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Mit Emojis wortlos durch das Netz

Digitale Kommunikation Mit Emojis wortlos durch das Netz

Sie sind Ausdruck von Gefühlen ohne Buchstaben: Die Mini-Grafiken Emojis prägen zunehmend die digitale Alltagskommunikation. Und sie vermitteln immer komplexere Botschaften.

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Bilder statt Worte: Emojis bringen es auch ohne Worte treffend auf den Punkt.

Quelle: Screenshot

Hannover. Ein Kondomhersteller fordert die mobilen Nachrichtendienste wie Threema oder Whatsapp nun dazu auf, ein simples Anliegen optisch dargestellt zu kreieren und wünscht sich zum Welt-Aidstag am Dienstag ein Smiley-Design für Verhütung: Ein Verhüterli-Bildchen soll ohne viele Worte für Gefühlsechtheit sorgen.

Das Ganze gibt den Tabuthemen Aids und Safer-Sex eine humorvolle Note. Und doch zeigt das Anliegen die immer größere Bedeutung der kleinen Bildchen auf der Handytastatur. "Smileyface, die Zunge rausstreck und mit den Augen roll: Die Sprache ist nicht komplex genug, um meinem Intellekt gerecht zu werden, deshalb spreche ich ab sofort nur noch in Emojis", sagt die neurotische Gina in der US-Sitcom "Brooklyn Nine-Nine". Sicher eine überspitzte, aber durchaus zutreffende Analyse.

Emojis als universeller Code

Wer bei Tierbildchen und Herzen an Kommunikation auf Kleinkindniveau denkt, übersieht, dass Emojis zu einem universellen Code geworden sind, in dem sich die digitale Gesellschaft über Weltnachrichten, Wetter oder Wehwehchen gleichermaßen austauscht.

Die Zeichensprache triumphiert über die Schrift: Instagram hat unlängst die Möglichkeit eingeführt, Emojis in Hashtags zu benutzen und sie damit wie Wörter zu verschlagworten. Der Fototeildienst hat ausgezählt, dass in jedem zweiten deutschen Text Emoji verwendet werden.

Facebook stellt seit Oktober sechs Alternativen zum Like-Button vom Herz bis zum wutschnaubenden Emojis zur Auswahl. Und nachdem Twitter erst Anfang November seinen Favoriten-Stern durch ein Herz ersetzt hatte, testet der Dienst nun auch Emoji als Reaktionen auf Tweets. Kurioserweise hat auch der Möbelhersteller Ikea eine eigene Bildtastatur für das iPhone entwickelt, von Köttbullar bis Billy Regal. Chiffrierst du schon, oder buchstabierst du noch?

Sprachliche Grenzen überwinden

Selbst Verlobungen werden heutzutage mit dem Post eines Diamantenring-Bildes verkündet. Als Emojiker kann man romantisch sein und eine Rose versenden, man kann auf herrliche Weise mit Pistole, Stinkefinger und Teufelsmaske pöbeln. Man kann sogar politisch korrekt sein, seit Apple im April Figuren mit unterschiedlichen Hautfarben einführte. Bloß erotische Botschaften lassen sich bislang nur auf eindeutig zweideutige Weise mitteilen, mit einem Donut und einer Banane zum Beispiel.

Die Strichbilder überwinden sprachliche Grenzen auf verschiedenen Ebenen: Sinnketten lassen sich mit wenigen Klicks knüpfen, denn das Kurzwahlmenü speichert die besonders gängigen Emotionen. Damit haben die Bildchen die verkürzten Sätze der SMS-Sprache wie "OMG" (Oh My God) oder "LOL" (Laughing Out Loud) inzwischen weitgehend abgelöst.

Der erste Smiley

Insbesondere die Emoticons offenbaren die Zwischentöne, die bei der Internetkommunikation nicht durch Mimik oder Tonfall transportiert werden können. Der Zwinkersmiley etwa signalisiert Ironie. Erfunden hat es der Informatiker Scott Fahlmann, der sich Anfang der Achtzigerjahre mit seinen Mitarbeitern in einer Art Vorgängerchatroom austauschte. Eines Tages kam die Diskussion auf, wie sich ein Quecksilbertropfen in einem abstürzenden Aufzug bewegen würde. Ein Kollege spöttelte, ein Aufzug des Instituts sei durch einen Quecksilberunfall gesperrt. Viele nahmen den Witz für bare Münze. Daraufhin führte Scott Fahlmann den Code :-) ein, das erste Emoticon.

Smileys gibt es schon viel länger. Schriftsetzer experimentierten bereits im 19. Jahrhundert mit Strichgesichtern, und Albrecht Dürer kritzelte schon 1506 Smileys unter seine Briefe.

"Der Wortschatz wächst stetig": Nachgefragt bei dem Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

Das Oxford Dictionary hat gerade ein Emoji zum Wort des Jahres gekürt. Reduziert sich unsere Sprache zunehmend auf kleine Grafiken?
Im Gegenteil: Der Wortschatz und damit auch die Ausdruckskraft des Deutschen wachsen stetig, und wir verwenden die Sprache heute intensiver und vielfältiger als je zuvor. Die Menschheit hat Piktogramme schon vor der Erfindung der Schrift verwendet – man denke an die Höhlenmalereien. Der Straßenverkehr würde ohne Verkehrsschilder gar nicht funktionieren und auch an vielen anderen Orten würden wir uns ohne Bildsymbole nicht zurecht finden, etwa auf Flughäfen und Bahnhöfen.

Sehen Sie als Linguist das kritisch?
Es kommt sicher darauf an, was man daraus macht. Aber zunächst bieten Emojis die Möglichkeit, eine inzwischen recht beträchtliche Menge von Bildern in Texte einzubauen, ohne dabei von einem bestimmten Betriebssystem oder einer bestimmten Kommunikationsplattform abhängig zu sein. Das hat auf jeden Fall viel positives Potenzial, von unterhaltsamer Spielerei, die für zwischenmenschliche Kommunikation schon immer wichtig war, bis zu ernsthafteren Anwendungen in der typografischen Gestaltung von Texten.

Für welche Zwecke werden Emojis eingesetzt?
Emojis werden eingesetzt, um sprachlich voll ausbuchstabierte Nachrichten zu verzieren. Das geschieht, um eine Nachricht thematisch einzuordnen, zum Beispiel, wenn hinter dem Satz "Auf zum Sport!" ein Fußball steht, der anzeigt, welche Art von Sport gemeint ist. Insgesamt finden sich Emoji hauptsächlich in der informellen Kommunikation. Je förmlicher ein Text ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass darin Emojis zum Einsatz kommen.

Emoticons und Emojis sind Ausdruck einer um sich greifenden Bewertungskultur, die ihre Ursache in einer tiefen Verunsicherung der Gesellschaft und dem daraus resultierenden Bedürfnis nach Vergewisserung hat. Was Dieter Bohlen in "Deutschland sucht den Superstar" vormachte, ist eigentlich nichts weiter als ein aufgeblasener "Ich-lach-mich-tot-weil-du-dich-so-blöd-anstellst"-Smiley. In Castingshows werden die Leistungen der Teilnehmer auf die eingeholten Stimmen reduziert, bei Tripadvisor Restaurants auf eine Punktzahl. Qype liefert eine Plattform für die Rezensierungswut der Nutzer und die Emojis das passende Vokabular.

Von Nina May

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