Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Bei vielen überwiegt die Sorge vor der neuen Internetkultur

Podiumsdiskussion Bei vielen überwiegt die Sorge vor der neuen Internetkultur

Zwiespalt zwischen privat und öffentlich: Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat in Hannover zur Podiumsdiskussion über Möglichkeiten und Gefahren der vernetzten Gesellschaft eingeladen, bei der eines deutlich wird - bei vielen überwiegt die Sorge.

Voriger Artikel
Elton übernimmt ZDF-Kinderrateshow “1, 2 oder 3“
Nächster Artikel
Google darf weiter Minifotos bei Bildersuche anzeigen

Diskutierten über die Rechte in der vernetzten Gesellschaft: HAZ-Mitarbeiter Dirk Kirchberg, Medienpolitikerin Daniela Behrens, Soziale-Medien-Experte Nico Lumma, die frühere Justizministerin Brigitte Zypries und Moderator Tim Schlüter (von links).

Quelle: Martin Steiner

Empörung und Unglauben werden im Saal im Leineschloss spürbar: Gerade hat eine Zuhörerin geschildert, von ihrem Arbeitgeber entlassen worden zu sein, weil sie nicht dazu bereit gewesen sei, das Internet-Kontakte-Netzwerk Xing für die Arbeit der Firma zu nutzen, wie ihr Chef forderte. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte zur Podiumsdiskussion über Möglichkeiten und Gefahren der vernetzten Gesellschaft eingeladen. Und Brigitte Zypries, die frühere Bundesjustizministerin, hatte die Gesprächsrunde und ihre gut 200 Zuhörer bereits in ihrer Einführung auf die Vielfältigkeit der entstehenden Probleme eingestimmt.

Spätestens bei diesem Diskussionsbeitrag der Zuhörerin war man mittendrin: Muss jedermann die sozialen Medien wie Xing, Facebook und Twitter nutzen, sogar beruflich, um in der neuen Welt des Internets dabei zu sein? Zypries hat für sich selbst die Antwort gefunden: Sie nutze das Netz durchaus für Bestellungen etwa von Flügen und bei Fleurop, seltener auch beim Buchdienst Amazon. „Die sozialen Netze finde ich aber furchtbar“, sagte sie. Diese Dienste seien „zeitfresserisch“. Die prominente Politikerin hat die Erfahrung gemacht, dass man schon „schmerzfrei“ sein müsse, wenn man mit den vielen „Freunde“-Anfragen bei ­Facebook und Co. konfrontiert werde.

Wer nicht mitmachen will bei dem jüngsten Dreh der Internetentwicklung, der soll es auch nicht müssen. So lautet eine Zusammenfassung dieser Expertenrunde. Doch wer sich aufs Netz einlässt, soll sich auf Grundregeln des Miteinanders verlassen können, argumentierte Zypries. Und da liegt noch vieles im Argen.

Zypries befürwortete in der Veranstaltung ein eigenständiges Netzgesetzbuch. Für den Verbraucherschutz böte eine solche Zusammenstellung von Gesetzesregelungen eine gute Orientierungshilfe: Wie ist das etwa mit der Impressumspflicht für eigene Webseiten? Mit dem Rückgaberecht bei Internetbestellungen? Zypries sprach der groß angelegten Aufklärung von Nutzern das Wort, insbesondere mit Blick auf Kinder (die beim Chatten und Schreiben in Netzwerken auf getarnte Erwachsene mit bösen Absichten stoßen können), aber auch auf Auswüchse wie Abmahnfirmen, die für die zugegeben unlautere Nutzung fremder Katzenfotos auf der eigenen Homepage Abmahnungen und Anwaltskosten dafür in vierstelliger Summe verschicken. Solche Schreiben von Abmahnfirmen solle man stets wegschmeißen, sagte Zypries, reagieren müsse man erst auf einen Mahnbescheid. [ Update 1: Entgegen einer früheren Darstellung in diesem Artikel hat das Büro von Frau Zypries das Zitat korrigieren lassen - in der ersten Fassung lautete es: "Solche Schreiben solle man stets wegschmeißen, sagte Zypries, reagieren müsse man erst auf einen Mahnbescheid."]

Doch sollte die neue Vernetzung nicht verteufelt werden: So empfand es Nico Lumma als große Chance, die sozialen Medien für ein Unternehmen zu nutzen: „Wir raten dazu, in den sozialen Netzwerken als Sprecher des Unternehmens zu wirken“, sagte der „Social Media Director“ von Scholz & Friends aus Hamburg. So seien die sozialen Medien ein gewinnbringendes Mittel herauszufinden, was die Kunden eigentlich wollten. Daniela Behrens, medienpolitische Sprecherin der SPD im Landtag, schlug die Brücke von der virtuellen zur realen Welt: Beispielsweise würde es etwa bei Unternehmen in der Region durchaus gerne gesehen, wenn Mitarbeiter in örtlichen Vereinen in Funktionen als Schatzmeister oder Schriftführer aktiv werden. Und HAZ-Mitarbeiter Dirk Kirchberg, der für diese Zeitung unter anderem als Blogger unter http://kirchberg.haz.de schreibt, warnte davor, stets nur auf die Gefahren der Netznutzung zu pochen: „Die Vorzüge überwiegen.“

Die „Verschriftlichung von Dingen“ (Lumma), die früher am Stammtisch diskutiert wurden, machten die Diskussionsteilnehmer letztlich als neue Kulturtechnik aus; als vielfach noch unerprobte, aber von manchen gerne ausgeübte Nutzung des Netzes.

Die eingangs erwähnte Zuhörerin, die trotz Aufforderung durch ihren Arbeitgeber nicht bei Xing einsteigen wollte, verbat sich ironischerweise eine solche weitere Verschriftlichung ihres Falls in der Zeitung und damit auch im Netz – obgleich ihr Fall zweifellos über die Podiumsdiskussion hinaus interessant ist. Jegliche öffentliche Äußerung dazu sei mit ihrem Anwalt abzustimmen, sagte sie im Anschluss an die Veranstaltung.

Das passte: Einerseits wird es immer einfacher, sich öffentlich zu äußern. Und doch wird es immer komplizierter. [ Update 2: Brigitte Zypries hat um folgende Klarstellung gebeten: "Ich habe in der Veranstaltung der FES nicht gesagt, dass Abmahnungen wegen der 'unlauteren Nutzung fremder Katzenfotos' wegzuschmeißen seien. Die Aussage, dass der Verbraucher erst auf einen Mahnbescheid reagieren muss, bezog sich auf die Firmen, die Rechnungen wegen eines vermeintlichen Vertragsabschlusses im Internet verschicken, der aber nicht getätigt wurde."]

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien
Die Foto-Trends der Photokina

Hochwertige Standbilder aus Videos, Fernsteuerung per Smartphone oder riesige Sensoren: Das sind die Trends der Foto-Messe Photokina.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen