Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Netzwelt Facebook für Bauern
Nachrichten Medien Netzwelt Facebook für Bauern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:52 07.01.2016
Landwirte berichten bei Facebook über ihre Arbeit. Quelle: Screenshot
Anzeige
Weisweil

Wenn Jutta Zeisset ein Foto auf ihre Facebook-Seite stellt, dann sieht man darauf meist ganz einfache Dinge: tiefrote Äpfel und Raureif zum Beispiel oder Teigklumpen, Mehl und einen Steinofen. Motive, die etwas von Jahreszeiten erzählen sollen und vom Lauf der Natur. "Man kann auf diese Weise Nähe und Kundenbindung erzeugen", sagt Zeisset. Sie betreibt einen Hofladen im baden-württembergischen Weisweil und gibt Social-Media-Seminare für Landwirte. Etwa 15 bis 20 Menschen sitzen durchschnittlich in den Kursen, die sie im Auftrag der Landfrauenbewegung und des Deutschen Bauernverbandes veranstaltet - 2014 kürten die Landfrauen sie zur "Unternehmerin des Jahres".

Während ein Internet- und ein Social-Media-Auftritt in anderen Branchen längst schon üblich ist, machen sich viele Landwirte erst jetzt mit der Materie vertraut. Langsam werden ihnen die Chancen bewusst, ihr Image zu verbessern, Verständnis zu wecken oder neue Kundschaft zu erschließen - und einige haben schon die Risiken kennengelernt; etwa, was es bedeuten kann, wenn ein Foto den Geschmack der Nutzer nicht trifft.

Erst Stall ausmisten, dann posten

Zeissets Seminarteilnehmer sind oft älter als 45 und wissen wenig über Soziale Medien. Zu den ersten Dingen, die sie ihnen beibringt, gehört das Posten von Fotos. Ihrer Ansicht nach ist das das wichtigste Werkzeug eines Landwirts im Internet. "Viele Menschen wissen nicht, wie ein Landwirt arbeitet. Mit Fotos kann ich zeigen, wie es im Betrieb läuft." Wichtig sei nur, dass die Fotos authentisch seien. "Dann kann ich mit den Nutzern auch in einen Dialog treten."

Zu den größeren Facebook-Seiten rund um Landwirtschaft gehört "Frag doch mal den Landwirt", betrieben von mehreren Familienbetriebs-Bauernhöfen. Sie geben realistische Einblicke in die Arbeit der Bauern - da geht es um das Weihnachtskalb genau so wie um die Aufregung der Kühe im Krach der Silvesternacht und um die Bemühungen eines Ackerbaubetriebs um Bodenschutz und Nachhaltigkeit. Mehr als 18.000 Fans hat die Seite bereits, es gibt sie seit September 2014.

Schäfer mit Smartphone

Der Wanderschäfer Sven de Vries auf der Schwäbischen Alb twittert seit April 2015 regelmäßig über das Leben mit seiner Schafherde - unterwegs bei jedem Wetter, Zwillingsgeburten, Entwurmen, der Weg zum Schlachthof. Rund 3.700 Follower begleiten ihn, fragen nach. Er will den Nutzern nahebringen, was es heißt, Schäfer zu sein, erklärt er auf seiner Homepage: "Das Bewusstsein einiger Follower für Tierhaltung und Landwirtschaft schärft sich langsam aber sicher."

Shitstorm auf der Kuhweide

Das ist nicht immer einfach, wie einer von Jutta Zeissets Kursteilnehmern erfahren hat - gerade, wenn es um Tiere geht. Er hatte ein Foto von sich unter dem Sonnenschirm ins Internet gestellt, in dessen Hintergrund man Kälber in der prallen Sommersonne sah. "Die Kälber hatten sogar einen Unterstand, man konnte ihn nur im Bild nicht sehen. Das hat der Landwirt aber nicht geschrieben, sondern einfach nicht reagiert. Also gab es einen Shitstorm, das geht ganz schnell", beschreibt Zeisset.

Aber es geht nicht nur um Missverständnisse - ob Schweine oder Hühner auf einem Foto glücklich sind, liegt immer auch im Auge des Betrachters. Ist der Stall zu voll? Was bedeutet artgerecht? Es gibt Punkte, an denen es nicht ausreicht, wenn ein Landwirt seinen Alltag dokumentiert - weil sich die Wirklichkeit eben verschieden interpretieren lässt. "Wenn sich in puncto Tierwohl nichts ändert, wird der Blick in den Stall die Verbraucher nur noch mehr schockieren", umschrieb etwa der Agrarwissenschaftler Achim Spiller von der Universität Göttingen einmal das Dilemma, das Landwirte und Verbraucher bisweilen trennt.

Gute Erfahrungen mit Facebook und Twitter hat man beim Bio-Erzeugerverband Demeter gemacht: "Wir erleben zunehmend breiteres und tieferes Interesse an den Fragen der Nutztierhaltung und freuen uns darüber", sagt Sprecherin Renée Herrnkind. "Nur, was ich kenne, kann ich auch schützen - zum Beispiel durch die Bereitschaft, angemessene Preise für tierische Produkte zu bezahlen." Dass Facebook, Twitter und Co. die Widersprüche zwischen konventioneller Landwirtschaft und den Positionen engagierter Tierschützer oder Veganer nicht immer auflösen können, weiß auch Social-Media-Trainerin Jutta Zeisset. "Ich rate dann immer, Diskussionen nicht ausufern zu lassen, sondern die Leute schlicht und einfach mal auf den Hof einzuladen."

epd

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Was passiert eigentlich nach dem Tod einer Person mit deren Facebook-Konto? Dürfen die Erben den Account einsehen und nutzen? Eine generelle gesetzliche Regelung in Deutschland gibt es nicht. Im Fall eines verstorbenen Kindes hat ein Berliner Gericht nun Fakten geschaffen – zugunsten der Eltern.

07.01.2016

Twitter spielt erneut mit dem Gedanken, das 140-Zeichen-Limit zu kippen. Bei den Nutzern des Kurznachrichtendienstes sorgte die Ankündigung von Mitgründer und Chef Jack Dorsey für viel Spott.

06.01.2016

Das soziale Netzwerk sammelt detaillierte Daten über seine Nutzer – aber das macht nicht nur Facebook. Auch Apps verlangen Zugriff auf Persönliches. Datenschutzexperte Peter Leppelt gibt Tipps, wie Sie ihre Privatsphäre schützen.

Helmuth Klausing 09.01.2016
Anzeige