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Facebook macht bald auch Überweisungen

Bezahlung im Messenger Facebook macht bald auch Überweisungen

Das soziale Netzwerk führt eine neue Funktion ein: Freunde können sich gegenseitig Geld überweisen. In den USA wird der Dienst schon angeboten, weitere Länder sollen folgen. Das Unternehmen kommt so an wertvolle Finanzdaten.

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Internetkonzerne wollen nun auch Banken wichtige Geschäftsfelder abgraben.

Quelle: Fotolia

Hannover. Angenommen, zwei Freunde teilen sich ein Taxi vom Restaurant nach Hause. Der eine zahlt, weil er noch ein Stück weiter fahren muss als der andere. „Bekomme noch 14  Euro von dir“ könnte der Zahler seinen Taxipartner später per SMS oder Whatsapp erinnern. Dann gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Entweder, der eine Freund gibt dem anderen das Geld beim nächsten Treffen und hofft, es bis dahin nicht zu vergessen. Oder er überweist ihm das Geld, dafür bräuchte er aber vorher noch die Kontodaten. In Zukunft – und in den USA schon seit März – gibt es noch eine weitere Option: Man zahlt seine Schulden über Facebook.

Angeblich soll das ganz einfach funktionieren. Facebook-Nutzer, die den Chatdienst Messenger installiert haben, müssen dafür nur einen Chat mit dem Freund starten, das neue blaue Dollar-Symbol anklicken und den gewünschten Betrag in das leere Fenster eingeben – schon wird das Geld vom Girokonto des Nutzers abgebucht und dem Empfänger gutgeschrieben. Bei der ersten Überweisung müssen noch die Kontodaten hinterlegt werden, für künftige Transaktionen reicht eine PIN oder, bei Apple-Geräten, ein Fingerabdruck zur Identifikation.

Facebook erfährt, wer sich was leisten kann

Für Facebook könnte dies das nächste große Ding werden. Denn der Internetkonzern bekommt so Zugriff auf die Finanzdaten seiner riesigen Nutzergemeinde. Rund 500 Millionen Menschen haben den Facebook-Messenger weltweit installiert – würden nur 10  Prozent ihn für Überweisungen nutzen, wären das immer noch 50 Millionen Menschen.

Auf diesem Weg käme das soziale Netzwerk nicht nur an die Kontonummer, Bankleitzahl und das Kreditinstitut seiner Nutzer. „Facebook erfährt auch, wie viel Geld jemand wem und weshalb überweist – und was er sich leisten kann“, sagt Friedemann Brenneis, der auf seinem Blog „The Coinspondent“ über digitales Bezahlen schreibt. Für Werbekunden sind diese Informationen hochinteressant. „Das ist ein großer Schatz für Konzerne wie Facebook“, sagt Brenneis.

Einem Freund die Theaterkarte bezahlen: Facebook erklärt den neuen Zahlungsservice Schritt für Schritt.

Quelle: Facebook

Erst vor einem Jahr hatte Facebook den ehemaligen Paypal-Chef David Marcus abgeworben und ihn zum Chef des Messengers gemacht. Marcus hat genug Erfahrung, um Facebook den Weg in das neue Geschäftsfeld zu ebnen. Zur Bank wird Facebook durch die neue Funktion aber noch nicht. Denn dem Internetkonzern reicht eine sogenannte E-Geld-Lizenz, erklärt Thomas Dapp, Analyst bei Deutsche Bank Research.

„Auch Google und Apple haben beispielsweise eine solche Lizenz für ihre Bezahlsysteme – sie erlaubt es ihnen, Geld elektronisch zu transferieren“, sagt Dapp. Vollbanklizenzen haben die Internetkonzerne aber bislang nicht. Sie dürfen also keine Guthaben verwalten, Zinsen erheben oder zum Beispiel Kredite vergeben.

Konkurrenz für Western Union

Eine günstige Alternative für Arbeitsmigranten: Der Geldtransfer über Facebook soll kostenlos sein und bleiben – er könnte deshalb für Menschen, die fernab ihrer Heimat arbeiten und regelmäßig Geld an ihre Familie zu Hause schicken, ein großer Gewinn sein. Denn Arbeitsmigranten nutzen zurzeit hauptsächlich die beiden internationalen Finanzdienstleister Western Union und Money Gram, die für den Geldtransfer hohe Gebühren nehmen. Die Kosten variieren je nach Empfängerland und liegen häufig bei weit über 10  Prozent.

Hinter internationalen Geldtransfers steckt ein riesiger Markt , der weiter wächst. Rund 200 Millionen Menschen arbeiten im Ausland für ihre Familie in der Heimat. Im Vergleich zum Jahr 2000 sind die Transferzahlungen von knapp 90 Milliarden auf über 600 Milliarden gestiegen, berichtet Deutschlandfunk. Wenn Facebook sich als kostenloser Finanzdienstleister etabliert, würde das die Akzeptanz und Reichweite des Sozialen Netzwerks weiter stärken. Denn während Facebook in den USA und der EU kaum noch neue Nutzer generieren kann, ist der Markt in Entwicklungs- und Schwellenländern noch lange nicht gesättigt. Macht sich Facebook hier unentbehrlich, wird es weiter wachsen.

So gesehen treten die Internetkonzerne nicht in direkte Konkurrenz zu den Banken. Aber sie erobern ein Geschäftsfeld, das die traditionellen Institute zu lange ignoriert haben. „Für die Banken ist die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle eine große Herausforderung. Sie haben alte, teils überholte Strukturen und Prozesse, was es ihnen nicht leicht macht, mit den agilen Internetkonzernen mitzuhalten“, sagt der Finanzexperte. Auf der anderen Seite haben die Traditionshäuser einen großen Vorteil: Die Menschen vertrauen ihnen mehr als vielen Internetkonzernen. „Gerade beim Geld achten die Menschen auf Zuverlässigkeit. Diesen Joker spielen die Banken zurzeit aber noch zu wenig aus“, sagt Dapp.

Wann das neue Überweisungssystem nach Deutschland kommt, ist noch nicht klar. Insider ließen gegenüber amerikanischen Websites aber bereits durchblicken, dass es in naher Zukunft so weit sein soll. Facebook hat in seinem Hilfebereich jedenfalls schon eine Seite eingerichtet, auf der dem Nutzer auf Deutsch erklärt wird, wie „Zahlungen im Messenger“ funktionieren.

Ungewiss ist, wie das neue elektronische Überweisungssystem hierzulande angenommen wird. Denn in Sachen Datenschutz sind die Deutschen immer noch misstrauischer als die Amerikaner. „Viele Nutzer werden sich fragen, wo sie anrufen sollen, wenn eine Transaktion mal nicht klappt“, prognostiziert Brenneis. „Bei Facebook­ findet man ja nicht mal eine Telefonnummer.“

Anne Grüneberg

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