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Netzwelt „Facebook macht blöd, blind und erfolglos“
Nachrichten Medien Netzwelt „Facebook macht blöd, blind und erfolglos“
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14:46 17.05.2013
Anitra Eggler gibt in ihrem Buch Tipps, wie man mit der Facebook-Sucht umgeht. Quelle: oh
Berlin

Die Wellen prallen an die Felswand, langsam versinkt die Sonne im Meer. Der Himmel ist rot-lila-blau, ein Naturschauspiel, eigentlich könnte der Beobachter genau jetzt innehalten und genießen. „Doch anstatt das zu tun, reißen wir die Handykamera raus“, sagt Anitra Eggler. Schnell auf Facebook geladen und dann darauf warten: Drückt jemand „Gefällt mir“? „Wenn keine Likes kommen, sind wir traurig. Und der Sonnenuntergang vorbei.“

Eggler sitzt in einem Café am Potsdamer Platz in Berlin. Am Vorabend hat sie einen Vortrag gehalten, bald geht der Flieger zum nächsten. Mal spricht sie vor Firmen, dann vor Schulklassen, mit Geschäftsführern auch, der Bedarf ist groß. Die 39-Jährige ist „Digital-Therapeutin“, gerade ist ihr Buch erschienen. Provokativer Titel: „Facebook macht blöd, blind und erfolglos“. Ihr Geschäft ist die Selbstverständlichkeit, mit der heute über soziale Netzwerke und Smartphones kommuniziert wird, oder besser: die Gefahren dabei.

„Blind werden wir, wenn wir die Einstellungen von Facebook nur übernehmen und einen Algorithmus entscheiden lassen, was für uns relevant ist“, erläutert sie. Gezeigt würden die Kontakte, mit denen man sowieso interagiert. Blöd sei das Beispiel mit Sonnenuntergang, oder was sonst so häufig auf Facebook lande. „Die kleinen dummen Drolligkeiten des Lebens: Ich habe mir neue Vorhänge gekauft. Ich war mit Person Wichtig in Restaurant Pseudowichtig.“ Eggler nennt das „Facebook-Inkontinenz. Wir erleben Dinge nicht mehr für uns, sondern denken an das Posting, an die möglichen Likes.“ Und erfolglos würde man spätestens dann, wenn man vergisst, dass jeder Bildschirmfotos machen könne. So bleibt auch ein gelöschter Post auf fremden Festplatten gespeichert – und landet im schlimmsten Fall bei Google. „Das Internet-Ich muss mit der Liebe und Weitsicht einer Premiummarke geführt werden.“

Bevor Eggler zur Digital-Therapeutin wurde, arbeitete sie auf vielen Baustellen. Marketing, Medienmanagerin, Kolumnenschreiberin, Journalistin, auch mal als Texterin für Todesanzeigen. Ihr erstes Buch hieß „E-Mail macht dumm, krank und arm“. Feindbild ist die digitale Welt aber keineswegs. „Die Technologie von Facebook ist so genial. Es kann Wissens- und Informations-Manager sein, man kann es als Media-Desktop einrichten. Andere machen das über Twitter.“ Ihr Ansatz ist eher, sich dabei gelegentlich zu hinterfragen: „Was investiere ich, was bekomme ich?“ Viele behaupteten, sie wären drei Mal täglich für wenige Minuten auf Facebook. Die Mediadaten sprechen häufig eine andere Sprache.

Vor allem bei jenen, die auch in der Firma Facebook geöffnet haben dürfen, ist es dies oft auch ganztägig. „Man muss ja alle zehn Minuten gucken, ob es noch steht.“ Grund sei eine „Steinzeitkonfiguration“ des menschlichen Hirns - Dopaminausschüttung bei Aufmerksamkeitsreiz. „Früher war das bei Jägern und Sammlern berechtigt. Wenn es da im Busch geraschelt hat, konnte das der Bär sein - Abendessen oder Tod.“ Wenn bei Facebook das rote Fähnchen leuchtet, weil jemand ein Katzenfoto gepostet hat, passiere im Hirn das selbe. „Je häufiger wir uns ablenken, umso süchtiger wird das Gehirn danach. Wir verlieren die Fähigkeit, uns zu konzentrieren.“

In den vergangenen zwei Jahren will Eggler sowieso einen grundsätzlichen Abwärtstrend beobachtet haben. Die Postings würden immer banaler, der Schwachsinn greife um sich, „den Leuten ist nicht mehr wichtig, was sie kommunizieren, sondern dass sie kommunizieren.“ Jeder sei „irgendwie genervt“. Zumal das Facebook-Ich der Nutzer oft wenig gemein habe mit der Realität. „Wir haben alle dieses schöngefärbte ‘Mein Leben ist eine Reise auf dem Clubschiff’-Ich.“ Immer sei alles super, jeder noch erfolgreicher als der andere. Erst kürzlich hatten Forscher der Technischen Universität Darmstadt und der Humboldt-Universität zu Berlin herausgefunden, dass Facebook neidisch mache und schlechte Laune verbreite. Wer im Büro sitze, empfindet die Urlaubsbilder des Kollegen eher als frustrierend.

„Ich habe aufgehört, viel zu fotografieren“, sagt Eggler. Roger Willemsen habe ihr mal gesagt, er speichere alles in sich. Das versucht sie nun auch. „Ich nehme wieder Momente für mich auf, statt sie im Kopf schon in Posting-Form zu bringen.“

Am gefährlichsten sei die stetige Facebook-Nutzung sowieso für die, die ganz selbstverständlich damit groß werden. „Wenn ich mein Selbstwertgefühl, meine Persönlichkeit, mein Ich auf Facebook entwickele, und mir niemand sagt, dass Likes nichts mit Selbstwert zu tun haben, dann haben diese junge Menschen ein Problem.“ Denn: „Im Internet wird härter gerichtet als in einer sizilianischen Dorfgemeinschaft.“

  • Anitra Egller: „Facebook macht blöd, blind und erfolglos“, 19,95 Euro, broschiert, 224 Seiten, Verlag: Orell Füssli (April 2013)

Von Sebastian Scherer

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