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Afghanisches Paar rappt für die Freiheit

Nach der Flucht Afghanisches Paar rappt für die Freiheit

Afghanistan und politischer Rap: eine ungewöhnliche Kombination. Vor allem aber eine gefährliche. Ein junges afghanisches Paar hat es sich getraut. Nun sind sie nach Deutschland geflohen.

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Die Rapper Paradise und Diverse können nach ihrer Flucht aus Afghanistan nun auch öffentlich ihre Liebe zeigen, wie hier auf Facebook.

Quelle: Facebook/Screenshot

Berlin. Da stehen sie. Vor einem Berliner U-Bahnhof. Er hat einen Arm um seine Freundin gelegt. In der anderen Hand hält er sein Handy. Klick: Selfie. In Afghanistan, der Heimat der beiden, wäre das wohl unmöglich gewesen. "Wenn sie sehen würden, dass ich sie auf der Straße küsse, dann würden sie mich töten", sagt Diverse. Das ist der Künstlername des 29-Jährigen. Mit seiner Freundin Paradise macht er Musik, sie nennen sich 143Band und rappen auf Persisch für Gleichberechtigung, Frieden und Liebe.

Liebe, die sie nun endlich öffentlich zeigen können. Das Paar postet Selfies wie dieses auf Facebook. Die Zahlen eins, vier und drei in ihrem Bandnamen stehen für "I love you". "In Afghanistan ist es schwierig, 'Ich liebe dich' zu sagen", erklärt Diverse. Es sei anrüchig. Junge Menschen müssten ihre Liebe verstecken. Er sei verprügelt worden, nur weil er mit Paradise in Herat unterwegs war.

Songs bleiben aus Angst unveröffentlicht

Dort im Westen Afghanistans gründeten die beiden 2008 ihre Band. Sie nahmen heimlich Songs im Studio auf, veröffentlichten sie aber aus Angst nicht.

Nachdem die junge Frau auf dem Rückweg vom Studio von Männern verfolgt, eine Stunde lang bedrängt und geschlagen worden war, baten sie die Polizei um Hilfe. Die Antwort sei gewesen: "Wir haben gehört, dass ihr Sänger seid. Hört auf zu singen."

Daraufhin hätten sie sich entschieden, in das Nachbarland Tadschikistan zu gehen, weil es dort sicherer gewesen sei. Sie konnten weitere Lieder produzieren und diese nun auch im Internet veröffentlichen. Das Rap-Paar wurde bekannter - auch in ihrem Heimatland, wohin es Ende 2012 zurückkehrte.

"Jeden Tag ein bisschen gestorben"

Nach jahrelangem Bürgerkrieg liegen Infrastruktur und Wirtschaft Afghanistans allerdings am Boden. Viele Afghanen sehen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr - nach Syrern stellen sie die größte Gruppe unter Asylbewerbern in Europa.

Wie stark Paradise und Diverse mit ihrer Musik polarisieren, kann man anhand der Verleihung eines afghanischen Musikpreises sehen: Sie gewannen bei den "Rumi Music Awards 2014" als beste Rap-Künstler. Bei der Preisverleihung trug Paradise ein schulterfreies Kleid. Daraufhin sollen Nutzer sozialer Medien gegen sie gehetzt, sie beleidigt und ihr vorgeworfen haben, andere Frauen zur Prostitution zu verleiten. Weil sie um ihr Leben gefürchtet habe, sei sie in der folgenden Zeit in ihre Wohnung geblieben, sagt die 26-Jährige. Sie habe sich eingesperrt gefühlt. "Ich bin jeden Tag ein bisschen gestorben."

Asylantrag in Deutschland läuft

Doch sie habe auch viele positive Nachrichten bekommen, insbesondere von Frauen. Einmal habe sogar eine junge Frau geschrieben, dass sie jetzt studieren dürfe. Ihre Eltern hätten gesagt: "Wenn diese Frau in Afghanistan rappen kann, warum soll unsere Tochter dann nicht studieren können."

Paradise und Diverse wollten unbedingt weitermachen mit ihrem Rap. Deshalb sei es notwendig gewesen, ihr Land im Sommer 2015 zu verlassen. Sie bekamen ein Visum, flogen nach Paris. Nach einem Auftritt gingen sie nach Berlin. Dort haben sie einen Antrag auf Asyl gestellt und besuchen Deutschkurse. Diverse geht zu einer Universität. Noch wohnen sie in einem Flüchtlingsheim, hoffen aber auf Arbeit und eine Wohnung.

Bei der afghanischen Kulturwoche in Berlin begeisterten sie das Publikum mit ihrem Rap, mit dem sie auch weiterhin für Feminismus und Frieden in ihrem Heimatland kämpfen wollen. Diverse sagt: "Wenn es dort eine christliche Kirche gibt, in die jeder frei gehen kann und nichts passiert. Dann würde ich zurückgehen."

Von Lukas Lorenz, dpa

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