Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Im Bett mit der Großmacht Facebook

Kongress "Zeitung Digital" Im Bett mit der Großmacht Facebook

Die US-Konzerne Google, Facebook und Twitter bieten den traditionellen Medien ihre Dienste an. Die deutschen Zeitungsverlage bleiben skeptisch. Zu groß ist die Angst vor einer Abhängigkeit.

Voriger Artikel
Günther Jauch scheitert mit Klage gegen "Bunte"
Nächster Artikel
Erdogan scheitert gegen Springer-Chef

Facebook, Google und Twitter bieten den deutschen Zeitungen ihre Dienste an. Aber diese bleiben skeptisch.

Quelle: dpa

Berlin. Aus Umarmungen entstehen schnell Würgemale. Mit diesem Satz mahnte die am Montag in den Ruhestand verabschiedete RBB-Intendantin Dagmar Reim gern zu journalistischer Distanz.

Der Satz, auf Politiker gemünzt, lässt sich auch auf Google, Facebook oder Twitter anwenden. Alle drei waren in Berlin beim diesjährigen Kongress "Zeitung Digital" mit Rednern vertreten. Jeder adressierte unabhängig vom anderen an die Verlage dieselbe Botschaft: "Wir helfen Ihnen", "wir gehen das mit Ihnen gemeinsam an", "wir machen das alles für Sie".

Twitter will beim Geldverdienen helfen

Der Twitter-Vertreter sagte gar zu, bei der Monetarisierung der Geschäftsmodelle zu helfen, was insofern stutzig machte, da Twitter selbst ein Problem damit hat, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln, mit dem Geld zu verdienen ist.

Über Erlösrückgänge in Folge des digitalen Wandels klagen Zeitungsverlage seit Jahren. Doch sei Deutschland für Zeitungen und Nachrichtenmedien einer der stabilsten Märkte in Europa. Zu diesem Schluss kommt der Welt-Zeitungsverband Wan-Ifra in seiner jüngsten, jährlich veröffentlichten Studie "World Press Trends".

Das Regionale ist die Stärke der Zeitungen

Anscheinend profitiert die deutsche Zeitungslandschaft im internationalen Vergleich von ihrer Stärke im Regionalen. Inzwischen fallen 53 Prozent der Einnahmen auf die Verkaufserlöse. War früher Werbung mit einem Anteil von zwei Dritteln die größte Einnahmequelle, sind es also nun die Leser.

Umso wichtiger ist es, dass Zeitungen ihre Leser dort erreichen, wo sie unterwegs sind, und das ist zunehmend online und in sozialen Netzwerken. Es gibt die unterschiedlichsten Plattformen, von denen jede ihre ganz eigene Form der Aufbereitung journalistischer Inhalte erfordert.

Irgendwo wird das nächste Snapchat entwickelt

Ständig kommen neue hinzu, erzeugen Hypes und rücken bestehende in den Schatten. Entsprechend gelte, "demütig bleiben", sagte Springer-Vorstand Jan Bayer, denn: "Das nächste Buzzfeed oder Snapchat wird gerade irgendwo entwickelt", und keiner ahnt, was es sein wird.

Aufmerksam verfolgen die Verlage jede technische Neuerung, während die Entwickler bei Google, Facebook und Twitter sich mühen, ständig neue Anwendungen anzubieten. Twitter etwa versprach, für Nutzer intuitiver bedienbar zu werden. Zudem sollen mit Periscope erstellte Videos demnächst direkt in Tweets eingebettet werden können.

Handy-Videos sind noch kein Journalismus

Die Erfahrung lehrt: Bewegtbild erhöht die Aufmerksamkeit und die Bereitschaft der Nutzer, Tweets zu teilen, um 62 Prozent. Zudem ermögliche das Filmen von Live-Geschehen neue journalistische Erzählformen, sagte der Twitter-Manager. Allerdings ist das Draufhalten mit der Kamera allein kein Journalismus, und die Angst ist begründet, dass Nutzer künftig vermehrt live Zeuge von Attentaten und Verbrechen jeglicher Art werden.

Mit einem anderen Instrument experimentieren neuerdings mehrere Medien: Facebook bietet Instant Articles an, die sich beim Klicken auf einen Link ohne Verzögerung öffnen lassen. Mathias Müller von Blumencron, der Chefredakteur der digitalen FAZ, zieht daraus die Lehre, Zeitungs-Webseiten von ihrer Opulenz zu befreien. Sie führen zu langen Ladezeiten, die den Nutzer nerven. Ungeduldig bricht er den Ladevorgang ab und verzichtet damit darauf, einen Artikel zu lesen.

Werbung muss kreativer werden

Ähnliches gilt für Werbung. Auch sie muss lernen, weniger aufdringlich und kreativer zu sein, denn ihre nervigen Auftritte haben dazu geführt, dass inzwischen rund 30 Prozent der Nutzer kleine Programme installiert haben, um Online-Werbung zu blockieren.

Vor allem in Deutschland sind sogenannte Adblocker beliebt. Sie sind laut Wan-Ifra eine "ernsthafte potenzielle Bedrohung". Durch sie gingen Medien jährlich schätzungsweise 40 Milliarden Euro weltweit verloren.

Mit der Großmacht Facebook im Bett

Facebooks Dienste zu nutzen, sagte Blumencron, bedeute allerdings, "sich mit einer Großmacht ins Bett zu legen", einer Großmacht, "die wir nicht steuern können". Die frühere "Buzzfeed"-Chefredakteurin Juliane Leopold, neuerdings Beraterin bei "tagesschau.de", warnte: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Facebook anfängt, die Sichtbarkeit von Inhalten zu monetarisieren."

Der Kongress "Zeitung Digital" begann, wie er endete – mit dem Blick auf andere Branchen. Ein VW-Manager sprach über selbstfahrende Autos und ließ die Vision entstehen, eines Tages die Windschutzscheibe während der Fahrt als Bildschirm für Filme oder Netzanwendungen zu nutzen.

Autonomes Fahren schenke frei verfügbare Zeit, man könne dann reisen wie im Zug. Realität ist, dass flächendeckendes W-LAN bei der Bahn nach wie vor nicht funktioniert. Das werde sich ändern, versicherte Bahn-Chef Rüdiger Grube. Er versprach funktionierendes W-LAN, auch für die zweite Klasse, bis Jahresende denn: "Ich habe selbst die Schnauze voll."

Von Ulrike Simon/RND

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien
HAZ-Volontäre gewinnen Medienpreis der Architektenkammer

Mit ihrer multimedialen Berichterstattung über die Wasserstadt Limmer haben die Volontäre der HAZ beim Medienpreis der Bundesarchitektenkammer den ersten Platz belegt.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen