Volltextsuche über das Angebot:

21°/ 14° Gewitter

Navigation:
"Im Strafgesetzbuch kommt Internet nicht vor"

Cyberkriminalität "Im Strafgesetzbuch kommt Internet nicht vor"

Kinderpornografie, Waffenhandel, Online-Dienstleister für Hacker und Erpresser: Das Darknet zieht Verbrecher aller Art an. Ihre Gegenspieler: Eine Handvoll Staatsanwälte – Deutschlands Spezialeinheit gegen die weltweite Internetkriminalität.

Voriger Artikel
Nutzer melden WhatsApp-Störung
Nächster Artikel
Trojaner "Locky" tarnt sich als Mail vom BKA

Im Dachgeschoss eines Bürobaus in Gießen sitzt Deutschlands zentrale Einheit gegen Internetkriminalität. Sie ermittelt gegen Kinderporno-Händler und Wirtschaftskriminelle.

Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Gießen. Und auf einmal, in diesem Moment, ist Benjamin Krause ganz nah dran. Wochenlang hat er auf diesen Moment hingearbeitet. Hat sich als Liebhaber jener Bilder ausgegeben, auf denen nackte Kinder zu sehen sind. Oder, mehr noch, auf denen sie angefasst werden, missbraucht, vergewaltigt. Es seien Bilder seines eigenen Sohnes, hatte der Mann geschrieben, und Krause hatte geantwortet, ja, diese Bilder wolle er. Und jetzt füllt sich sein Monitor, Bild um Bild fliegt herüber, die Verbindung steht, der Mann sitzt am Rechner, irgendwo auf der Welt, und liefert.

Wäre dies eine Szene auf der Straße, und wäre der Mann zum Beispiel ein Dieb und Krause ein Polizist, dann könnte man sagen: Jetzt hat er ihn. Es ist, als habe Krause ihn frischer Tat ertappt und als müsse er jetzt noch zugreifen.

Aber diese Szene spielt nicht auf der Straße, sie spielt in einer dunklen Ecke des Internets. Und deshalb ist der Staatsanwalt Benjamin Krause im selben Moment auch mit dem Provider des Mannes verbunden. Er hat die IP-Adresse des Kinderporno-Händlers, die digitale Signatur, jetzt braucht er nur noch den Namen, den soll ihm der Provider geben. "Können wir nicht", hört er jedoch nur. "Speichern wir nicht." Es ist grotesk: Krause kann dem Verbrecher gleichsam zusehen, er hat den Kinderschänder in der Hand - und dann kann er ihn doch nicht festhalten.

"Sehr ernüchternde Momente"

"Wenn man in diesem Bereich ermittelt", sagt Krause, "dann gibt es sehr ernüchternde Momente."

Staatsanwalt Benjamin Krause, Mitte dreißig, Dreitagebart, junges Gesicht unter leicht erhöhter Stirn, macht Jagd auf Kinderpornohändler, Erpresser, Wirtschaftskriminelle im Netz. Nicht um die kleinen Fälle soll er sich kümmern, nur um die großen. Deshalb geht es in der Geschichte über ihn vor allem um Grenzen. Grenzen, die erst noch gezogen werden müssen, weil die Kriminellen im Netz so aktiv und so einfallsreich sind, dass die alten Regeln für sie längst nicht mehr passen. Und um die Grenzen muss es gehen, an die Krause und die anderen Ermittler immer wieder stoßen. "Unsere Rechtsordnung ist einfach nicht auf dem Stand von Crime 2.0", sagt sein Kollege Georg Ungefuk.

Beide gehören zur Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der hessischen Generalstaatsanwaltschaft. Deutschlands Antwort auf die weltweite Cyberkriminalität residiert in einem weißen Büro in einem beigen Siebziger-Jahre-Plattenbau in der hessischen Provinzstadt Gießen - im vierten Obergeschoss, gleich unter dem Dach. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Die ersten zwei Etagen belegt die Gerichtskasse. Dann kommt die Bewährungshilfe, schließlich die "ZIT", wie sie genannt wird. Die Büros: Rau­faser-Tapete, grauer PVC-Boden, Furnier-Schreibtisch, einfacher PC. "Ausstattung Justiz Hessen Standard", sagt Krause. "Plus Scanner." Unspektakulärer könnte der Auftritt von Deutschlands modernster Spezialeinheit gegen die Kriminalität im Netz kaum sein.

Ermittler schlagen erneut zu

Wann immer das Bundeskriminalamt in einem besonders umfangreichen Verbrechen ermittelt oder der eigentliche Tatort nicht festzustellen ist - was bei Internetkriminalität fast die Regel ist -, dann landet der Fall in Gießen. Der "Geisterwald"-Fall, das größte jemals in Deutschland geführte Kinderporno-Verfahren, der Fall Edathy, die jüngsten Ermittlungen gegen die Erpresser von Online-Shops, all das landete auf ihren schmucklosen Schreibtischen. In den vergangenen Tagen haben die Ermittler erneut zugeschlagen und in Deutschland und im Ausland Internethändler von Waffen, Drogen und gefälschten Ausweisen verhaftet. 69 Wohnungen und Firmenräume haben sie nach wochenlangen Ermittlungen im sogenannten Darknet durchsucht und neun Tatverdächtige festgenommen. "Damit ist es uns erstmals gelungen, so viele Beteiligte und Nutzer von Foren der Untergrundwirtschaft zu identifizieren und den Betreiber festzunehmen", erklärte der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, Oberstaatsanwalt Andreas May.

Gegründet wurde die ZIT 2010, als Projekt zweier engagierter Staatsanwälte. Es war die Reaktion darauf, dass da offensichtlich ein krimineller Raum mit sehr eigenen Regeln entstand - der sehr schnell wuchs. Jeder fünfte Bürger in Deutschland ist bereits einmal Opfer einer Cyber-Attacke geworden, ergab eine Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Auf knapp 400 Milliarden Euro schätzt die Allianz in diesem Jahr den weltweiten Schaden durch Cybercrime. "Das Internet ist der größte Tatort der Welt, der ideale Ort für Kriminelle", sagt Ungefuk. Verwinkelt, effizient, mit vielen dunklen Ecken. Zu fünft versuchen sie bei der ZIT, diesen virtuellen Raum zu kontrollieren. 1000 Verfahren schaffen sie im Jahr. Die Zahl ist seit Längerem konstant. Einfach weil sie nicht mehr schaffen. "Wir sind der Flaschenhals, durch den alles durch muss", sagt Krause.

Wo ist nun der Tatort?

Es ist ein eigenartiger Kampf, den die deutsche Justiz gegen die Kriminellen im Netz führt. Da stehen auf der einen Seite Polizisten und Staatsanwälte, die nach Ländern oder Gerichtsbezirken organisiert sind, nach den Strukturen des 19. Jahrhunderts, in dieser Welt gibt es Grenzen über Grenzen. Und diese Ermittler stehen nun Kriminellen gegenüber, für die Grenzen nicht existieren, die, zum Beispiel, in Kanada sitzen, ihre Nachrichten über Server in der ganzen Welt laufen lassen, um ihre Bilder schließlich in Deutschland zu verkaufen. Und wo ist nun der Tatort? Schwierig, sehr schwierig.

Vor ein paar Wochen ist ihnen ein großer Erfolg gelungen. In Bosnien-Herzegowina haben ZIT und BKA einen 32-Jährigen festnehmen lassen, der Unternehmen erpresst hatte, indem er drohte, ihre Online-Shops lahmzulegen. Mit Beamten aus den USA, Großbritannien und Österreich haben sie dazu gemeinsam ermittelt, die Zusammenarbeit klappt gut, inzwischen. Nur dass sich Krause und Ungefuk dann immer schräge Blicke gefallen lassen müssen. Sagt ein US-Kollege zum Beispiel: Hier habe ich eine IP-Adresse, schaut doch mal, wer die benutzt hat, dann müssen sie sagen: Sorry, können wir nicht. Mit der Vorratsdatenspeicherung könnten sie das. Damit werden Verbindungsdaten bis zu zehn Wochen gespeichert. Die hat der Bundestag im Herbst beschlossen. Aber es gibt Übergangsfristen von eineinhalb Jahren. Und es gibt Klagen beim Bundesverfassungsgericht. Vielleicht wird die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland nie richtig gelten. Bis dahin ist es für Krause und Ungefuk so, als jagten sie Kriminelle, die ständig die Kennzeichen ihrer Flucht-Porsches wechseln, und sie dürfen sich kein einziges aufschreiben. Die Beamten in Gießen sind sie mit dem Fahrrad unterwegs. "Wir Deutsche brauchen bei der internationalen Zusammenarbeit immer eine Extrawurst", sagt Krause. "Das ist extrem unangenehm."

Vebrechen als Dienstleistung

Es gibt Tage, an denen muss sich Krause durch Tausende Fotos und Filme klicken. Bilder, auf denen Kinder gequält werden. Krause, selbst Vater zweier Kinder, muss dann Ausschau halten. Nach Zeichen, die ihm einen Ort verraten, eine Identität, eine Beziehung. Nach einer Lokalzeitung zum Beispiel, die zufällig irgendwo auf dem Tisch liegt. Nach Radionachrichten, die irgendwo im Hintergrund laufen. Welche Sprache ist das? Welcher Sender? Wo wird er empfangen? Manchmal schicken sie Fotos der Opfer dann an Schulen, vielleicht erkennt ein Lehrer sie. Einmal haben sie einen Lippenleser engagiert, der entziffern sollte, was eines der Opfer zu seinem Peiniger sagt. "Es war Papa", sagt Krause. Das war ein wichtiger Hinweis.

Noch schwieriger und aufwendiger sind die Ermittlungen gegen jene, die zum Beispiel deutsche Krankenhäuser erpressen, indem sie drohen, Netzwerke lahmzulegen und ihre Patientenakten auszulesen. Weil die Täter keine Anfänger mehr sind, wie noch vor zehn Jahren, sondern aufwendige Verschlüsselungstechniken nutzen. Und weil Georg Ungefuk vielleicht erst wochenlang ermittelt und es dann gar keinen Paragraphen gibt, der auf das Vorgehen der Täter passt. Die neueste Masche ist, sich die Werkzeuge seines Verbrechens in den dunklen Ecken des Netzes zusammenzukaufen. Botnetze, Server, Wissen. "Crime as a service", nennt man das. Verbrechen als Dienstleistung. Aber wo fängt das Verbrechen an? Wo hört es auf?

"Im Strafgesetzbuch kommt das Wort Internet nicht vor"

Auf die Strafbarkeitslücke bei der Datenhehlerei hat die ZIT aufmerksam gemacht. Wenn jemand ausgespähte Passwörter verkauft, dann ist das seit Herbst strafbar. Das Gesetz, von ihnen mit angestoßen, ging auf die Initiative Hessens zurück. Aber die Täter sind schon wieder weiter. "Im Strafgesetzbuch", sagt Ungefuk, "kommt das Wort Internet nicht vor."

Den Täter, dem Benjamin Krause so nah war, haben sie am Ende dennoch gefunden. Das Opfer trug auf einem Bild eine Schirmmütze. Das Logo darauf stammte von einer Sommerfreizeit. Darüber fanden sie die Veranstalter, dann die Namen der Teilnehmer. Der Missbrauch lag schon länger zurück, die Verzögerung kostete kein neues Leid. "Aber es hätte", sagt Krause, "auch so viel einfacher und schneller gehen können."

"Darknet" – ein Hort der Verbrecher

Das "Darknet" ist so etwas wie der nicht sichtbare Teil des Internets. Die Seiten, Foren und Angebote werden nicht von Google oder anderen Suchmaschinen gefunden. Anders als im offenen World Wide Web werden im "dunklen Netz" wie in einer Art Paralleluniversum abgeschirmte Verbindungen hergestellt, auf die man von außen nicht ohne Weiteres zugreifen kann. In der Regel benötigt man eine Einladung, um Zugang zu einem Darknet zu erhalten. "Ermittlungen in diesem Bereich werden vor allem dadurch erschwert, dass die Täter dank sogenannter Nicknames im Darknet weitestgehend anonym handeln können", erklärt der Leiter des Fachbereichs ­Cybercrime im Bundeskriminalamt, Carsten Meywirth.

Traditionell gibt es eine enge Verbindung zwischen illegalen Tauschbörsen und dem Darknet. Dort werden heute auch gestohlene Zugänge zu Videodiensten wie Netflix und Amazon, aber auch erbeutete Kreditkartennummern oder PayPal-Zugänge offeriert. Es geht in dem abgelegenen Winkel des Internets aber auch um gravierende Straftaten wie illegalen Drogen- oder Waffenhandel.

Für den Zugriff auf das "Netz der Finsternis" verwenden viele Anwender das "Tor"-Netz. "Tor" wird allerdings auch von denjenigen benutzt, die ein völlig legitimes Interesse an einer geschützten Kommunikation haben, etwa Menschenrechtsaktivisten oder User in Unrechtsstaaten. "Tor" steht für "The Onion Router" und wird als freie offene Software angeboten, mit der man sich einen verschlungenen Weg durch Tausende Computer von Freiwilligen suchen kann. Die Daten werden von einer Verschlüsselung nach der anderen umhüllt und wieder befreit, daher der Namensvergleich mit der Zwiebel (Onion). Überwacher können kaum rekonstruieren, woher der Aufruf einer bestimmten Website stammt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Neue Masche von Internetbetrügern
Foto:In sozialen Netzwerken wie Facebook locken Betrüger Nutzer in die Falle, indem sie schlichtweg Märchen erfinden.

"++SELBSTMORD++ Stefan Raab wurde der Stress zu viel" lautete der Titel einer Meldung, die jüngst auf Facebook aufpoppte. Mit derlei Schlagzeilen locken Internetbetrüger Nutzer in die Falle – hinter den Falschmeldungen verstecken sich häufig gefährliche Trojaner.

mehr
Mehr aus Netzwelt
Das sind Deutschlands beliebteste Nachrichtensprecher

"Wer ist ihr Lieblings-Nachrichtensprecher im Deutschen Fernsehen?", hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov gefragt. Ein Anchorman hat seine Konkurrenten mühelos abgehängt.

Anzeige
Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen