispiel kann der Roboter als Pflegekraft fungieren. Er erinnert  daran, welche Medikamente zu nehmen sind, hilft bei den täglichen Aufgaben wie Überweisungen und erkennt sogar Notsituationen und kann einen Notruf absetzen. Dass die Vorstellung, einen Roboter-Krankenpfleger im Haus zu haben, doch noch sehr ungewohnt ist, zeigt schon die Sprache. “Man spricht mit ihm automatisch wie mit einem Hund”, merkt Willi an. Erna zweifelt an der Umsetzung der Roboter-Vision, “Ich möchte nicht auf menschliche Pflege verzichten”, so die Rentnerin.

“Das ist was für die Generation Playstation”

Am nächsten Zwischenstopp des Rundgangs werden Erna und Willi von lautem Gesurr einer großen Drohne empfangen. Willi inspiziert die ausgestellten Exemplare. Bei dem Anblick der Steuereinheit, eine überdimensionale Funkfernbedienung mit einer Vielzahl von Knöpfen, Reglern und Schaltern, bemerkt er: “Wir sind eben nicht mehr die Konsolengeneration”. “Was bei uns früher Drachen waren, die wir gebastelt haben, sind heute Drohnen”, stellt auch Erna fest. Dank GPS-Tracking könnte das Flugobjekt helfen, verloren gegangene oder orientierungslose Personen wiederzufinden, schlägt Willi vor. Praktisch wäre ebenfalls eine Drohne, die Einkaufstaschen trägt: die hier ausgestellten sind allerdings eher für exklusive Kameraaufnahmen gedacht.

“Die Älteren müssen sich öffnen”

Das Fazit des Rundgangs fällt positiv aus. An jedem Stand wurde auf Erna und Willi eingegangen, ihnen auch als ältere Zielgruppe alles gut erklärt. Die besichtigten Produkte bergen viel Zukunftspotenzial. Dabei geht vor allem das “eTaxi”-Konzept in die “richtige Richtung”, betont Willi während seines Fazits. Andere Innovationen wiederum haben den “Alters-Check” nicht gänzlich bestanden. Bei Augmented und Virtual Reality können schnell Probleme mit den Augen oder der Sicht auftreten, Hilfs-Roboter können noch zu wenig, um das Vertrauen des Pflegebedürftigen zu erlangen.

Abseits der technischen Weiterentwicklungen allerdings bewegt die Rentner noch etwas anderes. Sie stellen sich die Frage, ob die ständige digitale Weiterentwicklung wirklich immer sinnhaft ist. Zwar sind sie sich sicher, dass die Digitalisierung immer weiter gehen wird, allerdings müssen parallel auch Werte, Normen und ethische Aspekte vermittelt werden. Besonders ältere Menschen mit ihren Erfahrungen als Eltern und Großeltern müssen Kindern den richtigen Umgang mit Medien und die nötige Disziplin nahebringen, so die Hannoveraner. “Es ist nicht richtig, als Rentner zu Hause zu meckern, man muss sich schon ein Bild machen. Denn die Anschauung hilft, zu verstehen” - ein sympathisches Statement der beiden Rentner, die sich Woche für Woche auf Youtube amüsieren.

Von Tim Zöllick

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