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Bier auf Papier

Neuer Magazin-Trend Bier auf Papier

Seit Firmenkantinen Quinoa-Aubergine-Aufläufe feilbieten und Versandhäuser fliederfarbene Herrenjackets in Kartons mit Schleifchen verschicken, boomt der Markt für Echte-Kerle-Zeug: Jetzt feiern neue Biermagazine die Braukunst als edles Handwerk für Individualisten und echte Kerle.

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Voll im Trend: Magazine für Bierliebhaber. 

Quelle: dpa

Hannover. Seit Firmenkantinen Quinoa-Aubergine-Aufläufe feilbieten und Versandhäuser fliederfarbene Herrenjackets in Kartons mit Schleifchen verschicken, boomt der Markt für Echte-Kerle-Zeug: Überlebenshandbücher, Fischwender für den Heimgrill, Mehrzweck-Tools, Trekking-Klamotten, Smoker in Kleinlokomotivenoptik, nachrüstbare Kuhfänger für SUVs mit Sitzheizung. Es ist der Gegentrend zur schleichenden Laura-Ashleysierung der Welt. Der urbane Ökokisten-Abonnent treibt seine Rerustikalisierung voran. Und alles, was Naturnähe plus Kernigkeit verheißt, verkauft sich wie geschnitten Vollkornbrot.

Im Getränkebereich etwa ist der Craft-Bier-Boom ungebrochen. Die Getränkemarktregale sind voll von bunten Flaschen im Vintage-Look, deren Etiketten alle so aussehen wie das Ladenschild eines texanischen Barbiers von 1926. Endlich haben auch Manufactum-Kunden etwas zu trinken: Bananen-, Zimt-, Holunder-, Schokoladen- und Austernbier, Pils mit geröstetem Seetang, Bier mit Tomate und Sellerie. Die Szene sieht sich als kreatives Widerstandsnest gegen die Globalisierung des Geschmacks durch die Googles und Facebooks der Bierwelt: Anheuser-Busch InBev, Heineken, Miller, Carlsberg. In Wahrheit aber ist auch die Craft-Bier-Welt längst durchkommerzialisiert – als Hoffnungsmarkt für Großbrauereien in der Absatzkrise.

Banane? Zimt? Bis vor 500 Jahren waren die wichtigsten Zutaten beim Bierbrauen Glück und ein schnelles Pferd. Betrügerische Panscher verkauften lausiges Gesöff aus alter Erbsensuppe, toter Katze und Schafsgedärm als „Bier“. Mit dem echten Zeug hatte das so viel zu tun wie heute eine Jack-Wolfskin-Jacke mit dem Himalaja. Das Reinheitsgebot war ein Segen – freilich beschreibt es bloß den Inhalt des Bieres, nicht den Herstellungsprozess. Gesetzlich erlaubt sind heute stolze 66 Zusatzstoffe, darunter der Schaumstabilisator E 405 (Propylen-Alginat) und Rückstände von dem Zeug, mit dem der Braumeister den Kessel sauber macht. Der deutsche Trinker ist trotzdem stolz auf seine 5000 leidlich konsuma- blen Biersorten. Kölsch und Rauchbier nicht mitgerechnet – das schmeckt ja eher, als hätte jemand drei Bifis in einer Tasse Buttermilch vergessen.

Im 500. Jahr des Reinheitsgebotes feiern eine Reihe neuer Zeitschriften die Braukunst als edles Handwerk für echte Kerle und Genussoase für Individualisten. Jede möchte gern die „Landlust“ mit Schuss werden. Wenn man dem Marketing glaubt, hat sich Bierkonsum ja von der lässlichen Sünde zum Vollwerthobby gemausert, samt Fachvokabular, Zubehördebatten und stolzen Geschichten über die Helden der Szene.

Der Pionier unter den neueren Bierblättern ist „Bier & Brauhaus“ aus München. Zuletzt ging’s darin um die Bierkönigin Marlene Speck, „Hefemanagement für Hobbybrauer“ sowie „die Eleganz vollendeter Sauerbier-Spezialitäten“. Im Magazin „Craft“ aus dem eher weinorientierten Meininger Verlag geht Chefredakteur Dirk Omlor auf Sauftour durch die USA, dazu gibt’s einen Besuch bei einem Fassbauer in Bad Dürkheim sowie das Drama um Luitpold Prinz von Bayern, der so gern sein Bier auf dem Oktoberfest verkaufen würde. Zielgruppe des Magazins unter anderem: „Braukünstler und Bierkeeper“.

Die soeben erschienene Zeitschrift „Bier“ aus dem Motor Presse Verlag in Stuttgart („auto, motor und sport“) dagegen sieht sich nicht als Nischenblatt, sondern als das „11 Freunde“ der Bierwelt. Im Editorial zitiert man etwas pathetisch Victor Hugo: „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – ein überraschender Ansatz für ein 9000 Jahre altes Getränk. Im Heftinnern geht es um eine schwäbische Traditionsbrauerei, die Marketingfüchse der Astra-Brauerei in Hamburg, die Biersommelière Simone Bletsas („sie lächelt ein schönes Sommelière-Lächeln“), Sparclub-Romantik in urigen Eckkneipen und eine Kneipen-Kiosk-Tour über die Limmerstraße in Hannover („Auf Limmer und ewig“) – frischer Wind in der betulichen Welt der Lebensmittelpresse.

Nun könnte man meinen, Bier sei mit seinen vier Zutaten Wasser, Gerste, Hopfen und Hefe schnell erklärt. „Weil’s schmeckt“, heißt es schlicht im Untertitel von „Bier“. Punkt. Fertig. Zweieinhalb Worte. Für Sebastian Schack und Boris Georgiev aber, die Chefredakteure des Konkurrenzmagazins „Craft Beer“ aus Kiel, geht es um mehr. Für sie ist Craft-Bier „Ausdruck einer Haltung und eines Lebensgefühls“.

Man kann sich die Tatsache nicht schöntrinken, dass Menschen über etwas, das sie gern konsumieren, nicht zwingend auch gern lesen. Andererseits: Beim Fleisch hat’s ja auch geklappt. „Beef!“, das Fachorgan für Rohfleischkonsum von Gruner+Jahr, ist eine Erfolgsgeschichte. Noch so’n Männerding.

Es ist aller Ehren wert, eine publizistische Schneise durchs Bierregal schlagen zu wollen. Und tatsächlich wäre Bier ein taugliches Thema, um Komplexes wie die Globalisierung, die Gesetze der Ernährungsmoden, Technik und Traditionen zu veranschaulichen. Leider beschränken sich die Biermagazine zumeist darauf, Kleinbrauereien abzuklatschen, potenzielle Anzeigenkunden mit langen Listen empfehlenswerter Biersorten zu erfreuen und Bier als Lifestyle-Accessoire zu feiern. Inhaltlich bleibt manche Geschichte im alkoholfreien Bereich. Und berauscht sich lieber optisch an eiskalt perlenden Tropfen im Gegenlicht. Das liegt auch daran, dass eben nicht jeder, der gleichzeitig trinkt und schreibt, automatisch zum Bukowski wird.

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