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Medien Bis(s) zum Abwinken - Die ARD nervt ihre Zuschauer
Nachrichten Medien Bis(s) zum Abwinken - Die ARD nervt ihre Zuschauer
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20:42 25.10.2010
Von Imre Grimm
Caren Miosga, Tim Mälzer und Ranga Yogeshwar sind die Paten der ARD-Themenwoche 2010. Quelle: ARD
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Als ob es nicht schon genug Köche im deutschen Fernsehen gäbe. Als ob es nicht schon allerorten dampfen, brutzeln und schmurgeln würde. Als ob nicht längst jeder Pommestütenaufreißer theoretisch doch irgendwie wüsste, dass dampfgegarter Brokkoli prinzipiell gesünder ist als ein Cheeseburger. Und auch die Geschichte von den aus Holzspänen gewonnenen Aromastoffen in den bunten Joghurts haben wir schon vier- bis fünfmal gehört.

Und dennoch: Für eine Woche kennt die ARD kein Erbarmen. Und nur noch ein Thema: Ernährung. Bis tief hinunter in die Verästelungen der Senderfamilie käuen die neun Anstalten in Fernsehen, Radio und Internet noch die letzten Detailfragen zur Nahrungsaufnahme wieder – von der „Sendung mit der Maus“ zum Spezialthema „Kartoffel“ bis zu „Titel, Thesen, Temperamente“ über ein neues Buch mit der bewegenden These, dass Pizza weltweit ganz gern gegessen werde und somit ein Gleichnis für die Globalisierung sei.

Ranga Yogeshwar erklärt die fieses­ten Lebensmittelzusatzstoffe, Sandra Maisch­bergers Gäste diskutieren die Frage, ob Karotten gegen Krebs oder Fischgerichte gegen Herzinfarkt helfen, Tim Mälzer darf dem Publikum als „Themenwochen-Pate“ auf NDR Info und anderswo in Dauerschleife die unbedingte Notwendigkeit seines Engagements erläutern. Anne Will fragt „Currywurst statt Tofu-Burger?“, und Reinhold Beckmann stellte gestern Abend – ausnahmsweise schon um 20.15 Uhr – die immer wieder gern gehörte Frage „Was ist wirklich drin in unseren Lebensmitteln?“. Man könnte umschalten. Aber es gibt kein Entkommen. Allein der Südwestrundfunk steuert knapp 20 Sendungen und ungezählte Einzelbeiträge bei. Eine kleine Titelauswahl aus dem ARD-Programm: „Generation XXL – Die jungen Dicken“, „Verführer Supermarkt“, „Sushi – Ein Reisball erobert die Welt“, „Alles Bio?“, „Mittags in Deutschland“, „betrifft: Das Klonschnitzel“, „Essen – Feind und Lebenselixier“, „Von Alb­linsen und Wildkräutern“ – es ist ein endloser Strom. Im Internet ließ man parallel aus 100 Mahlzeiten die Leibspeisen der Deutschen wählen („Sauerbraten, Pizza oder Döner? Es bleibt spannend bis zum Schluss“).

Gerade 48 Stunden war die Themenwoche mit dem seltsamen Motto „Essen ist Leben“ am Montag alt – und man konnte schon da den Eindruck haben, dieses Land hätte noch nie etwas von den Segnungen des Vitamins C, von Chutney oder von Shiitake-Pilzen gehört. Die erbarmungslose Penetranz mag für Diätberater, Freizeitköche und Ökotrophologen hoch spannend sein. Für den Normalkonsumenten dagegen, der leidlich über die bösen Zuckerstückchen in der Cola, die globale Macht der Lebensmittelmultis und die Ernährungspyramide informiert ist, stellt sich schnell ein Gefühl von Überfütterung ein, wenn er sich jetzt bitte auch noch für „Gourmet-Heu im Naturpark Saar-Hunsrück“ interessieren soll. Essen, Essen, Essen – bis(s) zum Abwinken. Stellen wir uns kurz vor, ein Gast aus Übersee sähe in dieser Woche erstmals deutsches Fernsehen – er muss glauben, deutsche Esser hätten bisher ihre Zähne unter Grunzlauten in rohes Fleisch gehauen und würden nun endlich mit Penne Arrabiata bekannt gemacht.

Ja, unser Fleisch ist zu billig. Ja, wir sollen bitte nichts essen, was unsere Großmutter nicht als Nahrung erkannt hätte oder was mehr als fünf Inhaltsstoffe hat. So weit, so gut. Aber dass am Sonntag dann auch noch der „Tatort“ in schwer erträglichem Missionarsstil vor den Gefahren chemisch verseuchter Energy-Milchdrinks warnen musste, war des Guten zu viel. Und als Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) seiner künftigen Vizeermittlerin Sarah Brandt (Sibel Kekili) dann auch noch ein rohes Steak als Dankeschön fürs Autoreparieren reichte, reifte im Zuschauer die Überzeugung, dass dieser „Tatort“ im Prinzip nur eine überraschende Erkenntnis bereithielt: Ja, auch Reinhold Beckmann kann kritische, kluge Fragen stellen, wenn man sie ihm vorher ins Drehbuch schreibt.

Wie bei den vier bisherigen ARD-Themenwochen „Krebs – Leben, was sonst?“ (2006), „Kinder sind Zukunft“ (2007), „Demografischer Wandel“ (2008) und „Ehrenamt“ (2009) will das Erste „informieren, aufklären, sensibilisieren“, wie der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust sagte. Lutz Marmor, Intendant des federführenden NDR, lobt die Themenwoche über den grünen Klee. Die guten Quoten für „Tatort“ & Co. zeigten, dass das „vielfältige Thema die Menschen sehr interessiert“. Anders als bei den bisherigen Themenschwerpunkten freilich herrschte in Sachen Ernährung zuletzt nicht gerade ein Mangel an Sendezeit. Nicht wenigen faktensatten Zuschauern dient das Themenwochen-Logo oben links auf dem ARD-Bildschirm als Warnhinweis: Schalt weiter, es geht schon wieder ums Essen.

Die Politik jedoch macht gerne mit: Dass Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) just zum Auftakt der ARD-Themenwoche den Start eines lebensmittelkritischen Internetportals für das Frühjahr 2011 ankündigte, wirkt wie ein politisches Geschenk, das sich die ARD für ihr Engagement auf die Fahnen schreiben darf. Auch „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga lässt sich dazu herab, die Themenwoche mit ihrem Gesicht als „journalistisch relevant“ zu bewimpeln, wie überhaupt die Trennung von Nachrichtenwesen und Unterhaltung im Ersten und anderswo zunehmend aufweicht.

Keine Missverständnisse: Natürlich ist das Thema wichtig. Selbstverständlich gehören die Ernährungsnöte von Schulkindern, das Leiden in der afrikanischen Sahelzone oder eine aufwendige, erkenntnisreiche Dokumentation wie „Hunger: Die neue Weltmacht“ ins Programm. Das vielschichtige Unterfangen freilich in weiten Teilen mit Tim Mälzer, Cornelia Poletto und Ranga Yogeshwar zu bestreiten, die offensichtlich eine Woche ohne Schlaf auskommen (wahrscheinlich eine Frage der Ernährung), nützt wenig. Man kann die Frage stellen, ob die schiere Masse nicht denselben Effekt hat wie vier Tüten Chips: Irgendwann verliert die Sache ihren Reiz. Das kann kaum die Absicht gewesen sein.

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