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Wie Mark Zuckerberg die Welt beherrschen will

Virtueller Staat Wie Mark Zuckerberg die Welt beherrschen will

Facebook will nicht nur nett sein: Gründer Mark Zuckerberg arbeitet am virtuellen Staat – und plant nichts anderes als die digitale Weltherrschaft. Eine Annäherung an einen radikalen Geschäftsmann.

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Wie immer gut gelaunt und locker: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spricht über seine Visionen.

Quelle: dpa

Hannover. Es war ein denkwürdiges Bild. Eine dunkle Halle in Barcelona, Hunderte Menschen sitzen in Business-Kleidung vor einer Bühne und starren ausdruckslos ins Nichts. Oder wohin auch immer. Denn dort, wo normale Menschen ihre Augen haben, sitzt eine Art Taucherbrille mit Kabel. Eine Virtual-Reality-Brille. Der einzig Sehende unter den zombiehaften Tech­freaks im Publikum: ein gut gelaunter Mark Zuckerberg. Locker, wie immer im grauen T-Shirt, Turnschuhen und ohne Brille, schreitet der Stargast des Mobile World Congress in Barcelona durch die Halle und blickt belustigt in die Zukunft. In seine Zukunft. Es ist eine Welt, die alles hat, was auch Science-Fiction-Filme ausmacht: Sie ist faszinierend und gruselig. Utopie und Schreckensvision zugleich.

Zuckerberg will jede Woche ein Buch lesen

Das Foto dieser Szene, das Zuckerberg Anfang der Woche selbst auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat, beschreibt die Faszination Zuckerberg ganz gut: Der Mann, der alle Welt in die virtuelle Realität schickt – um dann selbst bekannt zu geben, dass er jede Woche ein echtes Buch lesen will oder ein Jahr Mandarin lernt, weil ja dieses ständige Internetgedaddel einen auch nicht weiterbringt. Ein Facebook-Nutzer hat als Kommentar zu dem Foto mit den Datenbrillen geschrieben: „Mark – fühlt es sich nicht seltsam an, der Einzige zu sein, der läuft und mit seinen echten Augen schaut, während alle anderen Zombies in der Matrix sind?“

Facebook macht in zu einem der 25 reichsten Menschen

Es spricht nicht viel dafür, dass Zuckerberg das seltsam findet. Es ist sein Geschäft. Der 31-Jährige besitzt laut Schätzungen die stattliche Summe von 48,2 Milliarden Dollar – und gehört damit zu den 25 reichsten Menschen auf diesem Planeten. Weit mehr als eine Milliarde Menschen nutzen die Freundesseite regelmäßig. Mit kaum einem Unternehmen der Welt sind mehr Hoffnungen verbunden als mit Facebook – und mit keinem zugleich mehr Ängste. Als vor fünf Jahren der Arabische Frühling den Nahen Osten und Nordafrika ins Wanken brachte, war Facebook die Gegenöffentlichkeit, die den Protest möglich machte. Aber es sind dieselben sozialen Netzwerke, in denen in Hasskommentaren Stimmung gegen so ziemlich alles gemacht wird – und in denen Menschen mitunter die Orientierung verlieren, weil sie nicht mehr unterscheiden zwischen einer Facebook-Pöbelei und einer geprüften Nachricht. Vor allem Deutschland hat in den vergangenen Monaten gelernt: Die sozialen Netze können auch ziemlich asozial sein.

Die Welt zu einem besseren Ort machen - aber welchen?

Zuckerberg, der morgen in Berlin zu Gast ist, gibt bei all diesen globalen Auswirkungen seiner Erfindung gern den unschuldigen Jungen. Facebook sei dazu da, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, lautet einer seiner Lieblingssätze. Die Frage ist nur: Wer bestimmt, wie so ein Ort aussieht?  

Wer Facebook verstehen will, muss vielleicht dorthin schauen, wo Zuckerbergs Siegeszug seinen Anfang nahm: im sonnigen Silicon Valley. Am Highway 101 raus aus San Francisco, die Bay Area entlang, ist das Internet, so wie wir es kennen, gar nicht so unendlich groß. Face­book, Google, Apple, Yahoo – die globale Internetwirtschaft hat sich hier ganz gut eingerichtet. Zuckerberg hat gerade erst ein neues Hauptquartier bauen lassen – von Stararchitekt Frank Gehry.

Das wahrscheinlich größte Großraumbüro der Welt

Wer vor dem 40.000 Quadratmeter großen Gebäude steht, im Facebook Way 1, wird nicht unbedingt vor Ehrfurcht erstarren. Das Hauptquartier erinnert eher an eine überdimensionierte, aufgestelzte Messehalle als an das Hauptquartier eines der wertvollsten Unternehmen dieser Zeit. Beton, metallische Treppen. Innen: frei liegende ­Belüftungsrohre, unverputzte Decken, provisorische Schreibtische mit Rollen, Sofas, Lounges, überall Stellwände mit Notizzetteln, Zeichnungen, Motivationssprüchen. „Beweg dich schnell und zerstöre Dinge“. Oder: „Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?“ So etwas. Kaum ein Mitarbeiter ist über 30. „Es sieht noch etwas unfertig aus“, sagt Facebook-Mitarbeiterin Annie bei einem Rundgang durch die riesige Halle, das wahrscheinlich größte Großraumbüro der Welt. „Das ist Absicht. Mark wollte nicht, dass es fertig wird.“
Die Botschaft ist klar: Es ist noch nicht zu Ende. Zuckerberg, 31, hat nicht vor, sich den Rest seines Lebens auf seinen Milliarden auszuruhen. Er ist noch nicht am Ziel.

Die Diktatur des Datenwissens

Das größte Missverständnis über Face­book lautet, Zuckerberg habe eine Plattform zum Austausch von Freunden erfunden. Fertig. In Wahrheit ist Facebook viel mehr. Es ist die fortgeschrittenste Verbindung echter Identitäten, echter Leben, mit dem virtuellen Internet. Facebook hat die Internetnutzer aus ihrer Anonymität geholt, ein für alle Mal. Zunächst ihre Namen und ihre Freundeskreise, später ihre Fotos und ihre Termine, ihre Ansichten und ihre Interessen. Es sollen folgen: Die innersten Gedanken, ihre Sinneseindrücke, die Gefühle, und in letzter Konsequenz ein virtuelles Abbild jedes Nutzers. Das ist der Grund für den unwirklichen Börsenkurs, das ist auch der Grund, warum Zuckerberg von manchen bereits als eine Art Weltenherrscher beschrieben wird. Er steht einem globalen Gebilde vor, das mehr über seine Einwohner weiß als jede Diktatur: dem Facebook-Staat.

Facebook lernt mit jedem Klick

Chris Cox nennt sich Produktmanager bei Facebook. Er ist mit dafür verantwortlich, dass die Facebook-Seite weiß, was der Nutzer als Nächstes sehen möchte. In Vorträgen erklärt der Herr der Algorithmen, wie das Unternehmen arbeitet. Wenn jemand Videos anklicke, zeige Facebook ihm mehr Videos. Wenn er Nachrichten seiner Schwester immer sofort lese, bekomme er sie bevorzugt angezeigt. Wenn er nach bestimmten Themen suche, bekomme er mehr davon. Facebook arbeite ständig an der Verfeinerung der Algorithmen, die diese Vorhersagen für jeden Einzelnen steuern. So lernt Facebook mit jedem Klick – und baut jedem seine maßgeschneiderte Wirklichkeit. Die Vorhersagen hätten bereits eine Trefferquote von 50 Prozent, heißt es. 80 Prozent seien möglich.

Eines Tages werden Gedanken gesendet

Es ist kein Zufall, dass Facebook nun an der Datenbrille interessiert ist. Dort lässt sich das Prinzip Facebook verfeinern – und damit auch das Geschäftsmodell. Längst denkt Zuckerberg über eine Vernetzung nach, die über alles Bekannte hinausgeht. Vor wenigen Monaten hat der 31-Jährige skizziert, wie das Facebook der Zukunft aussehen könnte: Eines Tages werde man die Möglichkeit haben, das „gesamte emotionale und sensorische Erlebnis mit Personen zu teilen“, erklärte er. „Eines Tages werden wir mittels Technologie Gedanken direkt zueinander senden können. Das ist das ultimative Ziel der Kommunikationstechnologie.“

Mark Zuckerberg will in die Köpfe der Menschen. Es ist diese Grenzenlosigkeit in seinen Vorstellungen, die einigen Menschen regelrecht Angst macht. Zumal sich der Zuckerberg-Staat ungern an herkömmlichen Gesetzen orientiert. Das hat die Diskussion über die Löschung volksverhetzender Hasskommentare und Datenschutz in Deutschland in den vergangenen Monaten gezeigt. Lange verwies das Unternehmen lieber auf die Konzernrichtlinien, statt sich auf deutsche Gesetze einzulassen. Es zeigt sich auch in der Frage, ob Facebook Internet in Indien anbieten darf.

Mit der Empörung eines Entwicklungshelfers

Da Facebook in dem kostenlosen Angebot lediglich ausgewählte Seiten zugänglich machen wollte – darunter Facebook – hat die Regierung die Initiative verboten. Zuckerberg reagierte trotzig und kündigte an, Internet mit Drohnen und Satelliten zu liefern. Facebook sei „nicht das Unternehmen, das aufgibt, wenn die Straße blockiert ist“. Er kann solche Sätze hervorbringen mit der Empörung eines Entwicklungshelfers. Wer weiß, dass Indien und Afrika zu den größten Wachstumsmärkten der Internet- und Kommunikationsbranche zählen, hört den Geschäftsmann heraus.

Im vergangenen Dezember, nachdem Zuckerbergs Frau ihr erstes Kind Chan bekam, kündigte das Paar an, 99 Prozent seines Vermögens in eine Stiftung zu stecken – 44 Milliarden US-Dollar. Für eine bessere Welt? In einem Brief hat Zuckerberg beschrieben, wohin das Geld der Stiftung fließen soll, der er selbst vorsitzt. Neben der Förderung des Lernens und der Krankheitsbekämpfung soll es der „Vernetzung von Menschen“ dienen. Die Mission geht weiter.

Von Dirk Schmaler

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