Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Netzwelt Kunst kaufen? Aber sicher
Nachrichten Medien Netzwelt Kunst kaufen? Aber sicher
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:02 28.07.2018
Kunstsammler und Investoren haben in der Schweiz eine neue Technologie entwickelt, die das Fälschen von Kunstwerken in Zukunft unmöglich machen soll. Quelle: 4ART Technologies
Berlin

Wolfgang Beltracchi (67) gilt als einer der raffiniertesten Kunstfälscher der Neuzeit. Über drei Jahrzehnte malte der Ex-Hippie Bilder im Stil von Malern wie Max Ernst, Heinrich Campendonk oder Max Pechstein und verkaufte sie für Millionen.

Als seine Fälschungen aufflogen, war der Kunsthandel erschüttert. Beltracci musste ins Gefängnis – doch gefälscht und betrogen wird weiterhin in der Welt der Kunst. Mehr denn je. Experten schätzen, dass 30 bis 50 Prozent aller Werke, die derzeit auf dem Kunstmarkt gehandelt werden, gefälscht sind oder aufgrund unvollständiger und diffuser Herkunftsangaben nicht eindeutig als Originale verifiziert werden können.

Und der Markt boomt: Im vergangenen Jahr lag das Umsatzvolumen bei 63,7 Milliarden Dollar weltweit, allein zum Vorjahr eine Steigerung von 17 Prozent. Denn der Markt lockt nicht nur Kunstliebhaber und Sammler an, sondern auch immer mehr Anleger und Spekulanten. Und immer mehr Betrüger.

Ein unverwechselbarer Fingerabdruck für Gemälde

Doch damit könnte bald Schluss sein. Kunstsammler und Investoren haben in der Schweiz eine neue Technologie entwickelt, die das Fälschen von Kunstwerken in Zukunft unmöglich machen und überdies den oft undurchsichtigen Handel bis in die kleinste Transaktion transparent machen soll.

Kernstück dieser 4ARTechnologies ist ein Verfahren, das jedes Bild in seine strukturellen, materiellen und texturalen Eigenschaften sowie sein Farbspektrum zerlegt. Am Ende steht ein “Fingerabdruck“, der wie beim Menschen einmalig und unverwechselbar ist.

Ist ein Bild erst einmal gescannt und in einer Datenbank gespeichert, genügen ein Smartphone und die dazu gehörende App, um es als echt oder falsch zu identifizieren. Gespeichert wird dieser Fingerabdruck auf einer Blockchain, einer im Netz hinterlegten Datenkette, die im Gegensatz zu herkömmlichen zen­tralen Datenbanken jede neue Information unveränderbar aneinanderreiht und so gegen nachträgliche Manipulationen gefeit ist.

Hat mit seinen Fälschungen den Kunstmarkt erschüttert: Der Maler Wolfgang Beltracchi. Quelle: dpa

Zusammen mit allen anderen relevanten Informationen des Bildes wie etwa Herkunft, bisherige Besitzer oder Restaurationen erhält jedes Kunstwerk so seinen fälschungssicheren “biome­trischen Pass“. Technischer Partner und Lizengeber dabei ist die deutsche Atlantic Zeiser GmbH, der weltweit führende Spezialist und Anbieter von Sicherheitslösungen für Banknoten und Ausweise.

Doch die 4ARTechnologies kann noch mehr, als ein falsches Bild von einem echten zu unterscheiden. Mit der App lassen sich Bilder auch auf Knopfdruck und per “Smart Contracts“ an- und verkaufen, ohne dass Käufer oder Verkäufer öffentlich in Erscheinung treten. Für viele große Kunstsammler, die anonym bleiben wollen, ist dies von unschätzbarem Vorteil.

Aber auch der Künstler selbst könnte von dieser neuen Technologie profitieren. Wie jeder andere Inhaber von geistigem Eigentum wie Schriftsteller oder Musiker sind auch Kunstschaffende berechtigt, Lizenzgebühren für ihre Werke zu erhalten. Aufgrund der bisherigen Intransparenz des Kunsthandels kommt dies aber nur selten vor. Mit den “Smart Contracts“ der 4ART-Plattform würden die Künstler jetzt automatisch benachrichtigt werden, wenn eines ihrer Bilder wieder einmal weiterverkauft wurde.

Hohe Gebühren für externe Gutachter

Der Kaufpreis im Kunsthandel ist das eine. Die hohen Zusatzkosten das andere. Bisher gilt: Verkauft ein Galerist in New York ein Bild an einen Kunstsammler in Deutschland, muss er das Werk zertifizieren, bevor er es über den Atlantik schickt. Das Gleiche gilt für den Empfänger, der sicherstellen muss, dass das Bild nicht etwa gegen eine Fälschung auf dem Transport ausgetauscht wurde.

Dabei fallen oft hohe Gebühren etwa für externe Gutachter an. Hinzu kommen die Kosten für den Spediteur und die Versicherung, die ebenfalls “per Hand“ dokumentieren müssen, in welchem Zustand sie ein Exponat in Empfang genommen oder weitergegeben haben – allein schon, um die Frage der Haftung zu klären, wenn etwa ein Kunstwerk auf dem Transport beschädigt wurde.

Bei rund sechs Millionen Transportbewegungen weltweit im vergangenen Jahr kommen dabei riesige Summen allein an diesen Zusatzgebühren zusammen. Millionen, auf die auch die Schweizer Entwickler schielen. Denn ihre App haben sie natürlich nicht nur aus reiner Liebe zur Kunst entwickelt. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Lizenzgebühren für die App und auf einer Provision für jede über die Plattform abgewickelte Transaktion.

“Neue Technologien sind nicht aufzuhalten“

“Die von den Gründern und Initiatoren aufgebrachte Investitionssumme in das Projekt liegt bisher bei 1,7 Millionen Dollar“, sagt Niko Kipouros, einer der Gründer von 4ARTechnologies. “Ab jetzt öffnen wir uns auch für externe Investoren. Der Börsengang ist für den Herbst geplant. An den Start gehen soll die Plattform Anfang kommenden Jahres.“

Vom Erfolg seiner Idee ist der ehemalige Investmentbanker überzeugt. Genauso wie sein Geschäftspartner Rolf Maier, einer der größten deutschen Kunst-Versicherungsmakler. “Wir sammeln selbst seit Jahrzehnten Kunst und kennen die Probleme des Marktes. Auch die Widerstände in der Szene, wo viele Händler und auch Künstler immer noch gern einmal ein Exponat an der Steuer vorbei verkaufen oder reiche Sammler ihr Schwarzgeld anlegen. Aber neue Technologien sind nicht aufzuhalten. Auch in der Welt der Kunst nicht“, sagt Maier.

“Denn mit jedem Bild, das wir in Zukunft scannen und zertifizieren, wird dieser graue Markt transparenter und auch für den Anleger sicherer. Und der Galerist, der sich demnächst weigert, seine Bilder mit einem biometrischen Pass auszustatten, wird sich von Käuferseite die Frage gefallen lassen müssen: warum wohl?“

Die gefälschten Bilder "Frauenportait mit Hut" (l) von Kees van Dongen und "Frauenakt, Liegender (weiblicher) Akt mit Katze" von Max Pechstein aus der angeblichen “Sammlung Jägers“. Quelle: dpa

So revolutionär und sicher die neue App auch sein mag, einen Betrüger wie Wolfgang Beltracchi hätte auch sie nicht verhindern können. Das Malen falscher Bilder war für ihn nur Nebensache. Seine Masche war, angeblich verschollene Bilder bekannter Maler entdeckt zu haben und ihnen eine falsche Legende zu geben.

Wenn heute wieder einmal ein “Meisterwerk aus einer von den Nazis requirierten jüdischen Kunstsammlung“ auftaucht, wird auch die neue App nicht wissen, ob es wirklich jemals existiert hat. Noch nicht. Denn wenn zukünftig alle Werksverzeichnisse digital gespeichert sind, wird es auch für einen Beltracchi unmöglich sein, einfach neue Bilder zu erfinden.

Von Udo Röbel

Das ZDF ist Ziel eines Hackerangriffs geworden. Auch der Westdeutsche Rundfunk soll von russischen Hackern angegriffen worden sein.

27.07.2018

Twitter hat eine Million monatlich aktive Nutzer verloren. Als Grund nannte das Unternehmen unter anderem seine intensiven Maßnahmen gegen Hetze und Spam. Dafür verdiente Twitter aber besser als erwartet.

27.07.2018

Fast eine halbe Million Beschwerden sind nach Inkrafttreten des NetzDGs bei Facebook, Twitter und YouTube eingegangen. Doch ein Großteil der gemeldeten Inhalte wurde nicht gelöscht oder blockiert.

27.07.2018