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Bettina Schausten über ihre "Sommerinterviews"

"Bloß keine Kumpanei" Bettina Schausten über ihre "Sommerinterviews"

Seit über 25 Jahren sind die „Sommerinterviews“ im ZDF fester Bestandteil des TV-Programms. Auch dieses Jahr treffen sich Journalisten des ZDF-Hauptstadtstudios mit Spitzenpolitikern zu vergleichsweise entspannten Gesprächen unter freiem Himmel. Ein Interview mit Fragestellerin Bettina Schausten.

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Bettina Schausten leitet seit 2010 das Hauptstadtstudio des ZDF in Berlin.

Quelle: Alexander Babic/ZDF

Frau Schausten, normalerweise interviewen Sie Politiker, jetzt interviewe ich Sie. Was ist Ihnen denn lieber?
Mir ist deutlich lieber, wenn ich die Fragen stelle, das ist ja mein Job. Und wenn es nötig ist, sind es auch mal unliebsame Fragen.

Wobei die Antworten in diesen Fällen ja oft wenig überraschend sind, oder?
Stimmt schon, und manchmal würde ich tatsächlich gerne mehr von meinen Gesprächspartnern überrascht werden. Politiker sind heutzutage erfahrene Medienprofis, sie wägen ihre Antworten sorgfältig ab und lassen sich eher ungern auf ein wirkliches Gespräch ein. Die Chance dazu ergibt sich bei den „Sommerinterviews“ noch am ehesten.

Geht es bei denen entspannter zu als im politischen Alltagsbetrieb?
Ja, vielleicht begegnet man sich tatsächlich etwas entspannter, das Ganze findet ja auch nicht im Studio, sondern an einem anderen Ort, gerne auch im Freien, statt. Aber es sind deshalb keine netten Plaudereien, es geht genauso zur Sache wie sonst. Der Vorteil bei den „Sommerinterviews“ ist aber, dass man mehr Zeit hat nachzufragen und der Gesprächspartner auch mal den zweiten oder dritten Gedanken zu einem Thema entwickeln kann.

Kann man einen Wortwechsel zwischen Politiker und Journalist vor einer Kamera überhaupt als Gespräch bezeichnen, oder handelt es sich nicht immer um ein Ritual nach festgelegten Regeln?
Natürlich haben politische Interviews manchmal auch Ritualcharakter, gerade im schnellen Tagesgeschäft. Da hört man sicher auch mal vorgefertigte Antworten. Bei den „Sommerinterviews“ geht es aber eigentlich um ein schönes Ritual, muss ich sagen. Dass wir nach wie vor daran festhalten, hat vor allem damit zu tun, dass wir mit diesen Gesprächen ja nicht nur schnelle News produzieren wollen, sondern auch mal stärker in die Köpfe der Politiker reingucken können. Was führt einen Politiker zu bestimmten Entscheidungen, welche Ziele hat er, was treibt ihn an? Das finde ich spannend.

Was unternehmen Sie gegen Floskeln, Plattitüden und anderes Politiker-Blabla?
Nachfragen. Die gute alte Methode des Nachhakens, es noch einmal aus einer anderen Richtung versuchen, nicht lockerlassen. Ein guter Trick ist auch, erwartbare Antworten schon vorwegzunehmen, um gleich zum Kern zu kommen. Das A und O ist aber, in der Sache gut vorbereitet zu sein. Das zwingt den Gesprächspartner zur Argumentation, das beste Rezept gegen Floskeln.

Was halten Sie davon, den Gesprächspartner zu unterbrechen?
Das ist eine zweischneidige Geschichte, weil das Unterbrechen vom Zuschauer schnell als Unhöflichkeit und nicht als Hartnäckigkeit wahrgenommen wird. Dennoch muss man manchmal unterbrechen, wenn jemand nicht zum Ende kommt. Gerade in den „Sommerinterviews“ soll ein Politiker aber auch die Möglichkeit haben, einen Gedanken länger zu entwickeln.

Welche Fehler muss man als Journalist im Umgang mit Politikern unbedingt vermeiden?
Kumpanei. Man muss sich als politischer Journalist immer bewusst machen, dass man sich zwar mit den gleichen Dingen wie die Politiker beschäftigt, aber nicht auf der gleichen Seite steht. Die Rollenverteilung muss einem bewusst sein. Trotz örtlicher Nähe muss man auf Abstand bleiben. Das ist gerade heutzutage enorm wichtig, weil viele Zuschauer ja auch den Verdacht hegen, Politiker und Journalisten steckten ohnehin unter einer Decke.

Ist der völlig unbegründet?
Ehrlich gesagt finde ich ihn heutzutage unbegründeter als früher – als eine Journalistengeneration sich selbst noch viel stärker politisch verortete. Trotzdem muss man Kritik und Zweifel der Zuschauer sehr ernst nehmen. Wir erleben
ja eine Glaubwürdigkeitskrise insgesamt, die die Politik, die Medien und andere große Organisationen betrifft. Und wir Journalisten tun gut daran, uns den Zweifeln offen und aktiv zu stellen, inklusive Selbstkritik.

Pflegen Sie trotzdem mit dem ein oder anderen Politiker so etwas wie eine Freundschaft?
Viele sieht man häufig, klar. Berliner Politikjournalismus ist eine Art Lokaljournalismus. Man ist täglich mit dem Gegenstand seiner Berichterstattung konfrontiert und begegnet ihm. Aber nein, keine Freundschaft. Allerdings nicht, weil ich Politiker für die schlechteren Menschen hielte. Im Gegenteil, vor dem Pensum und dem Engagement vieler habe ich höchsten Respekt. Aber die Distanz muss gewahrt werden.

Interview: Martin Weber

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