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Arte-Doku geht öffentlichem Bekenntnis zur Abtreibung nach

Solidaritätsaktion vor 40 Jahren Arte-Doku geht öffentlichem Bekenntnis zur Abtreibung nach

"Mein Bauch gehört mir": Vor 40 Jahren bekannten 374 Frauen in einer Solidaritätsaktion im "stern": "Ich habe abgetrieben!". Eine arte-Doku fragt: Wie kam es zu dem Bekenntnis und was hat sich seitdem für Frauen geändert?

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Der "stern"-Titel, der zum Label einer breiten Frauenbewegung wurde.

Quelle: Archiv

Auch eine Nonne bekannte: „Ich habe abgetrieben.“ Sie hatte das nicht wirklich getan. Aber sie unterschrieb – wie viele Lehrerinnen, Hausfrauen, Studentinnen, Arbeiterinnen und Schriftstellerinnen auch – aus purer Solidarität das kollektive Geständnis ihrer Geschlechtsgenossinnen im „stern“, das am 6. Juni 1971 erschien. Die Bundesbürger erschütterte jedoch weniger die bekennende Nonne, sondern vielmehr, dass sich auch Romy Schneider zu der Aktion bekannte, die blütenreine Kino-Kaiserin der fünfziger Jahre. „Als ,Sissi‘“ wäre ihr das nicht passiert“, schrieb ein Karikaturist.

Und Romy Schneider war nicht die einzige Prominente, die das Bekenntnis unterzeichnete: Die Schauspielerinnen Senta Berger und Vera Tschechowa waren darunter, das Model Veruschka von Lehndorff sowie Alice Schwarzer. Die Frauenrechtlerin hatte damals die Idee zu der Aktion und überzeugte „stern“-Redakteur Winfried Maaß sie umzusetzen, wenn es ihr denn gelänge, 300 bis 440 Frauen zu finden, die sich der Abtreibung bezichtigten – und Schwarzer fand genügend Frauen. In Frankreich, wo sie damals als freie Journalistin arbeitete, hatten zuvor 343 Frauen, darunter Cathèrine Deneuve und Jeanne Moreau, die Öffentlichkeit mit der Aktion „Je me suis fait avorter“ mit dem Thema konfrontiert.

Der Jahrestag war für den Film ein willkommener Anlass

Das alles ist nun recht genau 40 Jahre her. Der von arte und dem NDR produzierte Film „Wir haben abgetrieben – Das Ende des Schweigens“, den der deutsch-französische Kulturkanal am Mittwoch erstmals zeigt, erinnert daran. Und zugleich an Zeiten, als der Ehemann noch seine Einwilligung zur Berufstätigkeit der Frau geben musste, nach Belieben über das Geld auf ihrem Konto verfügen durfte und einem Rezept für die Pille ein ausführlicher moralischer Vortrag des Arztes voranging.

„Die Absicht, über die Aktion von damals etwas Filmisches zu machen, bewegt mich schon lange. Der Jahrestag war dafür ein willkommener Anlass“, sagt Birgit Schulz („Die Anwälte“) – Produzentin, Autorin und (gemeinsam mit Annette Zinkant) Regisseurin des Films. Vor allem der RBB lieferte Archivmaterial. Sie selbst ging der Spur jener 374 Frauen nach, die damals unterschrieben hatten.

15 von ihnen saß sie dann gegenüber. Nicht alle waren bereit, sich vor laufender Kamera über die Ereignisse von damals zu äußern: Zu persönlich sei das Ganze, sie wollten es nicht noch einmal in die Öffentlichkeit bringen. An den schließlich stattgefundenen Gesprächen erstaunt, wie wenig Angst die Frauen damals vor strafrechtlichen Konsequenzen gehabt zu haben scheinen.

Die „stern“-Aktion gilt als einer der Auslöser der Frauenbewegung

„Ich glaube, dieses Gefühl: „,Jetzt reicht’s uns!‘“ war stärker. Außerdem gab es anwaltliche Beratung, man wusste schon bald, dass zwar ein Schreiben der Staatsanwaltschaft kommen würde, aber niemand die Frauen ernstlich verfolgen würde. Dafür waren es einfach zu viele“, meint Birgit Schulz. Insofern war die Situation anders und einfacher als bei Homosexuellen, die sich damals zu outen wagten: „Die standen allein. Die Frauen waren eine Gemeinschaft.“ Die legendäre „stern“-Aktion gilt als einer der Auslöser der Frauenbewegung der siebziger Jahre, die sich in Demonstrationen, Kunst, Literatur, Frauenkongressen, Unterschriftenaktionen und Parolen wie „Mein Bauch gehört mir“ ausdrückte.

Und so kommt dann auch Alice Schwarzer, mittlerweile ein Talkshow-Dauergast, in der Doku sehr ausführlich zu Wort – zu Recht, wie Filmemacherin Schulz meint: „Man muss nicht mit allem bei ihr einverstanden sein. Aber was sie damals geleistet hat, war doch eine enorme politische Tat, und die Kampagne wurde praktisch zum Label der gesamten Frauenbewegung.“

Im Film berichten auch Frauen, die bis heute nicht mit dem Thema Abtreibung abgeschlossen haben, und sichtlich bewegt von ihren damaligen Notsituationen und schmerzhaften, heimlich und unprofessionell ausgeführten Operationen. Sie betonen, dass selbst die liberalere Gesetzgebung heute nichts am Dilemma schwangerer Frauen ändert, sich in bestimmten Situationen für oder gegen ein Kind entscheiden zu müssen.

Umkämpfter Paragraf 218

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ So lautet der erste Artikel des Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches. Seit Gründung des Deutschen Reiches 1871 besteht der Paragraf – seit 1995 gilt: Abtreibungen in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten sind rechtswidrig, bleiben aber straffrei, wenn sich die Frau mindestens drei Tage vor dem Eingriff beraten lässt. Die Beratungspflicht entfällt bei medizinischer oder kriminologischer Indikation. Besteht Gefahr für das Leben oder den körperlichen beziehungsweise seelischen Gesundheitszustand der Mutter, ist ein Schwangerschaftsabbruch bis zur Geburt zulässig. Die katholische Kirche hat Reformen des Paragrafen 218 stets abgelehnt, seit 1999 stellt sie auf Weisung Papst Johannes Pauls II. keine Beratungsscheine mehr aus. Teile der Frauenbewegung kämpften vor allem in den siebziger und achtziger Jahren für eine völlige Abschaffung des Paragrafen 218.ce

„Wir haben abgetrieben“ - arte, Dokumentation Mittwoch , 21.05 Uhr

Christiane Eikmann und Paul Barz

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