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Wie Erdogan das Internet lieben lernte

Gescheiterter Putsch Wie Erdogan das Internet lieben lernte

Einst hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Twitter verbieten lassen. Nun waren es ausgerechnet die sozialen Netzwerke, die den Putsch von Teilen des Militärs abzuwenden halfen.

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Vom Internet-Zensor zum Neue-Medien-Virtuosen: Erdogan betrieb in der Puschnacht digitales Krisenmanagement.

Quelle: dpa

Hannover. Am Ende blieb ihm nur ein iPhone. Es war gerade drei Stunden her, dass Militärs in der Nacht zu Sonnabend die Panzer auf die Straßen Instanbuls steuern, Brücken über den Bosporus sperren und Kampfjets über den Himmel donnern ließen, als Präsident Recep Tayyip Erdogan das Internet entdeckte. Mit seinem Smartphone in der Hand meldet sich der türkische Präsident, der von dem Putschversuch an seinem Urlaubsort überrascht wurde, mittels Apples Videotelefoniedienst Facetime. Er zeigt sich auf dem Bildschirm eines Handys, das die Moderatorin im Fernsehsender CNN Türk in die Kamera hält. Es ist die Schlüsselszene der Putschnacht. Erdogan ruft seine Anhänger auf, auf die großen Plätze zu gehen und sich den Militärs entschieden entgegenzustellen. „Geht auf die Straße und gebt ihnen die Antwort“, sagt er. Zugleich gibt er über den Kurznachrichtendienst Twitter Kampfesappelle an seine 8,6 Millionen Follower aus.

Das ist nicht ohne Ironie: Es war der türkische Präsident, der vor gut zwei Jahren Twitter blockieren ließ, weil dort seine Gegner Korruptionsvorwürfe gegen ihn und seine Familie verbreiteten. Erst Gerichte hoben die Sperre auf. Nun nutzten ausgerechnet die modernen Kommunikationswege dem Präsidenten.

Türkei im Ausnahmezustand: Teile des Militärs haben einen Putschversuch gestartet.

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Bisher gehörte es zum Standardrepertoire von Putschisten, neben Brücken, Plätzen und dem Regierungssitz auch die Fernsehsender zu besetzen, um das Volk zu steuern. Die wilde Nacht in der Türkei hat gezeigt, dass sich auch für putschende Militärs einiges geändert hat. Als nach der Erdogan-Übertragung Soldaten das Studio von CNN Türk stürmten, wich der Sender auf einen Online-Stream aus. Auch viele drastische Szenen auf den Straßen Istanbuls landeten im Netz. Über Dienste wie Periscope und Facebooks Livestreaming kann jeder Handybesitzer das Gefilmte live ins Internet senden. Dort war der Putsch live zu sehen - und auch, wie sich viele Türken dem Militär entgegenstellten, auf Panzer einhämmerten und die Plätze zurückerobern.

Als die Internetverbindungen in der Putschnacht gedrosselt wurden und einige Dienste nicht mehr verfügbar waren, schickte das Büro des Präsidenten zudem eine landesweite SMS-Nachricht Erdogans an seine Landsleute - auch das eine neue Art der Krisenmanagements. Die Menschen sollten für „Demokratie und Frieden“ auf die Straße gehen und sich dem „kleinen Kader“ der Putschisten entgegenstellen, hieß es darin. Wie genau Erdogan die SMS verschickt hat, ist unklar, womöglich war es eine Unterstützungsaktion der Telekommunikationsunternehmen. Gleichzeitig mobilisierte die Regierung auch auf ganz traditionelle Weise die Bürger zum Widerstand gegen die Putschisten. Die Muezzine des Landes riefen mitten in der Nacht zum Widerstand auf.

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