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07:50 27.10.2011
Klagemauer 2.0: Der israelische Student Alon Nir bringt Twitter Nachrichten zur Klagemauer in Jerusalem. Quelle: dpa
Jerusalem

Millionen von Menschen besuchen jedes Jahr die heiligste jüdische Stätte in Jerusalem, um ihre Gebete dort zu platzieren. In den Ritzen der Klagemauer stecken Tausende zusammengefalteter Zettelchen. Doch immer mehr Nachrichten werden auf digitalem Umweg an Gott gerichtet: per E-Mail, Twitter oder Smartphone-App. Die Rabbiner der Klagemauer bringen täglich Gebete zur Mauer, die ihnen per Mail oder mit einem Formular auf der Webseite der Klagemauer zugesandt worden sind.

Der israelische Student Alon Nir bietet seit zwei Jahren den kostenlosen Service „Tweet your Prayer“ an. Jeder kann ihm über den Kurznachrichtendienst Twitter Gebete in den zulässigen 140 Zeichen senden. „Ich möchte die Mauer so zugänglich wie möglich machen“, sagt der 27-Jährige aus Tel Aviv.

Im Sommer 2009 verfolgte er, wie sich die iranische Revolution über Twitter organisierte. Da erkannte er, dass der Dienst nicht nur eine Plattform für persönliche Nachrichten ist. „Ich fand es spannend, eine Verbindung zu schaffen, die niemand erwartet: hier die mehr als 2000 Jahre alte Mauer, dort die modernste Technik.“ Seitdem wird Nir von Gebeten aus aller Welt bombardiert - und bringt sie alle paar Tage nach Jerusalem.

Mit einer Kippa auf dem Kopf kniet der Israeli an der hohen Mauer aus Kalksteinquadern. Er öffnet eine Holzkiste mit etwa Tausend Röllchen, die wie Lose aussehen, und steckt sie in eine besonders tiefe Mauerritze. „Zweimal im Jahr wird die Mauer zwar geleert, aber es ist kaum möglich, sie hier wieder herauszubekommen.“

Etwa 100 bis 200 digitale Gebete erhält Nir jeden Tag - manche auf japanisch oder chinesisch. Bei 100.000 Nachrichten habe er aufgehört zu zählen. „Die meisten kommen aus den USA und Brasilien, aber auch aus England, Frankreich, Deutschland oder Israel selbst“, sagt er. Auch Christen, Muslime, Buddhisten oder Anhänger der japanischen Shinto-Religion hätten ihn schon kontaktiert.

Die meisten Gebete erhält Nir nicht als öffentlichen Tweet, sondern als Privatnachricht - diese liest er nicht, denn nach jüdischem Glauben sind die Zettel an der Klagemauer nur für Gott bestimmt. „Ich würde auch nicht wollen, dass Fremde meine Ängste und Wünsche erfahren“, sagt er pragmatisch. Eine Software durchsucht die Nachrichten nach Schlagwörtern - denn Obszönitäten oder antisemitische Hetze sollen keinen Platz in der Klagemauer finden.

Wie der 27-Jährige durch die öffentlichen Gebete und E-Mails weiß, sind die Wünsche vielfältig. „Manche bitten um die großen Dinge wie Weltfrieden, Liebe oder Gesundheit. Gerade aus den USA kommen aber auch viele Tweets mit finanziellen Sorgen, weil jemand sein Haus verliert oder seinen Job.“ Auch vor Feiertagen oder bei Katastrophen wie den Erdbeben in Haiti oder Fukushima steige die Zahl der Gebete sprungartig an.

„Zu wissen, dass ihr Gebet in der Klagemauer steckt, gibt vielen Menschen Energie“, sagt Nir. Das sei auch seine Motivation für den Zeitaufwand, unter dem auch schon seine Noten gelitten hätten. „Es ist eine unendliche Aufgabe und eine Last. Aber es macht mich auch glücklich, dass ich mit einer so kleinen Sache das Leben von vielen verändern kann.“

dpa

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