Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Geld und gute Worte

Crowdfunding-Projekt für Onlinejournalismus Geld und gute Worte

„Krautreporter“: Namhafte Blogger starten am Dienstag das bisher größte Crowdfunding-Projekt für Onlinejournalismus. Das Start-up soll eine Art Indie-Label für Netzjournalismus werden und will ohne Werbung auskommen.

Voriger Artikel
Snowden soll Ehrenmitglied werden
Nächster Artikel
Sie haben das Recht, dass Google Sie vergisst

Ein Indie-Label für Onlinejournalismus: Zu „Krautreporter“ gehören (von links oben im Uhrzeigersinn) Theresia Enzensberger, Jens Weinreich, Andrea Hanna Hünniger, Christoph Koch, Peer Schader, Thomas Wiegold, Stefan Niggemeier und Theresa Bäuerlein.

Quelle: HAZ

Berlin. Es muss doch auch ohne gehen. Ohne Katzenbilder und Alarmüberschriften. Ohne aufpoppende „Farmerama“-Werbung. Ohne „Die 36 schlechtesten Anmachsprüche“. Ohne „Dieses Video müssen Sie unbedingt sehen, bei 1:30 konnte ich nicht mehr!“. Ohne schrille Content-Klickbröckchen also, die mehr versprechen, als sie halten. Und auch ohne die mal mehr, mal weniger hilfreiche Maschinerie eines Verlagshauses im Hintergrund. Ein unabhängiges, reklamefreies Onlinemagazin für hochwertige Texte und Filme, das von seinen Lesern finanziert wird – das müsse doch funktionieren. Das war der Grundgedanke von „Krautreporter“.

Und so starten heute 30 namhafte deutsche Journalisten und Blogger das bisher größte hiesige Crowdfundingprojekt im Journalismus. Gesucht werden 15 000 Abonnenten, die sich bis zum 13. Juni verpflichten, ein Jahr lang fünf Euro monatlich für „Krautreporter“ zu zahlen. Mit im Boot sind Autoren wie Theresa Bäuerlein (34, „Neon“, „Nido“, „Tussikratie“), Johannes Ehrmann (31, Grimme-Online-Award für den „11 Freunde-Liveticker“), Richard Gutjahr (ARD, WDR, Blogger), Tilo Jung (29, Talkreihe „Jung & Naiv“), Christoph Koch (39, „Neon“, „brand eins“), Medienjournalist Stefan Niggemeier (45), TV- und Supermarktexperte Peer Schader (37) sowie der Sportfachmann und Blogger Jens Weinreich (49). Sie sollen mindestens einen großen Text wöchentlich liefern und bekommen dafür Pauschalen von bis zu 2500 Euro im Monat. Vorbild ist das niederländische Netzmagazin „De Correspondent“, das 2013 schnell 17 000 Unterstützer fand und inzwischen 30 000 Abonnenten zählt.

Geplante Inhalte der „Krautreporter“: aktuelle Debattenbeiträge, Erklärstücke, Reportagen, Porträts. Die Initiatoren sind Sebastian Esser (Medienmagazin „V.i.S.d.P.“) und Philipp Schwörbel, der Gründer des sublokalen Berliner Blogs „Prenzlauer Berg Nachrichten“. Redaktionsleiter wird der ­frühere „Wired“-Chefredakteur Alexander von Streit. „Wir wollen keine weitere Eilmeldungsmaschine erschaffen“, sagt Esser, „sondern mit ruhigem Blick die Geschichten aufgreifen, die online zu selten erzählt werden.“

„Es soll kein aus der Zeit gefallenes Schönheitsmagazin werden“, sagt auch Niggemeier. Die Redaktion in Berlin werde tagesaktuell planen, es gebe ein Korrektorat, eine Bildredaktion, halbfeste Strukturen. Und keine Werbung. „Sonst müssten wir Texte produzieren, die möglichst gut von Google gefunden und von vielen geklickt werden“, heißt es in einer Erklärung. „Das versuchen im Internet schon zu viele.“ Eine Art Indie-Label für Netzjournalismus also soll  das Start-up „Krautreporter“ werden – Antiboulevard für Pop-up-Hasser. Klingt ambitioniert – und riskant. Denn mit einem Strauß bunter Liebhaberthemen allein wird kaum Geld zu verdienen sein, das wissen auch die Macher. Und solange das beherrschende Thema des unabhängigen Netzjournalismus der Netzjournalismus selbst ist, droht die berühmte Metaebenenfalle. Andererseits: Einen Versuch ist die Sache wert.  Die meisten Inhalte sind frei für alle, Abonnenten bekommen jedoch Exklusivstorys, gehören zur „Krautreporter“-Community und werden zu Veranstaltungen eingeladen.

Auf der Suche nach einem Erlösmodell orientiert sich die Netzelite also an einem in der Printwelt etablierten Verfahren: dem Erfolgsmodell Abonnement. Auch Journalismus für Leser ist keine Neuerfindung. Nicht jeder Großverlag sieht sein Heil in Tierfutter, viele Medienkonzerne glauben auch weiterhin daran, dass sich mit Qualitätsjournalismus Geld verdienen lässt. Im Grunde also bewegen sich zwei Welten aufeinander zu: Die „Krautreporter“ bauen verlagsähnliche Strukturen auf (nur ohne Anzeigenabteilung), während Medienkonzerne versuchen, sich Tempo und Flexibilität der Bloggerszene zu eigen zu machen. Das Ziel ist dasselbe: Autoren zu Marken zu machen. Und mit digitalem Journalismus Geld zu verdienen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Crowdfunding-Projekt für Online-Magazin
Foto: 15.000 Unterstützer in einem Monat: das Projekt „Krautreporter“ will sich über Crowdfunding-Mittel finanzieren.

Das Projekt Krautreporter hat es geschafft: Im Internet sammelten die Macher fast eine Million Euro für ein neues Online-Magazin. Am frühen Freitagnachmittag erreichte Krautreporter das Ziel von 15.000 Unterstützern.

mehr
Mehr aus Netzwelt
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.