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Die Netten des Internets sind aufgewacht

Leitartikel Die Netten des Internets sind aufgewacht

Die Internet-Community hat die Anti-Nazi-Hymne "Schrei nach Liebe" auf Platz Eins der Charts gehoben. Es ist ein Symbol für den Kampf gegen rechte Hetze im Netz, der endlich begonnen hat. Der Hashtag #refugeeswelcome geht durch Europa, aber wo bleibt die politische Einmischung?

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Das gab es noch nie: Nach 22 Jahren war "Schrei nach Liebe" von den Ärzten kurzzeitig auf Platz Eins der deutschen Charts.

Quelle: Picture Alliance

Hannover. Die Netten des Internets sind aufgewacht, endlich. Monatelang dominierten rechte Stammtischreden, blanker Rassismus und sogar NS-Verherrlichung die Flüchtlingsdebatte in den sozialen Netzwerken, jetzt ist der digitale Widerstand da. Der beste Beweis dafür ist die Rückkehr der Anti-Nazi-Hymne "Schrei nach Liebe" der "Ärzte". In Berlin und Duisburg, Kiel und Leipzig, Hannover und München finden sich derzeit Menschen auf Plätzen, Fußgängerzonen und sogar in Altersheimen zusammen, singen und stellen Videos davon ins Netz. Sie haben "Schrei nach Liebe" so häufig gekauft, dass der Song seit einer Woche auf Platz eins der deutschen Charts steht.

Schon einmal war der "Ärzte"-Hit Soundtrack des Widerstands. Als er vor 22 Jahren erschien, war die Stimmung in Deutschland ähnlich wie heute: Der rechte Mob hatten Unterkünfte von Asylbewerbern in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen angegriffen. Heute heißen diese Orte Heidenau und Salzhemmendorf und die Schutzsuchenden Refugees, aber der Hass ist der gleiche.

Wer im Netz hetzt, will Feuer legen

In den neunziger Jahren schrieb man Flyer und Transparente, heute verbreitet sich das Hashtag #refugeeswelcome über ganz Europa. Promis wie Jan Böhmermann, Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf produzieren aufwendige Videos mit Toleranz-Botschaften, und sogar die Erzfeinde Schalke 04 und Borussia Dortmund sprechen mit einer Stimme. Zu den Netten des Netzes gehören aber vor allem Abertausende unbekannte Aktivisten – wie jener Musiklehrer aus Niedersachsen, der hinter dem Charterfolg von "Schrei nach Liebe" steht. Er baute eine Facebook-Seite und twitterte seinen Appell, den "Ärzte"-Song herunterzuladen. Es bedurfte wenige Klicks, und die "Aktion Arschloch" erreichte Hunderttausende.

In der Flüchtlingsdebatte geht es im Internet um mehr als das Buzzfeed-Prinzip, um mehr als den affektiven Like auf Botschaften wie "Kein weiteres Kind darf sterben", um mehr als das emotionale Wohlfühlbonbon für zwischendurch. In der humanitären Krise, in die Europa gerade schlittert, geht es in den sozialen Medien um die gesellschaftliche Deutungshoheit – mit allen Mitteln. Toleranzbotschaften zu posten und Hashtags zu besetzen, hat nichts mit Selbstbeweihräucherung zu tun. Es ist unerlässlich, dem braunen Stammtisch zu widersprechen. Wer im Netz hetzt, der will Feuer legen – digital und real.

Die Netten scheuen die Politik

Der Aktivismus der Netten trägt ganz reale Früchte, nicht nur in den Charts. So wäre die schnelle Organisation der freiwilligen Helfer am Wiener West- und am Münchner Hauptbahnhof ohne Facebookgruppen nicht möglich gewesen. In vielen anderen Städten laufen ähnliche Großaktionen gerade an. Und eine weitere Perspektive darf nicht fehlen: Für die Flüchtenden ist das Internet oft überlebensnotwendig. Es ist der einzige Draht zu ihren Familien; hier verknüpfen sie sich mit anderen Schutzsuchenden, bekommen Warnungen vor kriminellen Schleusern und gefährlichen Routen.

Dennoch: Kein "Schrei nach Liebe" wird die deutschen Grenzen wieder öffnen können. Der im Netz erwachte Widerstand gegen rechts allein kann keine tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen herbeiführen – und schon gar nicht die Hetze aus dem Web verbannen. Solange Facebook nicht seine eigenen Regeln befolgt und sich Rassismus und Volksverhetzung entgegen stellt, wird es ein Forum für den Mob bleiben. Bisher mischen sich die Netten nicht in der realen Welt in politische Prozesse ein – wie 1993, als Hunderttausende gegen die de-facto-Abschaffung des Asylrechts auf die Straße gingen. Die Pläne der Bundesregierung zur Verschärfung des Regelwerks sollten dazu Anlass genug sein. Dieser Aufschrei ist kaum zu hören.

Ann-Kathrin Seidel

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