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Netzwelt Kanzlerin trifft Realität
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00:21 19.07.2015
Merkel beim Bürgerdialog "Gut leben in Deutschland" in Rostock. Quelle: Screenshot Youtube/NDR
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Rostock

Die Entrüstung gegenüber der Bundeskanzlerin bei Twitter kennt keine Grenzen. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt sammelt sich die geballte Wut über die Gefühlslosigkeit, die kalte Politik von Angela Merkel. Es geht um eine Begegnung der Kanzlerin in Rostock. Dort traf sie während eines Bürgerdialogs auf Reem, ein Mädchen aus dem Libanon aus der Familie von palästinensischen Flüchtlingen. Das (gekürzte) Video der Veranstaltung ist vom Norddeutschen Rundfunk mittlerweile online gestellt worden.

Es geht um folgende Schlüsselszene, die im Netz für Furore sorgt: Die Bundeskanzlerin taucht gerade ein in die Erläuterungen zur schnelleren Asylprüfung von Geflüchteten, als Reem in Tränen ausbricht. Merkel geht auf die Schülerin zu, streichelt ihr über den Kopf und sagt: "Du hast das doch prima gemacht."

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Unter dem Hashtag #merkelstreichelt empören sich die Twitterer seitdem über den herzlosen Paternalismus der Kanzlerin – und die laut Blogger Richard Gutjahr "zynische" Pressemitteilung auf dem Regierungsblog: "Vor Aufregung" habe das Mädchen weinen müssen. Aber nachdem es von Merkel gestreichelt worden sei, hätte es einen "großen Applaus" gegeben.

Sicher, die Twitterer gehen mit Merkel nun hart ins Gericht. Aber überliest man die Nazi-Vergleiche, unpassenden Witze und Kommentare unter der Gürtellinie, haben sie im Grunde genommen Recht. Das Video zeigt in noch nicht einmal 2:30 Minuten das Scheitern einer Politikerin an der Realität – mit einer Unbeholfenheit, die in der Tat zynisch angesichts des Schicksals von Reem wirkt. Eine Twitterin kommentiert passenderweise, dass Reem in wenigen Minuten das vollbracht hat, was LeFloid in seinem Interview mit der Kanzlerin nicht schaffte: der Kanzlerin eine offenbarende Regung zu entlocken.

Neben #merkelstreichelt jedoch gibt es ein zweites Stichwort, das in den Tweets immer wieder auftaucht: "Flüchtlingsmädchen" oder "Flüchtlingskind" – das wiederum offenbart die Bigotterie der Netzgemeinde in ihrer so typischen Schimpfwelle. Es ist eine Wortwahl, die einen ähnlichen Effekt hat, wie wenn stets von "Flüchtlingen" gesprochen wird. Das Individuum versinkt in der objektivierten Masse, dem Strom der Ankommenden. Das Individuum genauso wie die politischen Fragen weichen Merkelmeckern auf 140 Zeichen – und sind deswegen ihrerseits oft zynisch.

Ann-Kathrin Seidel

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