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00:15 02.06.2016
Bei "Whisper" plaudern Arbeitnehmer Geheimnisse aus ihrem Berufsleben aus. Quelle: dpa
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Hannover

Wenn Hotelmitarbeiter anonym ausplaudern, wie es an ihrem Arbeitsplatz wirklich zugeht, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen. "Manchmal ziehe ich die Betten nicht ab. Ich mache das Bett nur neu und entferne die Haare mit einem Fusselroller – das geht einfach schneller", verrät ein Zimmermädchen. Weitere fühlen sich ermutigt und gestehen: Die Handtücher werden nur selten gewechselt und des Öfteren nehmen sich die Angestellten etwas von dem Essen, das sie eigentlich unangetastet aufs Zimmer bringen sollen.

Ekelhaft? Das macht es nur umso reizvoller – für die Geständigen und ihre Leser der App "Whisper". Bereits 30 Millionen aktive Flüsterer, so die Übersetzung, hat die kostenfreie Anwendung, die verspricht: Endlich kann jeder die Geheimnisse unerkannt ausplaudern. Ein digitales Schlüsselloch in meistens verborgene Gewerbe. Nicht nur Hotelangestellte, auch das Schnellrestaurant-Personal oder die Disneyland-Mitarbeiter machen hier ihrem schlechten Gewissen Luft. Oder lassen Dampf über die ach so freundliche Kundschaft ab – und die halbe Welt liest mal amüsiert, mal angeekelt, aber immer interessiert mit.

Was Sie über McDonalds nicht wissen wollten

"Die Anonymität bietet Privatheit: Keiner weiß, wer man ist, und so bekommt man den Eindruck, sich autonom und frei äußern zu können", sagt Sabine Trepte, Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. "Der Leser kann davon ausgehen, dass die Äußerungen ganz authentisch sind", denn es gehe den Leuten nicht darum, sich toll zu präsentieren oder in gesellschaftliche Normen zu passen, "sondern ohne Angst vor Konsequenzen zu sprechen". Das gebe den Geständigen eine Form der Entlastung. Noch zielführender, so sagt es die Expertin, sei natürlich ein persönliches Gespräch mit einem Vertrauten. "Wenn ich mich anonym preisgebe, werde ich möglicherweise ein weniger wertvolles Feedback bekommen, weil die anderen mich gar nicht kennen und meinen persönlichen Hintergrund nicht einbeziehen können", erklärt Trepte. Immerhin: Ein erstes Offenbaren in anonymem Umfeld kann Sicherheit und Selbstvertrauen geben.

Wenn der Chef nicht da ist...

Mal so richtig Frust ablassen

"Whisper" dient also als Ventil, um richtig Frust abzulassen. Bei den Geständnissen geht es aber auch um Spaß und das Brechen der Klischees. Stewardessen lächeln immer nur nett und schubsen Getränke durch den Gang? Das trügt. Auch Flugbegleiter haben ihre Plattform für Lästereien über Passagiere gefunden. Wer erfahren will, was das Flugpersonal wirklich denkt, braucht nur Hashtags wie "crewlife" oder "passengershaming" in soziale Netzwerke wie Twitter oder Instagram einzugeben und erhält die ganze Bandbreite von Fehltritten. Fotos von Fluggästen, die beim Schlafen auf ihre Nachbarn fallen, ungeniert ihre Nägel unter den Augen der Stewardess trimmen oder ihren Sitzplatz wie ein Schlachtfeld aus Zeitungen, Essensresten und anderem Müll hinterlassen. „Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt“, kommentiert eine Nutzerin auf Instagram. „Ich bin froh, dass es hier noch andere Flugbegleiter gibt, die tagtäglich ähnlich absurde Dinge sehen wie ich.“

Lästern als Gruppentherapie

Gemeinsam ablästern funktioniert wie eine Art Gruppentherapie. "Und denkbar ist auch ein Rache-Effekt", sagt Trepte. "Mitarbeiter bestimmter Berufsgruppen arbeiten unter schlechten Bedingungen und wollen so mit einem System abrechnen, das sie benachteiligt." So werden beispielsweise im Netzwerk auch Tipps verraten, wie man als Hotelgast an der Rezeption teure Umbuchungen umgeht oder sich goldene Armbanduhren erschleicht. "Mein Boss hat’s verdient", schiebt ein genervter Rezeptionist hinterher.

Dass diese Geständnissen auch dazu beitragen können, die Berufswelt besser zu machen, das zeigt Matthew Gates' Blog "Confessions of the Professions". Hier veröffentlicht der Webentwickler und studierte Psychologe alles an Informationen, um einen ungefilterten Blick hinter die Kulissen der Jobs zu bekommen: "Wenn private oder persönliche Informationen über das Berufsleben veröffentlicht werden, verrät das viel über die alltäglichen Details, die Leuten helfen können, sich für den richtigen Beruf zu entscheiden", sagt der 31-Jährige. "Außerdem können so neue Ideen entstehen, wie man manche Probleme in der Berufswelt besser lösen könnte."

Von Lena Modrow/RND

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