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Blendle-Bilanz nach vier Monaten Deutschland

Online-Kiosk für Artikel Blendle-Bilanz nach vier Monaten Deutschland

Im September startete der Online Kiosk Blendle – sein deutscher Redaktionsleiter ist bisher zufrieden. Das junge Start-Up hat das Potenzial, unseren News-Konsum zu verändern. Statt Populismus setzt das Unternehmen auf Journalismus. Und das kommt bei den Lesern gut an.

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Kein Käse aus Holland: Die Blendle-Erfinder Marten Blankesteijn (li.) und Alexander Klopping.

Quelle: dpa

Berlin. Als Michael Jarjour beim Radio arbeitete, bekam er von seinem damaligen Chef häufig zu hören: "Du musst immer davon ausgehen, dass die Leute dumm sind". Der 31-Jährige glaubt, viele Redaktionen unterforderten ihre Nutzer, Leser, Hörer oder Zuschauer, "dabei gibt es eine ganze Menge Leute wie mich, mit einer riesigen Lust, die Welt besser zu verstehen". Für sie sei Blendle gemacht: "Wir richten uns an die, die wirklich etwas verstehen wollen", sagt der Redaktionsleiter der deutschen Ausgabe des vor vier Monaten gestarteten Online-Kiosks.

Sreaming-Dienst für Leseratten

Aus rund hundert Zeitungen, Magazinen und Fachzeitschriften kann der Nutzer bei Blendle  für ein paar Cent bis wenige Euro einzelne Artikel kaufen. Beworben werden die nach Ansicht der fünf Blendle-Kuratoren besten Artikel des Tages via Twitter, Facebook und in einem täglichen Newsletter für registrierte Nutzer. Wer versehentlich auf einen Link klickt und den Artikel binnen zehn Sekunden schließt oder wen ein Artikel in seiner Erwartung enttäuscht, bekommt sein Geld zurück.

"Supernett zu sein ist uns superwichtig", sagt Jarjour und erzählt, wie es ihm kürzlich wieder passiert ist, dass die Finger schneller waren als sein Kopf. "Dieses Video wird Dein Leben verändern", las er irgendwo im Netz. Er klickte auf den Link und ärgerte sich über den Schrott, den er zu sehen bekam. "Es gibt zu viele Anbieter, die nur auf schnelle Klicks aus sind, für die Info zwischendurch. Denen glaube ich als Leser dann allerdings auch nicht, dass sie auf meiner Seite sind und meine Interessen vertreten".

Blendle will sich davon unterscheiden: durch die Auswahl der empfohlenen Artikel und dadurch, dass aus den Empfehlungen zwar die Begeisterung der Kuratoren spricht, aber keine falschen Erwartungen geweckt werden: "Der Nutzer will ernst genommen werden, dann ist er auch bereit zu zahlen".

Journalismus hat Priorität

Oberste Priorität habe der Journalismus. Jarjour sagt: "Wir können das, was wir machen, nicht mit jedem x-beliebigen Content machen". Schon schwärmt er von dem aktuellen Aufmacher der "Zeit", der binnen Stunden so oft gekauft wurde wie bisher kein anderer. Und von dem Meinungsstück aus "Cicero", über das er sich selbst aufgeregt hat, dank dem er aber seine eigenen Argumente schärfen konnte. Oder von dem langen Recherchestück, das sicherlich nicht viele interessiert habe. Die, die es aber gelesen hätten, hätten richtig viel lernen können.

Bisher war es so: Nur Leser von "Neon" bekamen mit, wenn dort eine richtig tolle Reportage stand. Wer sich nur für diesen einen Artikel aus der "Financial Times" interessierte, überlegte sich dennoch, ob er sich dafür eigens die britische Zeitung besorgen soll. Jarjour versteigt sich daher zu der Aussage: "Blendle erhöht die Medienvielfalt".

Zu lange hätten die Verlage guten Journalismus online verschenkt, doch Jarjour registriert, dass die Häuser das inzwischen restriktiver handhaben: "Das ist gut für den Journalismus und gut für Blendle".  Aber schadet es den Medienmarken nicht, wenn Leser nur auf einzelne Artikel fixiert sind? Jarjour widerspricht: "Medienmarken sind auf Blendle superwichtig. Das ist nicht wie bei Facebook. Für unsere Nutzer macht es einen riesigen Unterschied, in welchem Medium ein Artikel steht, den wir empfehlen."

Blendle noch kein Begriff

Mehr als acht Empfehlungen pro Tag schaffen es jedoch nicht in den Newsletter. Alle anderen haben kaum Chance, wahrgenommen und damit gekauft zu werden – mag ein Text noch so klug, rechercheintensiv und relevant sein. Jarjour appelliert an die Redaktionen, Blendle gezielt auf solche Perlen hinzuweisen, räumt aber Optimierungsbedarf ein. Zugleich bittet er um Geduld für das junge Start-up-Unternehmen. Das gilt insbesondere bei Fragen zur Anzahl der verkauften Artikel und registrierten Nutzern.

Derzeit arbeiten die Programmierer der Blendle-Zentrale in Utrecht an einem Button, über den jede Webseite das Bezahlsystem nutzen könnte. Noch in diesem Jahr sollen die Artikel auch im Offline-Modus genutzt werden können. In Kürze startet zudem eine Werbeaktion für den Newsletter. Noch ist Blendle zu wenigen ein Begriff, weshalb für die Verlage die Erlöse aus dem 70-prozentigen Anteil für jeden Artikelverkauf sehr überschaubar sind. Ein wenig liege das auch an der Preispolitik der Verlage, glaubt Jarjour.

Deutsche Verlage seien zwar innovationsfreudig und wüssten, dass sie mit ihren Lesern Geld verdienen müssen. Erwiesen sei aber auch, "dass die Verkäufe bei niedrigeren Preisen enorm ansteigen". Anscheinend müssen alle noch Erfahrungen sammeln: Blendle, die Verlage und die Leser.

Von Ulrike Simon

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