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Musik liegt in der Luft

Was bietet Apple Music? Musik liegt in der Luft

Apple Music bietet Musikliebhabern nicht nur 30 Millionen Songs – der neue Streamingdienst will ganz nebenbei auch das Radio neu erfinden. Das Problem ist nur: Die Künstler haben von alledem nur wenig.

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Mit Apple Music hat der Computer- und Handykonzern ein Streamingangebot gestartet, das sich im Grundsatz kaum von der Konkurrenz unterscheidet.

Quelle: dpa

Hannover. Es ist gerade einmal zwölf Jahre her, dass Steve Jobs seine Meinung zu Streamingdiensten kundtat. Der Apple-Gründer, der kurz zuvor mit seinem digitalen Musikladen iTunes die Musikindustrie revolutioniert hatte, stand im schwarzen Rollkragenpullover auf seiner Keynote-Bühne im kalifornischen Cupertino und erklärte, warum er einzelne Lieder zwar über das Internet zum Down­load verkaufen, nicht aber gegen eine monatliche Gebühr ausleihen wollte. „Die Menschen haben es uns immer wieder erklärt, sie wollen Musik nicht mieten“, sagte der mittlerweile verstorbene Apple-Guru. Musik sei etwas anderes als ein Videofilm. „Deinen Lieblingssong hörst du 1000-mal im Leben. Wenn du dafür jeden Monat 10 Dollar Abo-Gebühren bezahlen musst, dann zahlst du 1000 Dollar im Leben dafür, deinen Lieblingssong zu hören. Das wollen die Menschen nicht.“

Die Episode zeigt: Auch Steve Jobs konnte sich irren. Seit mittlerweile acht Jahren haben etwa zwei Dutzend Firmen, darunter der Marktführer Spotify mit aktuell etwa 75 Millionen Nutzern, das von Jobs so verteufelte Abo-Modell aufgegriffen und damit Millionen Kunden geworben. Trotz der 5 bis 10 Euro pro Monat, trotz der für Musikbegeisterte irritierenden Tatsache, dass die gesamte virtuelle Musiksammlung an dem Tag verschwindet, an dem man seine Miete nicht mehr bezahlt. Zu verlockend erscheint vielen die Möglichkeit, Zugriff auf 20, 30 Millionen Songs zu erhalten – von Pop, Rock und Elektronik bis hin zu Jazz und Klassik.

Das Musikradio ist gleich eingebaut

Seit knapp drei Wochen hat auch Apple das Verdikt seines wirkungsmächtigen Gründers hinter sich gelassen. Mit Apple Music hat der Computer- und Handykonzern ein Streamingangebot gestartet, das sich im Grundsatz kaum von der Konkurrenz unterscheidet: Die Abogebühr kostet monatlich 10 Euro, dafür gibt es 30 Millionen Songs. Man kann eigene Playlists erstellen oder sich die von anderen anhören.Die App für das Smartphone oder den Computer lernt den Musikgeschmack des Kunden und bietet daraufhin Musik an, die ähnlich ist. Jobs’ Nachfolger Tim Cook behauptete bei der Vorstellung dennoch, der neue Dienst werde die Musikwelt „revolutionieren“.

Vielleicht hat er sogar recht. Denn tatsächlich hat Apple etwas eingebaut, das in der neuen Musikstreamingwelt eigentlich schon auf dem Abstellgleis der Popkultur geparkt werden sollte. Das Musikradio. Mit echten DJs. Menschen vor Mikrofonen, die reden und die Musik erklären und musikalische Brüche wagen, die das Formatradio heute nur im Nachtprogramm vollzieht. „Beats 1“ heißt das über das Internet sendende Programm. Das Motto: „Always on“, die Inhalte: „Handverlesen von Menschen, die Musik über alles lieben.“

Tatsächlich ist dieses Angebot beachtlich. Apple hat etwa den BBC-DJ Zane Lowe verpflichtet, der durch seine Interviews mit Popgrößen selbst zum Star geworden ist. Unterschiedliche DJs moderieren abwechselnd aus New York, Los Angeles und London – in 100 Ländern der Welt, 24 Stunden am Tag.

Spotify ist der Supermarkt, Apple Music der Plattenladen

Hier ist der Punkt, bei dem Apple mal wieder ganz bei sich und seinem alten Achtzigerjahre-Motto „Think different“ – „Denk anders“ – ist. Beim Pop, bei der Differenzierung, letztlich beim besseren Geschmack. Wenn Spotify der Supermarkt unter den Musikläden ist, dann will Apple Music der Plattenladen sein mit den Nerds hinter dem Tresen. Apple verkauft nicht nur Musik, sondern auch Musikgeschmack. Die Empfehlungen beim Streamingdienst basieren nicht nur auf dem „Wenn Ihnen das gefällt, dann mögen Sie bestimmt auch ...“-Algorithmus, sondern auch auf dem Wissen einer Musikredaktion. Einer echten.

Doch auch Apple musste bereits erfahren, wie gefährlich es ist, Teil der Popkultur zu sein, aber Gewinne wie ein Multimilliarden-Konzern zu erwirtschaften. Schon vor dem Start kritisierte US-Popstar Taylor Swift die Geschäftsbedingungen für Künstler, weil diese während der dreimonatigen, kostenlosen Probe-Abo-Phase kein Geld bekommen sollten. Sie rief zum Boykott auf – und Apple zog die Notbremse. Nun sollen die Künstler doch honoriert werden.

Das grundsätzliche Problem aber bleibt. Denn mit Streamingdiensten mögen viele reich werden, die Musiker jedenfalls nicht. Die Margen sind geheim und von Künstler zu Künstler unterschiedlich, aber vor einigen Jahren legte Zoe Keating, eine Musikerin aus Kalifornien, offen, was sie pro gespieltem Song bekommt. Ihre nicht eben gewöhnlichen, aber gleichwohl gefragten Cello-Nummern wurden in einem halben Jahr immerhin 1,5 Millionen Mal bei Pandora und 131 000-mal bei Spotify heruntergeladen. Überwiesen bekam sie insgesamt 2200,45 Euro. Das ist nicht einmal ein halber Cent pro gespieltem Titel.
Manche Künstler verweigern sich aus diesem Grund konsequent den Streamingdiensten. Die Deutschrock-Band Element of Crime etwa verbietet ihnen die Verbreitung ihrer Musik. „Es wird so getan, als machten wir Kunst als exzentrisches Hobby“, erklärte Sänger Sven Regener und fügte hinzu: „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“ Das ist die düstere Seite der neuen Streamingwelt.

20.000 Radiostationen und Podcasts auf Radio.de

Streamingdienste wie Apple Music oder Spotify gibt es viele. Sie bieten Millionen Songs zum anhören an. Anders als beim sogenannten Download wird die Musik beim Streaming aber nicht auf das Abspielgerät heruntergeladen, sondern nur Stück für Stück per Internetverbindung übertragen und abgespielt. Die Musik wird weder gespeichert, noch kann man sie außerhalb der Streamingprogramme hören. Die Funktionsweise erinnert damit an die eines alten Küchenradios – nur dass die Daten eben nicht analog und per Funk, sondern digital und via Internet übertragen werden. Und: Bei den Streamingdiensten kann man sich selbst aus einem riesigen Fundus sein eigenes Radioprogramm zusammenstellen.

Das herkömmliche lineare Radio allerdings hat deshalb noch lange nicht ausgedient. Dass Apple Music seinen eigenen Radiosender „Beats 1“ nun mit viel Wucht in den Markt drängt, zeigt, wie interessant dieses Medium auch nach nunmehr knapp 100 Jahren noch ist. Zwar mögen viele musikalisch allzu eng begrenzte Formatradios nicht unbedingt den Musikliebhaber zur Zielgruppe auserkoren haben. Weltweit gesehen gibt es aber Tausende Stationen von New York bis Jakarta, die jede noch so spezielle Musikrichtung spielen – und dabei sogar noch unbekannte Künstler vorstellen.

Anbieter wie radio.de machen diese auf der ganzen Welt hörbar. 20 000 Radiostationen und Podcasts macht das Unternehmen, an dem auch die Madsack Mediengruppe beteiligt ist, für seine Nutzer zugänglich. Die App, die mittlerweile das größte Online-Radioportal der Republik ist, überträgt etwa das Liveprogramm von „Hot 108 Jamz“ aus New York City oder von dem südamerikanischen Elektro-Sender „Deck FM“ aus Brasilien an die Handy- oder Computerbesitzer. Wer es etwas experimenteller mag, kann auf diese Art auch den Verkehrsfunk in Hongkong erspüren oder dem US-Sender „Radio Free Afghanistan“ lauschen, der in Kabul und Umgebung „demokratische Werte und Institutionen“ fördern will. Alles sehr spannend.

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