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Twitter schraubt an seiner Technik

Kinder, redet miteinander! Twitter schraubt an seiner Technik

Es war eine Operation am offenen Herzchen. Und sie tat weh. Der Aufschrei war groß, als Twitter im November 2015 seine gelben Favoritensternchen in kleine pinkfarbene Herzen umwandelte.

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Netzwerk-Netzwerker: Im Twitter-Hauptquartier in San Francisco bastelt man an der Zukunft des Kurznachrichtendienstes.

Quelle: Twitter, Inc.

Hannover. Die Twitter-Gemeinde war seinerzeit auf dem Baum. Herzchen? Kinderkram! Facebook-Mist! „Twitter, geh nach Hause, du bist betrunken“, hieß es. Es war der Versuch des Netzwerks, „emotionaler“ zu werden. Als wäre Emotionsmangel das größte Problem von sozialen Netzwerken. Man gewöhnte sich dann doch daran. Der Blutdruck sank.

Twitter-Mitgründer Jack Dorsey („Es ist komplex, etwas einfach zu machen“) schraubt seit seiner Reinstallierung als Chef im Juli 2015 beständig an den technischen Details des Kurznachrichtendienstes. Nun steht wieder ein Update ins Haus. Das Ziel: den Twitter-Nutzern mehr von den 140 Zeichen pro Kurznachricht für ihre Texte zur Verfügung zu stellen. Bisher „kosten“ eingefügte Bilder oder Videos 24 der 140 Zeichen.

Damit soll Schluss sein. Die neuen Regelungen sollen in „einigen Monaten“ greifen. Die geplanten Änderungen im Einzelnen:

Anhänge: Für angehängte Fotos, animierte Grafiken (GIFs), Videos und Umfragen werden keine Zeichen von den 140 Buchstaben mehr abgezogen. Das Gleiche gilt für Anhänge bei zitierten Tweets. Ob dies auch für normale Internetlinks gelten wird, teilte Twitter nicht mit.

Antworten: Bei Antworten auf einen Tweet werden die Nutzernamen nicht mehr länger zu den 140 Zeichen zählen.

Retweets: In Zukunft soll es möglich sein, eigene Tweets zu retweeten oder zu zitieren, „um beispielsweise einen neuen Blickwinkel zu ergänzen“, meldet Twitter.

Kein Punkt mehr: Neue Tweets, die direkt mit einem @Nutzernamen beginnen, werden in Zukunft alle Follower sehen. Die komplizierte Formulierung „.@Nutzername“ – also mit einem Punkt vor dem @-Zeichen – wird hinfällig. Das ist praktisch, macht halb private Unterhaltungen aber öffentlicher.

Das klingt nach Marginalien, aber es geht um mehr: Facebook (1,65 Milliarden Nutzer) und Snapchat (100 Millionen) legen kräftig zu, während die Nutzerzahlen bei Twitter (332 Millionen) nur im Schneckentempo wachsen. Die Zahl der täglichen Tweets schrumpft und lag im Januar bei nur noch 300 Millionen. Das macht die Börse nervös. Die Twitter-Aktie verlor innerhalb eines Jahres um 62 Prozent an Wert und lag gestern bei 12,98 Euro. „Hoffnung ist keine Strategie“, urteilten die Finanzanalysten der Firma MoffettNathanson. „Jack Dorsey handelt zu langsam, um Twitter zu retten“, schalt auch das Wirtschaftsblog des Finanzunternehmers Henry Blodget.

Mehr Traffic für die Werbekundschaft

Es ist ein Balanceakt, einerseits den Einstieg in das als kompliziert geltende Twitter zu vereinfachen, andererseits den Stammnutzern ihr Lieblingsspielzeug nicht zu Tode zu reformieren – bis zur Unkenntlichkeit und viel weiter. Hier die Beharrungskräfte der Traditionalisten, dort der Innovationsdruck der Aktionäre, denen Dorseys Vorstöße viel zu kleinteilig sind. Ziel aller Experimente ist es, die Gesprächigkeit der Twitterer zu erhöhen – also für mehr Traffic für die Werbekundschaft zu sorgen.

Dorsey selbst brachte jüngst eine Aufweichung der historisch bedingten Zeichenobergrenze ins Spiel – Twitter lief in seiner Frühzeit über die SMS-Plattform –, ruderte nach einem globalen Shitstorm aber zurück: „Die 140 Zeichen bleiben.“ Nur bei privaten Direktnachrichten zwischen Usern, die sich gegenseitig folgen, sind inzwischen 10 000 Zeichen erlaubt. „Wir fokussieren uns auf das, was Twitter ausmacht“, warb Dorsey jetzt – „Livemomente, Livegespräche und die einfache Nutzbarkeit, wie in den Anfängen von Twitter“.

Das klingt nach dem romantischen Wunsch, zu den Wurzeln zurückzukehren. Tatsächlich aber praktiziert Twitter das Gegenteil: Die seit Anfang des Jahres geltende Neusortierung der Timeline – der Verzicht auf starre Chronologie der Tweets – sei „auf ein sehr positives Echo gestoßen“. Weniger als 2 Prozent der Nutzer hätten die Neusortierung per Opt-out-Option abgeschaltet. Den Versuch dagegen, aus Twitter eine Kaufplattform zu machen, strich das Unternehmen gestern. Einen „Buy“-Button werde es nicht geben.

Von Imre Grimm

Der Autor bei Twitter: @imregrimm

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