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Netzwelt Plädoyer für die Bezahlschranke
Nachrichten Medien Netzwelt Plädoyer für die Bezahlschranke
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00:15 28.06.2015
"Leser zahlen nur für Informationen, die anderswo nicht zu finden sind": Auf dem Kongress „Zeitung Digital 2015“ plädierte Mathieu Magnaudeix von "Mediapart" für die Bezahlschranke im Internet. Quelle: BDZV
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Potsdam

Es handelt sich dabei um diese nächste, große Idee, die keiner kennt, aber auch keiner verpassen darf, der in der digitalen Welt bestehen will. Irgendwie mit Technologie musste "the next big thing" zu tun haben. So viel schien klar zu sein. Doch plötzlich sucht Apple Redakteure, Google die Nähe zu Verlagen, und Facebook führt "instant articles" ein, um Nutzern binnen Sekundenbruchteilen und ohne Umweg über Verlagswebseiten Artikel von "Spiegel Online", "Bild" oder der "New York Times" zugänglich zu machen. "The next big thing": Es könnte der Journalismus sein.

"Journalismus als Lösung", so überschrieb Mathieu Magnaudeix seinen Vortrag beim Kongress "Zeitung Digital 2015" in Potsdam. Der Journalist von "Mediapart" in Frankreich begeisterte die Verlagsvertreter nicht nur durch spürbare Leidenschaft für seinen Beruf. Er belegte den Erfolg der 2008 gestarteten digitalen Zeitung mit Fakten: 115.000 Abonnenten zahlen jährlich zwischen 60 und 100 Euro für das Angebot, das im Jahr 2014 bei 9 Millionen Euro Umsatz 1,5 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet hat.

Werbung allein reicht nicht

Magnaudeix zeigte sich überzeugt, dass sich die Verlage in ihrer Annahme geirrt hätten, sich online allein durch Werbung finanzieren zu können: Das habe nicht nur Arbeitsplätze von Journalisten zerstört, sagte Magnaudeix, sondern sei auch schlecht für den Leser, der „immer und überall dieselben News erhält“, vermischt mit Klatsch und Unterhaltung, um möglichst viele Klicks zu erzielen. Klicks sind die Währung der Werbeindustrie.

Inzwischen sind sich die meisten Verlage bewusst, dass es ein Trugschluss war, sich allein auf Werbeeinnahmen zu verlassen. Auch bei den gedruckten Zeitungen gilt die Regel nicht mehr, wonach zwei Drittel der Einnahmen durch Werbung und ein Drittel durch den Verkauf erzielt werden. Längst hat sich das Verhältnis umgedreht. Online finanzieren die Werbeeinnahmen sowieso in den wenigsten Fällen die Kosten. Auf die Leser ist da mehr Verlass. Zwei Fragen plagen daher Verlagsvertreter derzeit am meisten: Wofür sind Nutzer bereit, Geld zu zahlen? Sollte man zusätzlich zu den Digital-Abos Nutzern ermöglichen, für einzelne Artikel zu zahlen?

Mathieu Magnaudeix verriet, was aus seiner Sicht den Erfolg von "Mediapart" ausmacht: Die Unabhängigkeit von wirtschaftlichen und politischen Eliten nannte er zuvorderst, aber auch den permanenten Dialog mit den Lesern, das Ausnutzen aller digitalen Erzählformen und -mitteln wie Videos und Datenjournalismus. Vor allem aber sei existenziell, sagte er, auf erfahrene Journalisten zu setzen, die sich in ihrem Fachbereich auskennen und Zeit zum Recherchieren haben.

Steigende Abo-Zahlen

Schließlich präsentierte Magnaudeix eine Grafik. Er erinnerte an die von "Mediapart" enthüllte und intensiv mit Berichterstattung begleitete Bettencourt-Affäre um illegale Parteispenden. 2010 war das, und seither stieg die Abonnentenzahl (und mit ihr die Zahl der angestellten Journalisten) stufenweise mit jeder exklusiven Geschichte - 2012 geradezu sprunghaft nach dem exklusiven Bericht über ein Schweizer Konto des Finanzministers Jérôme Cahuzac und dem Verdacht auf Steuerhinterziehung.

Am Mittwoch schlug "Mediapart" erneut zu. Gemeinsam mit "Libération" enthüllte die Digitalzeitung in Frankreich die Wikileaks-Dokumente, die belegen, wie der US-Geheimdienst NSA Frankreichs Regierungsspitze ausspähte. Scoops dieser Art sind freilich nicht alltäglich. Doch seien von Mal zu Mal neue Abonnenten hinzugekommen, die sich dann von der Qualität der übrigen Artikel und Reportagen aus Wirtschaft, Politik und Kultur überzeugt und dadurch Vertrauen in das Medium gewonnen hätten. Sein Fazit: Der Leser komme, und er zahle auch. "Aber nur für Informationen, die anderswo gratis nicht zu finden sind."

Von Ulrike Simon

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